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Das verrät der Kehlkopf

Wenn wir sprechen, teilen wir mehr mit, als wir sagen. Stimme ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit. Allerdings ist niemand ein Opfer seines Reibeisens. Denn Stimmen sind veränderbar.

Von Lea Wolz

Aus unserer Stimme lässt sich mehr heraushören, als wir gemeinhin denken. Alter, Geschlecht, Nationalität und unsere Gefühle spiegeln sich wider. Amerikanische Männer sprechen zum Beispiel im Durchschnitt tiefer als deutsche, dagegen säuseln japanische Frauen in den höchsten Tönen. Ein Kind klingt anders als ein Erwachsener, und ein Mädchen anders als ein Junge. Wenn wir aufgeregt sind, zittert unsere Stimme und wenn wir "Ich liebe Dich" sagen und es nicht meinen, dann hört sich das manchmal so an, als ob wir in Stöckelschuhen laufen würden, die uns zu groß sind.

"Unsere Stimme eröffnet uns einen Weg zu unserem Wesen." Hartwig Eckert, Sprachwissenschaftler

Knapp ein Fünftel einer Sekunde braucht unser Gehirn, um die Stimme eines Menschen zuzuordnen. Das ist etwa so lange, wie wir zum Erkennen eines menschlichen Gesichtes benötigen, haben britische Forscher vor Kurzem herausgefunden. Am Telefon reicht daher zumeist ein kurzes "Hallo! Ich bin's." Kennen wir den Anrufer, wissen wir schnell, wer dran ist - und wie es ihm geht.

Verdeckte Botschaften und verbale Visitenkarten

"Stimme ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit, eine Visitenkarte", sagt Hartwig Eckert, Sprachwissenschaftler an der Uni Flensburg. Seit seinem Linguistik-Studium ist der mittlerweile emeritierte Professor fasziniert von dem Phänomen Stimme. Gemeinsam mit dem Phonetiker John Laver von der von der Universität Edinburgh hat er das vergriffene Standardwerk "Menschen und ihre Stimmen" herausgebracht, in dem er auch dem Zusammenhang zwischen Stimme, Stimmung und Person nachgeht. Der spiegelt sich bereits in vielen Sprichwörtern. "Es verschlägt uns die Stimme", wenn "etwas nicht stimmt" oder wir mit uns "nicht im Einklang sind". Auch das Wort Person leitet sich vom lateinischen "personare" ab, was soviel wie "durchtönen" bedeutet. Und schon Sokrates soll sein Gegenüber aufgefordert haben: "Sprich, damit ich dich sehe!" Zeigt der Ton also die Person?

"Wir senden bei jedem Gespräch verdeckte Botschaften aus", sagt Eckert. Denn unsere Stimmung wirkt sich auf den Kehlkopf aus. Empfinden wir Ekel, Angst oder Unsicherheit, schnürt es uns die Kehle zu. Unsere Muskeln spannen sich an, die Resonanzräume verengen sich. "Das Sprechen wird dadurch beeinträchtigt, wir klingen anders", sagt der Sprachwissenschaftler. Und wir ziehen unser Gegenüber unweigerlich mit ins unsere Gefühlswelt hinein.

Tiefe Sprecher wirken kompetent

Spricht jemand dauerhaft zu hoch oder zu tief, überträgt sich die Anspannung auf den Zuhörer. Klingt der Sprecher heiser, spüren wir das Kratzen im Hals. Ist seine Stimme belegt, haben wir das Gefühl, uns räuspern zu müssen. Wissenschaftler sprechen dabei von "innerem Nachvollzug". "Ein weiter und entspannter Kehlraum löst auch beim Zuhörer ein angenehmes Gefühl aus", sagt Eckert. "Eine Verengung signalisiert dagegen, dass ich mich nicht wohl fühle." Doch warum ahmen wir die Stimmlippenbewegungen eines Sprechers nach? Laute retteten früher Leben, erklärt Eckert. "Wenn sich bei unseren Vorfahren die Kehle zusammenschnürte, weil sie etwas Giftiges gegessen hatten, brachten sie Töne wie "Rrrrgg" hervor, was wiederum für andere durch den inneren Nachvollzug ein lebenswichtiges Zeichen war", sagt der Sprachwissenschaftler.

Auch heute hat unsere Stimme noch eine nicht zu unterschätzende Wirkung im Gespräch. Einer Untersuchung zufolge achtet unser Gegenüber nur zu sieben Prozent auf den Inhalt, wenn wir etwas sagen. Fast 40 Prozent der Aufmerksamkeit gehen an Stimme und Tonfall, der Rest entfällt auf Mimik und Gestik. Tiefe Stimmen, hat Eckert herausgefunden, vermitteln dabei fast immer den Eindruck von Kompetenz. Eine behauchte Stimme signalisiert Nähe und Intimität. Schrille Stimmen lassen die meisten Zuhörer nervös werden. Wer leise und monoton spricht, hat ebenfalls gute Chancen, überhört zu werden. Dabei ist allerdings niemand ein Opfer seiner Stimme.

  Der Klang unserer Stimme verändert sich im Lauf des Lebens

Der Klang unserer Stimme verändert sich im Lauf des Lebens

Stimmen sind erlernbar

Wer ein Reibeisen hat, kann vielleicht keine Operndiva werden, aber er kann seine Stimme trainieren und polieren. "Stimmen sind erlernbar und willkürlich veränderbar", sagt Eckert. "In der Regel sagen wir, sie hat eine schöne oder eine schlechte Stimme. Treffender wäre es allerdings zu sagen, sie spricht schön oder schlecht. Denn ich kann beeinflussen, mit welchen Stimmeigenschaften ich spreche."

"Keine Stimme kann ihren Träger verbergen." Martin Ptok, Chefarzt der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie in Hannover

Vorbilder spielen dabei eine Rolle, aber auch Modeerscheinungen. Frauenstimmen sind zum Beispiel in den vergangenen Jahrzehnten um einige Töne abgesunken. Das liegt zum einen daran, dass die Menschen deutlich größer sind als früher, hängt aber auch mit Rollenvorstellungen zusammen. Im Zuge der Emanzipation haben sich die Frauen auch von der Kleinmädchenstimme verabschiedet.

Der Ton kann dabei sogar die Person verändern. Wer lernt, lauter, deutlicher, langsamer und mit weniger Anspannung zu sprechen, findet vielleicht endlich Gehör. Was sich wiederum positiv auf das Selbstbild auswirkt. Wer spricht, zeigt sich also - ob er will, oder nicht. Und wer genau hinhört, erfährt mehr über sein Gegenüber.

Nicht perfekt, aber stimmig

"Keine Stimme kann ihren Träger verbergen", sagt Martin Ptok, Chefarzt der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie in Hannover. Genauer gesagt: "Das Zusammenspiel aus unserer Stimme und der Art, wie wir artikulieren und wie schnell oder melodisch wir sprechen, macht das, was aus unserem Mund herauskommt, so unverwechselbar." Nicht nur forensische Phonetiker beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden, die Täter anhand von Stimmanalysen überführen, hören aus Stimmen mehr als ungeschulte Ohren. Auch Ärzten wie Ptok verraten Stimmklang und Artikulation ihrer Patienten manches. Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson wirken sich zuerst auf die Feinmuskulatur des Kehlkopfes aus. "Die Betroffenen sprechen häufig schon vor Ausbruch der Krankheit leise und monoton", sagt Ptok. Ähnlich ist es bei Menschen mit Depressionen, auch sie artikulieren ohne große Modulation und Kraft.

Verrät uns also unsere Stimme? Eckert rät dazu, dies anders zu sehen: "Unsere Stimme eröffnet uns einen Weg zu unserem Wesen", sagt er. Die Wissenschaft kennt sogar die perfekte Stimme: "Von allen Parametern, die eine Stimme ausmachen, wird immer die goldene Mitte genommen", erklärt Eckert. "Der Kehlkopf ist weder zu hoch, noch zu tief, die Stimmlippen sind nicht zu stark und nicht zu schwach angespannt." Doch diese neutrale Stimme hat vor allem ein Problem: Es gibt sie nicht. "Ich habe verzweifelt einen Sprecher gesucht, der diese Stimmeigenschaften hat, aber bis jetzt keinen gefunden", sagt er. Hinter jeder natürlichen Stimme steckt eben doch eine Person - und die ist wohl weder neutral, noch perfekt.

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