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Ich bin alt, müde, ich habe genug

Fast jeder zweite Mensch, der sich in Deutschland das Leben nimmt, ist älter als 60 Jahre. Die Sterbehilfe des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch hat die Aufmerksamkeit aufs Tabuthema Suizid im Alter gelenkt. Krankheit, Einsamkeit und Angst vor dem Pflegeheim sind die häufigsten Gründe, die in Abschiedsbriefen genannt werden.

Von Anika Geisler

Es war kalt am 3. Januar 2008, ein Grad über null. Sie ging ohne Mütze und Handschuhe vor die Tür, es würde nicht lange dauern. Ida Schenkenberg hatte beschlossen, es draußen zu machen, an der frischen Luft, damit ihre Katzen im Haus keinen Schaden davontrügen.

Sie setzte sich an den kleinen Tisch auf der Terrasse hinterm Haus und legte das Päckchen mit dem weißen Pulver vor sich. Vor Jahrzehnten hatte sie es aus dem Labor mitgenommen, in dem sie damals beschäftigt gewesen war. Ihr Mann und sie hatten es im Schuppen aufbewahrt, für schlechte Zeiten. Das Ehepaar hatte häufig darüber gesprochen - über das Sterben. Und über die Methoden, mit denen man es in Notfällen beschleunigen könnte. Beide glaubten, das Verfahren mit dem Pulver sei absolut sicher. 53 Jahre lang waren sie verheiratet gewesen, dann starb ihr Mann vor 13 Jahren, zu Hause, an Altersschwäche, er war deutlich älter. Sie hatte ihn gepflegt bis zum Ende, sie hatte einen Nagel in die Wand über seinem Bett geschlagen für die Infusionsflaschen und bei ihm gewacht, bis zum Schluss. Seinen Körper hatte der Professor der Wissenschaft vermacht. Keine Predigt, kein Grab, kein Grabstein.

Genauso wollte Ida Schenkenberg es auch haben. Wochen vor diesem 3. Januar hatte sie ihr Auto verschenkt, das Haus ausgemistet, die Fotoalben weggeschmissen, das Testament durchgesehen. Eine Tierschutzorganisation würde das Erbe bekommen. Sie war 85 Jahre alt, alleinstehend, die Letzte ihrer Familie in Deutschland: keine nahen Angehörigen, die hätten trauern können, keiner, der Interesse an den Fotoalben gehabt hätte. Ida Schenkenberg goss Essigessenz auf das Zyankalipulver, beugte sich über den schäumenden Haufen und fing an, die Dämpfe in tiefen Zügen einzuatmen.

Der unbedingte Wunsch zu sterben

Jedes Jahr töten sich in Deutschland rund 10.000 Menschen - doppelt so viele, wie im Straßenverkehr sterben. 40 Prozent der Suizidenten sind älter als 60 Jahre, die Wahrscheinlichkeit steigt mit dem Alter. Rechnerisch scheidet alle zwei Stunden ein Mensch über 60 aus eigenem Antrieb aus dem Leben. Und jedes Mal sind im Durchschnitt sechs Angehörige aus dem näheren Umfeld davon betroffen. Dazu kommen ungezählte Fälle, die in keiner Suizidstatistik auftauchen, in denen ältere Menschen aufhören, ihre lebenswichtigen Medikamente einzunehmen, zur Blutwäsche zu gehen, zu essen oder zu trinken.

Das Phänomen Suizid im Alter ist so gravierend, dass Anfang des Jahres in Günzburg bei Ulm ein eigener wissenschaftlicher Kongress dazu stattfand. Mehrere Tage debattierten Psychologen, Psychiater, Internisten, Altersforscher, Gerichtsmediziner und Seelsorger über Ursachen und mögliche Lösungen.

Es gibt klare Merkmale, die Ältere, die einen Suizid versucht oder begangen haben, von jungen Menschen unterscheiden. "Der unbedingte Wunsch zu sterben - das ist typisch für Selbsttötungen in Alter", sagt Peter Klostermann, Soziologe und Referent der Fakultätsleitung der Berliner Charité. "Hochbetagte Menschen wollen nicht gefunden oder von der Putzfrau gerettet werden. Das unterscheidet sie von jüngeren Menschen, bei denen Suizidversuche oft Hilfeschreie sind, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen." Für seine Studie zu dem Thema untersuchte Klostermann 172 Fälle über 60-Jähriger, die sich das Leben genommen hatten. Er sichtete Obduktionsprotokolle, Polizeiberichte und Zeugenaussagen, sah sich Fotos vom Tatort an, las die Abschiedsbriefe, sprach mit den Hinterbliebenen.

Die Motive sind vielfältig

Weil sie unbedingt sterben wollen, wählen ältere Menschen meist sogenannte harte Methoden: Viele erhängen oder erschießen sich oder stürzen sich in die Tiefe. Klostermanns Untersuchungen zeigen zudem: Diese Selbsttötungen waren keine Kurzschlussreaktionen, kein Überreagieren im Affekt. "Ältere Menschen planen ihr Ableben lange voraus", sagt er. Meist seien es gebildete Leute, Ärzte, Apotheker, Lehrer; die Wohnungen seien blitzblank aufgeräumt gewesen, die Verstorbenen hatten oftmals das beste Kostüm oder den besten Anzug mit Hemd und Krawatte getragen. Umso ernüchternder sei es - bei dem langen Vorlauf -, dass meist weder Angehörige noch Hausärzte eine Ahnung hatten, dass derjenige Hand an sich legen könnte.

Die Motive, die Peter Klostermann aus den 172 Fällen rekonstruieren konnte, waren vielfältig: Einsamkeit, zunehmende Immobilität, die Angst vor Abhängigkeit, die Furcht vor dem Pflegeheim. Ein Grund taucht immer wieder auf: schwere Krankheiten und die damit verbundene Verminderung der Lebensqualität. "Eine Frau konnte fünf Jahre lang wegen einer Gehbehinderung ihre Wohnung im zweiten Stock nicht mehr allein verlassen", sagt er. "Sie stürzte sich mit dem Rollstuhl die Treppe hinunter und hinterließ einen Brief, in dem sie schrieb, sie wolle nicht noch einmal so einen Sommer in ihrer Wohnung erleben müssen wie im Jahr zuvor."

Georg Fiedler, Psychologe vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Hamburger Uniklinikum Eppendorf, berichtet von seinen Erfahrungen mit Menschen mit Suizidgedanken. "Fragt man genauer nach, kommt man oft zu dem Schluss, dass meist nicht der Wunsch zu sterben im Vordergrund steht, sondern der Wunsch, nicht so weiterleben zu müssen wie bisher." Gerade im Alter häuften sich Erlebnisse, die auch jüngere Menschen in die Verzweiflung treiben können: Verlusterfahrungen. "Dazu gehören: der Verlust des Partners, wenn er kurz zuvor gestorben ist. Verlust von Eigenständigkeit und Mobilität. Und der Verlust der Gesundheit."

"So ist kein Leben"

Gesund, agil, selbstständig - die Werbung vermittelt uns das Bild von fitten Senioren, die auf Weltreise gehen. Die Wirklichkeit sieht zumeist anders aus. Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, sagt: "Die Krankheitsanfälligkeit nimmt im hohen Alter zu. Mehr als 60 Prozent der Frauen und knapp 55 Prozent der Männer über 60 leiden an Schmerzsymptomen." Themen wie Endlichkeit und Vergänglichkeit würden im hohen Alter deutlicher, die Selbstständigkeit gehe zurück. "Das zu akzeptieren ist schwierig, zumal in einer Gesellschaft, in der der Einzelne immer mehr auf sich gestellt ist und permanent signalisieren muss: Ich kann das ganz allein. Das funktioniert im Alter eben nicht mehr."

So erzählen viele der Abschiedsbriefe, die der Charité-Forscher Peter Klostermann gelesen hat, nicht nur von körperlichen Krankheiten, sondern auch von der Angst, abhängig zu werden und anderen zur Last zu fallen. Bei einem 75 Jahre alten Rentner, der sich mit einem weiß-blauen Abschleppseil an der Friedhofsmauer erhängt hatte, fanden die Polizisten die Baumarktrechnung für die Aluminiumleiter in der Anzugtasche und folgende Zeilen: "…sehe ich diese Lösung zwar als äußerst schockierend, jedoch in Hinsicht auf die Zukunft folglich als die angepasst humanste an: Sie erspart mir ein menschenunwürdiges Dasein und allen qualvolle Jahre." Er hatte Furcht, an Parkinson erkrankt zu sein, und wollte seine Lebensgefährtin nicht belasten. Ein 80-Jähriger, der nach Herzinfarkt und Krebserkrankung seinen Haushalt nicht mehr allein führen konnte und auf Pflegekräfte angewiesen war, schrieb: "So ist kein Leben", bevor er sich das Leben nahm.

Wenn eine Krankheit den Partner zerstört, dieser körperlich immer mehr verfällt oder geistig entschwindet, kann das sogar zu Mord und anschließendem Suizid führen. So fand eine Frau, die mit ihren Eltern - wie regelmäßig - zum Kaffee verabredet war, beide tot in der Wohnung. Der 84-jährige Vater hatte die Mutter, die an Parkinson litt, zuerst erstickt und danach sich selbst eine Plastiktüte über den Kopf gezogen. Einen ähnlichen Fall beschreibt der Münsteraner Michael Jaffke in seinem autobiografischen Buch: "Es war kein Abschied. Die Zeit nach dem Selbstmord der Eltern". Sein krebskranker Vater hatte zuerst die an Alzheimer leidende Stiefmutter im Schlaf mit einem Beil erschlagen und sich danach im Esszimmer an den Heizungsrohren erhängt. Er konnte sie nicht mehr versorgen; sie wollte nicht ins Heim; beide wollten ohne einander nicht mehr leben.

Todeskämpfe

Alt und unheilbar krank - ist da das Motiv für einen Suizid nicht irgendwie nachvollziehbar? Der Forscher Peter Klostermann gibt zu, dass er bei den Recherchen für seine Studie sowohl bei sich als auch seinen Mitarbeitern immer wieder den Reflex hatte feststellen können: "Ach, der hat sein Leben gelebt. Und dann auch noch Krebs - na ja, das kann man ja schon fast verstehen." Der ehemalige Ärztliche Direktor der 2. Medizinischen Klinik am Bürgerhospital in Stuttgart, Professor Hans Wedler, berichtet von seinen Erfahrungen mit lebensmüden Patienten: "Ich habe in meiner Arbeit als Arzt viele alte Menschen erlebt, die tot sein wollten. Ich sehe daran nichts Pathologisches. Ich finde es akzeptabel, dass sie sagten, nicht mehr so weiterleben zu wollen."

Vielen mögen derartige Überlegungen einleuchten. Doch bedarf es tatsächlich der Propaganda der Tat, wie sie der ehemalige Hamburger Senator und Jurist Roger Kusch vorvergangene Woche für nötig hielt? Offenbar innerhalb der Grenzen von Recht und Gesetz - und dennoch begleitet von Unbehagen und Empörung in der Öffentlichkeit - hatte er sich Mithilfe bei der Selbsttötung einer 79-jährigen Würzburgerin zugute gehalten. Massive Publizität war die eine Folge, ein verwirrender Definitionssalat im gesellschaftlich kaum konsensfähigen Problemfeld von Sterbehilfe (aktiv, passiv, indirekt) bis unterstützter Selbstmord eine andere. Eine einfache Lösung komplexer Lebenssituationen, so scheint es, bietet nicht einmal der Tod.

Wenn ältere Menschen an Selbsttötung denken, erhoffen viele von ihnen sich ein leichteres Sterben. Sieht man sich allerdings die Methoden, die Fotos vom Tatort und die Sektionsberichte in Peter Klostermanns Akten genauer an, wird klar: Das war kein sanftes Hinübergleiten ins Jenseits, das waren meist Todeskämpfe. Das Ersticken unter einer Plastiktüte kann bis zu einer Dreiviertelstunde dauern - die Körper der Toten, die diese Methode gewählt haben, lagen verkrümmt unter der Toilettenschüssel oder dem Heizkörper. Ein 81-Jähriger, der kurz zuvor Witwer geworden war, musste es innerhalb einer Nacht auf vier unterschiedliche Arten versuchen. Die drei ersten (Strom in der Badewanne, aufgeschnittene Pulsadern, ein Plastiksack über den Kopf) hatten nicht funktioniert, wie er ausführlich im Abschiedsbrief an seine Kinder schrieb. "Ich habe heute Nacht versucht, mich aus dem Leben davonzuschleichen. Es ist mir leider nicht gelungen", beginnt er diesen Brief und endet mit: "Es bleibt mir dann nur noch der Strick. Lebt wohl und verzeiht mir. Euer Vater".

Tabuthema "Selbsttötung"

Neben Einsamkeit, Sinnverlust und körperlichen Krankheiten sind Depressionen eine der Hauptursachen von Suiziden im Alter. Nur - eine depressive Erkrankung wird bei älteren Menschen oft nicht erkannt, geschweige denn adäquat behandelt. Nur bei 4 von den 172 Leichnamen jedenfalls, die an der Berliner Charité gerichtsmedizinisch untersucht worden waren, konnten Antidepressiva im Körper nachgewiesen werden. Auch die Nachfrage Peter Klostermanns bei den Hausärzten, ob die Verstorbenen an einer depressiven Erkrankung gelitten hätten, wurde größtenteils verneint.

Selbst wenn ein Suizidversuch bereits stattgefunden hat, ist die ärztliche Versorgung eher mau. So werden Menschen, die eine solche Tat überlebt haben, in der Notaufnahme nachweislich schlechter versorgt als andere Patienten. Eine Erklärung für das Phänomen gibt Professor Thomas Giernalczyk, Psychologe und Vorsitzender der Arche, einer Münchner Beratungsstelle für Suizidprävention: "Neben Gefühlen wie Trauer und Schuld lösen ein Suizid oder ein Suizidversuch auch bei Menschen, die nicht Angehörige sind, Empfindungen wie Ärger, Wut oder Ablehnung aus."

Aggression und Angst. Selbsttötungen gehören zu den letzten Tabuthemen. Man spricht nicht darüber, allenfalls hinter vorgehaltener Hand, und oft noch nicht einmal in der eigenen Familie. Peter Klostermann berichtet von einem Fall, bei dem sich ein Mann vor drei Jahren selbst mit einem Messer getötet hatte. Die Ehefrau hat sich bis heute nicht getraut, den eigenen Kindern, die im Ausland leben, die wahren Todesumstände zu erzählen. Als Klostermann für seine Studienrecherchen bei der Witwe anrief, sagte sie ihm, dass er der erste Mensch nach drei Jahren sei, mit dem sie über den Suizid ihres Mannes reden könne.

Die Hinterbliebenen müssen mit dem Gefühl der Schuld weiterleben: Viele machen sich lebenslang Gedanken, ob sie die Tat nicht hätten absehen und verhindern können. "Oftmals sind Nachbarn und Bekannte allzu schnell mit einem Urteil über die Familie bei der Hand: Der Sohn oder die Tochter kam ja auch nur einmal im Monat", sagt Klostermann. "Wenn man die Umstände genauer untersucht, stimmen diese Anschuldigungen meist gar nicht."

Den Todeswunsch vertuschen

Die Fragen nach dem "Warum?" und "Hätte ich etwas merken müssen? Was hätte ich tun können?" beschäftigen Petra Löber aus Berlin seit neun Jahren. Anfang November 1999 fand ihr Bruder die 75-jährige Mutter tot im Elternhaus. Er war gekommen, weil sie stundenlang nicht ans Telefon gegangen war. Noch für die nächste Woche war Petra Löber mit ihrer Mutter verabredet gewesen, um - wie jedes Jahr - gemeinsam zum Bruder und zum Geburtstag der Zwillingsenkelsöhne zu fahren. Die Familie feierte immer Weihnachten und Silvester zusammen, alle telefonierten regelmäßig und besuchten einander. Die Mutter hatte Freunde und Bekannte, war in Wandergruppen, machte Kreuzfahrten und Busausflüge. Und Petra Löber hielt extra eine zweite, kleine Wohnung um die Ecke, damit sie die Mutter - wenn es dieser gesundheitlich schlechter gehen sollte - in ihre Nähe holen könnte.

Der Vater war bereits 1981 an Krebs gestorben, die Familie hatte ihn bis zum Ende gepflegt. Das sei zwar schrecklich gewesen, aber sie habe sich zumindest nach und nach von ihm verabschieden können. "Meine Mutter dagegen war einfach weg", sagt Petra Löber. "Mit das Schlimmste war, dass ich keinen Abschied von ihr nehmen konnte." Bis heute weiß Petra Löber nicht, warum sich ihre Mutter selbst getötet hat. Sie habe nie irgendwelche Andeutungen gemacht. Im Gegenteil - sie habe ihren Todeswunsch vielmehr vertuscht. "Damit werde ich immer leben müssen", sagt Petra Löber. Immerhin hat sie gelernt, über das Tabuthema zu sprechen: Regelmäßig trifft sie sich mit anderen Betroffenen in der Selbsthilfegruppe Agus.

Lassen sich Suizide von älteren Menschen überhaupt verhindern? Wie schwer Gefährdete mit Hilfsangeboten von Fachleuten zu erreichen sind, das haben Georg Fiedler und seine Kollegen vom Hamburger Therapiezentrum für Suizidgefährdete festgestellt. "Von allein suchen alte Menschen eigentlich nie professionelle Hilfe bei Psychotherapeuten oder einem Zentrum wie unserem", sagt Fiedler. Erst nach einer Zeitungsannonce, in der ein Gespräch zum Thema Suizid angeboten wurde, meldeten sich 90 Ältere aus dem Raum Hamburg - die Einrichtung quoll fast über, der Bedarf war enorm. Was in den Gesprächen herauskam: Viele waren bei Ärzten in Behandlung, äußerten dort aber nie ihre Selbsttötungsgedanken. "Sie hatten Angst, dass sie dann gleich in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen würden." Die sogenannte Gotlandstudie ergab, dass speziell geschulte Hausärzte in der Lage sind, Menschen mit Suizidgedanken zu identifizieren und Hilfe anzubieten. Folge: Die Rate der Selbsttötungen sank.

Mehr Ehrlichkeit und Transparenz

Auch an der Berliner Charité gibt es seit dem Erscheinen von Peter Klostermanns Studie für Schwestern, Pfleger und Ärzte Schulungen zum Thema Suizidvorbeugung. "Die älteren Patienten dürfen nicht mehr nur als Fälle betrachtet werden, man muss aufpassen, dass sie im medizinischen Alltag ihre Würde nicht verlieren", sagt Klostermann. "Ärzte müssen lernen zu fragen: ,Wie verkraften Sie Ihre Diagnose eigentlich?‘ Mit der Haltung, die viele Doktoren an den Tag legen, ‚Kopf hoch, das wird schon wieder‘, kommen wir nicht weiter. Oft wird es eben nicht schon wieder." Auch Hans Wedler plädiert für mehr Transparenz und Ehrlichkeit keit im medizinischen Alltag: "Die Medizin präsentiert sich heute so, als wäre jede Krankheit heilbar, jedes Leiden zu beseitigen und das Leben des Einzelnen prinzipiell unendlich - das stimmt eben nicht, und das muss man als Arzt auch offen ansprechen." Und Claus Wächtler, Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie an der Hamburger Asklepios Klinik Nord, ergänzt: "Rund um das Thema gibt es immer noch Mythen: Ein Mythos ist, dass jemand, der von Selbstmord redet, ihn nicht begehen wird; ein anderer, dass jemand, der auf Selbstmord angesprochen wird, diesen eher in die Tat umsetzen wird." Beides sei falsch.

Ida Schenkenberg, die alte Dame, hat ihren Suizidversuch mit Zyankali überlebt. Ein Handwerker, der Tage zuvor am Haus etwas repariert hatte und noch einmal unangekündigt vorbeikam, fand sie. Er alarmierte die Nachbarn und den Notarzt, Ida Schenkenberg wurde in Polizeibegleitung in die Uniklinik gebracht. Ein Assistenzarzt begrüßte sie dort am nächsten Morgen mit: "Na, Sie Giftmischerin!" Dem einfühlsameren Oberarzt, der sie ein paar Tage später fragte, wie sie zu ihrem Suizidversuch stehe, sagte sie: "Ich müsste Ihre Intelligenz beleidigen, wenn ich sagen würde, ich hätte meine Meinung geändert."

Ida Schenkenberg wurde gerettet, glücklich ist sie nicht darüber. "Ich bin alt, ich habe genug, alles wird mühsam", sagt sie. Sie fühle sich müde, schlapp und ohne Energie, mag kaum noch essen. Ihr Engagement im Tierschutz - eine ihrer Lebensaufgaben - musste sie wegen Gehbeschwerden fast ganz aufgeben. Unter Depressionen habe sie nie gelitten, Antidepressiva habe sie auch nach dem Suizidversuch nicht bekommen. Sie hat keinen Krebs, kein Alzheimer oder Parkinson. Nur die Kräfte lassen nach. "Der Tod ist sehr nah", sagt sie. Geistig ist sie topfit, eine intelligente und humorvolle Gesprächspartnerin. "Früher haben sich alle bei mir ausgeweint, ich war die starke Schulter und das offene Ohr. Heute ist keiner mehr da, oder es hat niemand mehr Zeit, damit ich mich ausweinen kann." Die Aussicht, in ein Pflegeheim zu kommen, schreckt sie "ganz fürchterlich". Sie sieht ihre Autonomie, die ihr ein Leben lang so wichtig war, schwinden. "Ich würde so gern selbst bestimmen, wann ich aus dem Leben trete", sagt sie. "Solange ich es noch kann.

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