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In erster Linie Schutz und Ruhe nötig

Wie kann den Opfern der norwegischen Massaker geholfen werden? Der Arzt und Psychotherapeut Professor Christian Pross warnt davor, sie sofort mit Therapiegesprächen zu bedrängen. Das kann mehr schaden als nutzen.

Herr Pross, wird das, was die Jugendlichen auf der norwegischen Insel Utøya erlebt haben, sie ewig begleiten? Werden sie vielleicht sogar eine posttraumatische Belastungsstörung zurückbehalten, so wie einige der Bundeswehrsoldaten, die aus Afghanistan zurückkommen?
Die Jugendlichen hatten Todesangst, mussten mit ansehen, wie ihre Freunde erschossen wurden. Und natürlich muss man damit rechnen, dass einige von ihnen später eine Traumafolgestörung entwickeln. In der Regel ist das aber nur bei einem Teil der Fall - laut einer Studie von Kessler/USA in circa 5 bis 25 Prozent der Fälle je nach Art und Schwere des Traumas.

Wäre es dann ratsam, sofort vorbeugend therapeutisch zu intervenieren?
Nein, da sind in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht worden. In den letzten 10 bis 15 Jahren war zu beobachten, dass nach jedem Unglück Scharen von Psychologen herbeieilten und die Überlebenden aufforderten, sofort darüber zu reden. Es hat sich eine Art Hilfsbusiness mit dem Trauma entwickelt. Inzwischen weiß man, dass es eher schadet.

Und was sollte man stattdessen tun?
Man sollte sie zu allererst an einen sicheren Ort bringen, wo sie sich geborgen fühlen. Und der ist meist zu Hause bei ihren Familien und Freunden. Natürlich sollte man sie darüber aufklären, dass es bei einigen zu Traumafolgestörungen kommen kann und dafür professionelle Hilfe anbieten, aber bitte nicht versuchen, sie ihnen aufzudrängen! Diese Menschen brauchen erst einmal Schutz und Ruhe in vertrauter Umgebung.

Und sie verarbeiten das mit der Zeit allein?
Die meisten ja mit Hilfe von Mitbetroffenen, Angehörigen und Freunden.

Es wird in der in den letzten Jahren viel über die Gefahren nach einem seelischen Trauma diskutiert. Man hat den Eindruck, dass die posttraumastischen Belastungsstörungen zunehmen?
Nein, sie werden nur häufiger diagnostiziert. Als wir vor 20 Jahren mit der Behandlung von Folteropfern begannen, hatten nur wenige der niedergelassenen Kollegen etwas davon gehört. Das ergab eine Umfrage. Aber jetzt ist die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung fast schon zu einer Mode geworden.

Was heißt das?
Wenn bei allen möglichen belastenden Erlebnissen, die das Leben mit sich bringt, von einem Trauma geredet wird, dann ist das eine Trivialisierung, die das Ganze im Misskredit bringt.

Warum hat es so lange gedauert, bis das Trauma, oder besser dessen Folgen, die posttraumatischen Belastungsstörungen überhaupt von den Ärzten und Psychologen erkannt, und ernst genommen wurden?
Bekannt sind die Folgeerscheinungen eines Psychotraumas schon seit circa 150 Jahren. In der medizinischen Literatur findet man die Beschreibung bereits 1866 bei Überlebenden von Eisenbahnunfällen. Der französische Psychiater Pierre Janet, der auch Freud sehr beeinflusst hat, beschreibt um 1880 die heftigen Gefühle von Angst und Schrecken, die nicht im Gedächtnis abgelegt werden können und deshalb abgespalten werden müssen. In einem therapeutischen Prozess könnten die traumatischen Erlebnisse in das Gedächtnis integriert werden. Die Betrachtungen von Janet sind sehr modern, sie wurden von der psychoanalytischen Schule nicht anerkannt, gerieten in Vergessenheit und sind erst 100 Jahre später durch die modernen Traumaforscher van der Kolk und van der Hart wieder ausgegraben worden.

Also waren die Folgen eines Traumas als seelische Erkrankungen bis heute vergessen?
Es gibt Phasen des Vergessens und des Wieder Aufgreifens. Zum Beispiel bei Kriegen wie dem Irak-Krieg oder dem Afghanistan-Krieg besann man sich auf frühere Erkenntnisse. Bereits während des Ersten Weltkrieges berichteten englische, amerikanische und deutsche Psychiater von Lähmungen, Krämpfen, und von unkontrollierbarem Zittern. Deshalb nannte man sie "Kriegszitterer". In den ersten Kriegsjahren bis 1916 wurden von deutscher Seite die meisten erkrankten Soldaten mit suggestiven Heilmethoden behandelt und entlassen. Da ab 1917 die Kampfkraft des deutschen Heeres durch die Kriegsneurosen ernsthaft gefährdet wurde, änderte sich die Strategie. Die Soldaten wurden härteren Behandlungsmethoden unterzogen wie der Anwendung von schmerzhaften elektrischen Strömen. So wollte man die erkrankten Soldaten wieder zurück an die Front zwingen.

Welche Bedeutung hat der Holocaust für die Traumaforschung?
Eine ganz entscheidende. Es gab zahlreiche Untersuchungen über das Trauma der Holocaustüberlebenden, zum Beispiel die Studie des niederländischen Psychiaters Hans Keilson über die "sequentielle Traumatisierung" von jüdischen Waisenkindern. Wie diese Kinder ihr Trauma bewältigt haben, hing entscheidend von den sozialen und familiären Bedingungen ab, unter denen sie nach dem Krieg aufgewachsen sind. Aber diese Arbeiten werden heute kaum noch wahrgenommen. In der derzeitigen Popularisierung und Trivialisierung des Traumas und der reduktionistischen Verengung des Blicks auf das "Krankheitsbild" der posttraumatischen Belastungsstörung ist der historische, politische und soziale Kontext von Trauma weitgehend verloren gegangen. Dagegen gilt es den Blick zu erweitern darauf, dass Traumafolgestörungen eigentlich keine eng umrissenen Krankheitsbilder sind, sondern normale menschliche Reaktionen auf extrem anormale Geschehnisse; dass für die Überwindung des Traumas das Wie und Wo des Lebens danach genauso wichtig ist wie Therapie.

Seit wann verwendet man die Diagnose "posttraumatische Belastungsstörung"?
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts sind während des Vietnamkrieges die amerikanische Öffentlichkeit und die Fachwelt auf Traumafolgestörungen aufmerksam geworden, als die Medien von einer Epidemie berichteten unter Kriegsheimkehrern aus Vietnam in Gestalt von Selbstmorden, antisozialem Verhalten, Selbstverletzung, Alkoholismus und Drogensucht. Auf Grundlage der Untersuchungen an Vietnamveteranen ist im Jahr 1980 das "Post-Traumatic Stress Disorder" als Krankheitssyndrom definiert und in das offizielle Register psychiatrischer Diagnosen aufgenommen worden.

Sie sind Supervisor für Behandlungszentren in In-und Ausland. In Ihrem Buch "Verletzte Helfer" haben sie beschrieben, wie sehr sich auch Therapeuten in den erschütternden Leidensgeschichten verfangen, und wie gerade auch Helfer mit großer Empathie in die Abgründe hineingesogen werden können.
Es gibt seit fast zwanzig Jahren Untersuchungen darüber, was das mit den Helfern macht, wenn sie sich diese Geschichten anhören, mit all den Abgründen von Grausamkeit, was Menschen anderen Menschen antun. Man vermutete, dass eine Art Ansteckung stattfindet, da die Helfer selbst Schlafstörungen und Alpträume bekamen.

Ist es so?
Natürlich nehmen sie diese Eindrücke mit nach Hause, fühlen sich davon überfordert und ausgezehrt. Ich habe das an 13 Traumazentren in verschiedenen Ländern untersucht.

Und was haben Sie festgestellt?
Einen auffallend hohen Stress- und Konfliktpegel in den Helferteams, dessen Ursachen vor allem in strukturelle Mängeln liegen wie Selbstaufopferung, Workaholismus, fehlender Einhaltung von Grenzen, Fehlen eines professionellen Managements und einer klaren Leitungsstruktur, Rollen- und Kompetenzdiffusion, fehlender klinischer Supervision und einer mangelhaften Selbstfürsorge. In vielen Traumazentren herrscht ein Klima, das wie ein Spiegelbild dessen erscheint, was die Patienten erlebt haben: Angst vor Spitzeln, vor Verrat, sich verfolgt fühlen, überall Feinde wittern, Spaltungstendenzen, Misstrauen, Aggression, Besessen- und Fasziniertsein von Gewaltthemen, sich ausgeliefert fühlen - wie in den Händen des Täters. Es handelt sich um Reinszenierungen des Traumas innerhalb von Helfer-Teams und Organisationen, um Gegenübertragungs- und Parallelprozesse. Die extremen Positionen von Täter und Opfer erzeugen einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Helfer können diese Belastungen nicht alleine mit sich ausmachen, sondern sie sollen diese komplizierten Prozesse in einem geschützten Raum mit Hilfe eines erfahren, externen Beraters/Supervisors besprechen und bearbeiten können.

Oft sind sexuelle Gewalt und Missbrauch Auslöser für posttraumatische Belastungsstörungen. Zur Zeit beraten sie auch die Bundesbeauftragte für die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, Frau Bergmann.
Sexueller Missbrauch ist ein Beziehungstrauma. Es ist für Kinder und Jugendliche besonders schwerwiegend, weil es meistens durch eine Person des Vertrauens geschieht, den Vater, den Lehrer, Freund der Familie oder Pfarrer. Das beschädigt das Grundvertrauen in andere Menschen und hat lebenslange Auswirkungen. Das dokumentiert die Auswertung der vielen Gespräche bei der telefonischen Anlaufstelle, wo so viele erst jetzt nach Jahrzehnten beginnen, über die sexuelle Gewalt zu sprechen, der sie in der Familie, im Internat oder im Heim ausgesetzt waren. Jetzt erst überwinden viele ihre Angst und Scham und melden sich.

Kuno Kruse

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