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Generation XXL

Sie werden immer mehr, und sie werden immer dicker: Gut 3,5 Millionen Jungen und Mädchen in Deutschland leiden an Übergewicht. Schicksal - oder selbst schuld?

Nutella aufs Brot? Von wegen. Sie trinken Nutella. Kippen sie runter wie eine große Cola. Die kompletten 400 Gramm, flüssig gemacht in der Mikrowelle. Ohne zu kotzen. Sie futtern nachts Pizzen. Ungebacken und heimlich aufgetaut unterm Bett. Löffeln kalte Ravioli aus der Dose. Oder sie knacken wie Maximilian das Schloss am Kühlschrank, das die verzweifelten Eltern angebracht haben. Anschließend fehlte der halbe Wocheneinkauf.

"Essanfälle" nennen Ärzte das rücksichtsvoll. Von "Fressattacken" spricht Maximilian, der 14-Jährige: "Das passierte fünf- oder sechsmal im Monat. Dann hab ich ein Packl Toastbrot mit Butter, Käse oder Wurst und zwei Pizzen in mich reingestopft. Und hinterher genehmigte ich mir drei Magnum-Eis und einen halben Käsekuchen." In kaum einer Stunde war Max abgefüllt wie die Wurstpelle beim Metzger. Es war halt wieder mal alles zusammengekommen: Frust, Langeweile, Streit in der Schule.

153 Kilo bei einer Größe von 1,78 Metern

Mit 13 wog Maximilian 110 Kilo, mit 14 hatte der Freisinger Junge Obelixsche Maße: 153 Kilo bei einer Größe von 1,78 Metern. Drei Zentner schwer und mit einem Body-Mass-Index (BMI, siehe Grafiken auf Seite 3) von 48,3 kam er vor ein paar Wochen ins Rehazentrum Insula in Berchtesgaden, eine in Deutschland einzigartige Einrichtung. 58 Jugendliche mit extremem Übergewicht leben dort sechs bis neun Monate, gehen zur Schule oder machen ein berufsorientiertes Praktikum und versuchen ansonsten, ihre Speckmassen loszuwerden. Mit fettreduzierter Vollwertkost, Kraft- und Ausdauersport und mit Verhaltenstherapie. "Etwa ein Prozent ihres aktuellen Körpergewichts müssen sie pro Woche abnehmen", sagt der Internist und Lungenfacharzt Wolfgang Siegfried, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Alena die ärztliche Leitung innehat.

Um sechs Kilo ist Maximilian bisher geschrumpft. Andere, die schon länger in der Insula sind, schafften 40 oder gar 50 Kilo. Wer sich im Laden an der Ecke heimlich eine Leberkässemmel kauft oder für Schoko-Milchshakes und Big Mäcs mit dem Bus zu McDonald's am nahen Königssee fährt, fliegt spätestens beim samstäglichen Wiegen auf. Und riskiert, nach Hause geschickt zu werden: Für Fresssünder gibt es kein Pardon.

Übergewicht und Adipositas - zu Deutsch: Fettsucht - sind längst nicht mehr nur in den USA ein Massenphänomen, dem Mutterland des Fast Food. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer "globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts". Von Turin bis Tokio werden die Taillen breiter und breiter. In Deutschland ist inzwischen jeder dritte Jugendliche und jedes fünfte Kind übergewichtig. Das sind mehr als dreieinhalb Millionen Jungen und Mädchen unter 18. Acht Prozent der 10- bis 14-Jährigen und vier Prozent der Fünf- bis Siebenjährigen sind sogar adipös, also krankhaft übergewichtig.

Niemand warnt vor Schokoriegeln

Absolut gesehen, hat sich die Zahl der Schulanfänger, die zu viel wiegen, in den vergangenen 25 Jahren mehr als verdoppelt - und die der pummeligen Zehnjährigen gar vervierfacht. Das Problem erreicht mitunter schier unfassbare Dimensionen: Freiburger Ärzte berichten von einem achtjährigen Mädchen mit über 100 Kilo Körpergewicht. Normal wären 20 bis 30 Kilo. In Ulm kümmerten sich Spezialisten um einen 14-Jährigen mit 220 Kilo.

Menschen mit Speckwülsten leben gefährlich: Wer es als Kind nicht schafft abzunehmen, hat ein deutliches Risiko, spätestens als Erwachsener Dauergast beim Arzt zu sein oder früh zu sterben. "Rauchen schadet Ihrer Gesundheit", stand lange auf jeder Zigarettenschachtel. Niemand warnt vor Schokoriegeln. Dabei verringert Übergewicht die Lebenserwartung etwa in gleichem Maße wie der Glimmstängel, haben niederländische Forscher errechnet. Zu den häufigsten Begleit- und Folgeerkrankungen zählen: Gicht, Fettleber mit Entzündungsreaktionen der Leber, Bluthochdruck und damit auch Fettstoffwechselstörungen, Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, Gallensteine, Diabetes, orthopädische Schäden und Schlaf-Apnoe, ein nächtlicher Atemstillstand aufgrund von Fetteinlagerungen in Rachen und Schlund. Die gesetzlichen Krankenkassen geben jährlich rund 30 Milliarden Euro für die Behandlung übergewichtiger und fehlernährter Patienten aus.

Längst fallen viele dieser gesundheitlichen Folgekosten nicht mehr erst im Erwachsenenalter an: Forscher um den Kinderarzt Martin Wabitsch von der Universitätsklinik Ulm diagnostizierten bei 30 Prozent von 520 untersuchten adipösen Kindern und Jugendlichen eine Fettleber. Bei gut einem Drittel fanden sie das "Metabolische Syndrom" - eine Kombination aus Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung und Insulinresistenz. Die Jungen und Mädchen hatten Defekte an Knien, Hüftgelenken oder Füßen. Von Gallensteinen wurden bereits zwei Prozent geplagt, und bei einem Prozent stellten die Ärzte Diabetes Typ 2 fest, im Volksmund bislang noch "Altersdiabetes" genannt.

"Der Panzer rollt wieder"

"Wir sehen hier in unserem Adipositas-Rehazentrum Jugendliche mit Krankheiten, wie sie sonst 60-Jährige haben", sagt Wolfgang Siegfried. Mit dem Fett kommt irgendwann die Angst. "Ich habe gemerkt, dass ich was tun muss, weil ich sonst immer kränker werde", sagt Nicole. "Ich möchte doch von meinem Leben noch etwas haben." Die 16-Jährige aus Göttingen begann ihre Langzeittherapie in der Insula mit 132 Kilo (BMI 42,6; siehe Grafiken auf Seite 3), Fettleber und Bluthochdruck. Drei Jahre zuvor, mit knapp 13, war sie an der Gallenblase operiert worden. Ihre aufgequollenen Füße passten nur noch in breite Turnschuhe, der massige Körper steckte in XXL-Klamotten. "Der Panzer rollt wieder" oder "gestrandeter Wal" hatten ihr die Mitschüler hinterhergerufen. Nach jeder Demütigung war sie einkaufen gegangen: Chips, Cola, Kuchen. In der Therapie hat Nicole jetzt gelernt, Frust-Fressattacken anders zu begegnen. "Ich lenke mich dann ab, male, schreibe Gedichte. Das funktioniert." Nicht nur der schwer beladene Körper nimmt Schaden. Die Seele leidet mit. Kinder jenseits der 100-Kilo-Grenze werden ausgegrenzt, belächelt, beschimpft. Oft müssen sie sich jahrelang Lästereien von Gleichaltrigen anhören: Fettkloß, Walross, Sumo-Ringer. Weil das nicht in der Haut hängen bleibt, sondern bis ins Mark verletzt, wird wieder frustgefuttert. Ein Teufelskreis. Eine Studie des Marburger Kinderpsychiaters Johannes Hebebrand ergab: 40 Prozent der Jugendlichen mit Adipositas leiden unter Angststörungen, 43 Prozent an Depressionen. Das Selbstmordrisiko sei deutlich erhöht.

Der Mensch ist nicht fürs Schlaraffenland geschaffen

Es steckt ein Stück genetische Tragik in diesen Schicksalen. Nicole zum Beispiel hat, wie sie sagt, "einen moppeligen Vater und eine dünne Mutter". Schon das sind schlechte Voraussetzungen für einen Baywatch-Körper: Wenn ein Elternteil dick ist, liegt das Risiko dafür, das auch die Kinder über Gebühr zunehmen, bei 40 Prozent. Sind beide Elternteile adipös, erhöht es sich auf 80 Prozent. Rund 200 Gene kennt man mittlerweile, die die Entwicklung von Übergewicht begünstigen. Je nachdem, wie sie zusammenwirken, ist die Gefahr, dick zu werden oder zu bleiben, größer oder geringer.

Evolutionsbiologisch sind Menschen nicht fürs heutige Schlaraffenland mit Schoko-Crossies und Schweinebraten konstruiert, sondern für häufige Hungersnöte: Millionen Jahre lang hatten diejenigen unserer Vorfahren die besten Überlebenschancen, die die dicksten Fettreserven anlegen konnten. Deren Gene waren einmal Lebensretter. In Zeiten voller Kühlschränke, Sahne-Tortellini und Cremetorten werden sie zur Fettfalle.

Kein Schwabbelzwang bei Dickmacher-Genen

Dickmacher-Gene bedeuten aber nicht automatisch, dass man wie der "Bulle von Tölz" durchs Leben schwabbeln muss. Zwar besitzen wohl mindestens 60 Prozent der Kinder die genetischen Voraussetzungen für übermäßige Fettzunahme - doch ernst wird es in der Regel erst, wenn falsche Ernährung und mangelnde Bewegung auf Veranlagung treffen. Bei weniger als einem Prozent der Jungen und Mädchen ist eine Erkrankung - zum Beispiel der Nebenniere, der Schilddrüse oder des zentralen Nervensystems - die Ursache für das Übergewicht.

In vielen Familien haben überfette Fertiggerichte die gesunde Küche ersetzt. Die Mikrowelle kocht für Mami. Zwischendurch gibt's nicht mehr Äpfel und Apfelsaftschorle, sondern "Kinderlebensmittel" wie Joghurts und Quarkspeisen, die in Wirklichkeit fettige Süßigkeiten sind, zuckerreiche Softdrinks und Snacks (siehe Interview "Mehr zum Thema"). Der Anteil von Fast Food wie Pizza, Pommes, Cheeseburger und Currywurst in der Nahrung wird mittlerweile auf 25 Prozent geschätzt. Und die Portionen werden immer größer.

Fettes Essen für eine schlappe Generation

XXL-Essen für XXL-Kinder. Und das alles mampft ausgerechnet die Generation Kartoffelsack. Die sich in die Schule chauffieren lässt. Die vor dem Fernseher oder dem Computer rumhängt. Die die Hand nur noch vom Joystick zur Chipstüte bewegt. Grundschüler verbringen heute gut neun Stunden am Tag im Liegen, neun Stunden im Sitzen und gerade mal fünf Stunden auf den Beinen. Und selbst in dieser Zeit bewegen sie sich nur 15 bis 30 Minuten intensiv, ergab eine Studie der Universität Karlsruhe und der Bertelsmann-Stiftung. Die körperliche und motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen hat stark nachgelassen.

Wer glaubt, dass die Jungen und Mädchen wenigstens im Sportunterricht gefordert werden, irrt. Gerade mal sieben Minuten pro Sportstunde rühren sie sich im Schnitt, so eine Untersuchung der FU Berlin. In der Doppelstunde sind es zwölf Minuten. Der Erfurter Sportwissenschaftler Jürgen Court hat in einer Langzeitstudie nachgewiesen, dass Zehnjährige bei einem sechsminütigen Dauerlauf heute im Schnitt 150 Meter weniger schaffen als noch vor 20 Jahren. Damals kamen die Schüler beim Weitsprung auch noch 20 Zentimeter weiter. Und der Sprung übers Pferd oder den Kasten? Den schafft nur noch jeder Dritte, klagen Sportlehrer. Generation GZSZ? Generation schlapp!

Die Eltern müssen einbezogen und mitgeschult werden

Was tun? Abzunehmen ist für dicke Kinder ohne Hilfe von außen kaum zu schaffen. In Deutschland werden deshalb laufend neue Therapieprogramme für übergewichtige Kinder und Jugendliche angeboten. "Aber die Qualität ist sehr unterschiedlich", sagt der Pädiater Wabitsch. "Bei der Auswahl der Therapie sollte man darauf achten, dass sie auf drei Säulen steht: Ernährungsumstellung, Bewegungstherapie und Verhaltenstraining. Die Eltern müssen einbezogen und mitgeschult werden", sagt der Professor. Und die Hilfe muss langfristig angelegt sein. Der gesamte Lebensstil muss sich ändern. "Das braucht Monate oder gar Jahre."

Väter und Mütter, die in Wabitsch' Sprechstunde kommen und ein Silikonmagenband fürs dicke Kind fordern, werden fast immer davon abgebracht. "Anders als in Amerika wird bei uns solch eine Operation bei Jungen und Mädchen unter 18 nur im Extremfall gemacht, etwa bei einer lebensbedrohenden Schlaf-Apnoe."

Ein bisschen Übergewicht ist ok

Nicht jeder Teenager muss Modelmaße haben wie Britney Spears oder ein Hering sein wie Justin Timberlake. "Man darf nicht allen, die ein bisschen pummelig sind, sagen, "Du musst jetzt schlank werden". Sonst leiden sie womöglich irgendwann an Bulimie", warnt Wabitsch. Ein bisschen Übergewicht könne durchaus akzeptabel sein. Wenn beide Eltern schlank seien und das Kind ein bisschen rundlich sei, werde sich das sehr wahrscheinlich verwachsen. Es reiche aus, das Gewicht im Auge zu behalten und einen kritischen Blick auf den Speiseplan und das Sportprogramm zu werfen. Zuweilen hilft ein Hinweis. "Wenn ich frage, ob es sich lohnt, in zwei Minuten einen Schokoriegel zu essen und dafür zwei Stunden auf dem Fahrradergometer strampeln zu müssen, denken viele schon nach", sagt der Sportpädagoge Endré Puskas.

"Wenn aber Vater und Mutter extrem übergewichtig sind und das Kind mit vier den Babyspeck noch nicht verloren hat, sollte ein Spezialist aufgesucht werden", rät Wabitsch. Beratung sei auch notwendig, wenn das Kind sehr unter Mobbing zu leiden habe - unabhängig davon, ob es nur zehn oder 30 Pfund zu viel wiegt.

Geschäfte auf dem Abspeckmarkt

Orientierungshilfe bei der Suche nach einer Therapie bieten die Leitlinien der "Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter" (AGA), an die sich ambulante Programme wie Fitoc oder Obeldicks halten. Auf dem profitablen Abspeckmarkt drängeln sich aber viele Geschäftemacher. "Nur 27 Prozent der von uns erfassten 119 ambulanten und rund 50 Prozent der 56 stationären Programme in den Kur- und Kinderkliniken erfüllen die Vorgaben", sagt Wabitsch, der AGA-Vorsitzender ist. "Und auch mit denen ist der Erfolg nicht garantiert."

Denn die Rückfallquote ist hoch. "Nach einem Jahr FITOC haben zwar 71 Prozent der Kinder ihren BMI deutlich verringern können", sagt die Freiburger Sportmedizinerin Ulrike Korsten-Reck. "Kontrolluntersuchungen nach drei Jahren, die wir nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewertet haben, ergaben aber nur noch einen Erfolg bei 31 Prozent der Jungs und 16 Prozent der Mädchen." Ähnlich sieht es bei den stationären Programmen aus: Alle Insula-Jugendlichen gehen abgespeckt nach Hause, einen Erfolg zwei Jahre nach Therapieende gibt es jedoch lediglich bei einem Drittel der Patienten. "Die Zahlen könnten viel besser sein, wenn alle zu Hause eine Nachbetreuung in Spezialambulanzen bekommen würden", sagt Wolfgang Siegfried. Aber nicht jeder wohnt nahe einer Uniklinik, es mangelt an flächendeckenden Angeboten.

Keine Fleischberge mehr futtern

Kudret, ein 16-Jähriger mit Brillies im Ohr und einem Faible für Markenklamotten, will es diesmal schaffen - und nicht wieder Fleischberge futtern wie nach seiner dreimonatigen Kur im Allgäu vor vier Jahren. 35 Kilo hatte er damals abgenommen - und zu Hause alles wieder draufgespeckt. Ein Gewichts-Jo-Jo wie bei Joschka. Auch der deutsche Außenminister hat, nachdem er sich hager lief, wieder dramatisch zugelegt. Auf Kudrets Stundenplan in der Insula stehen Konditions- und Ausdauertraining mit Sportlehrern, Gespräche mit den Psychologen, außerdem Ernährungslehre und Kochen.

Mittlerweile weiß er, dass nicht nur Braten, Döner und Brötchen mit reichlich Remoulade gut schmecken, sondern auch Himbeerbuttermilch, Salat und Kartoffelgulasch. Und vor allem weniger dick machen. Die fettreduzierte Vollwertkost in der Insula-Kantine ist begrenzt auf 1500 bis 1800 Kilokalorien am Tag und sorgt in Kombination mit Sport für sachtes Abnehmen. 22 von 170 Kilo (BMI 53,6) ist der Junge aus Stuttgart in den ersten 17 Wochen losgeworden - die schlabbrige Jogginghose konnte er endlich gegen Jeans eintauschen. Kummer bereiten ihm allerdings die riesigen Faltenschürzen, die sich nun an seinem Körper gebildet haben. Seine innigster Wunsch ist daher jetzt: eine Schönheitsoperation.

Können Eltern ihre Kinder vom Dickwerden abhalten?

Warum lassen es Eltern überhaupt so weit kommen? Häufig, weil sie das gewichtige Problem zu lange verharmlosen. Oder weil sie es nicht schaffen, dem Nachwuchs Grenzen zu setzen - auch beim Essen nicht. Weil sie zermürbt sind von den ständigen Streitereien mit ihren nimmersatten Sprösslingen. Weil sie selbst ständig zwischen Ananas-Diät und Fressattacke pendeln. Oder weil sie einfach tatsächlich nicht wissen, wie wichtig Sport ist, wie man sich gesund und ausgewogen ernährt und wo man Hilfe bekommt, wenn das Kind in die Breite wächst.

Aus Untersuchungen in Berlin und Baden-Württemberg weiß man, dass der Anteil übergewichtiger und adipöser Zwölf- bis 16-Jähriger mit abnehmendem Bildungsgrad und Einkommen der Eltern steigt. Väter mit Abitur haben seltener übergewichtige Kinder als Väter mit Hauptschulabschluss. Zur Risikogruppe gehört auch der Nachwuchs von Migranten. Und dies ist ebenfalls statistisch belegt: In sozial schwachen Familien werden weniger Obst und Gemüse und mehr Fertiggerichte mit hohem, verstecktem Fettgehalt gegessen.

Kostenlawine könnte Gesundheitssystem sprengen

Aufklärung tut Not. Aber mit flammenden Appellen etwa von Verbraucherministerin Renate Künast an Eltern und Lebensmittelindustrie ist es aus Sicht der Experten nicht getan. Der Insula-Arzt Siegfried warnt: "Über kurz oder lang droht eine Kostenlawine, die unser Gesundheitssystem sprengen könnte." Derzeit sind 49 Prozent der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig (BMI > 25) und 13 Prozent fettsüchtig (BMI > 30). Wenn sich der Trend fortsetzt, wird in 40 Jahren jeder Zweite adipös sein, prognostiziert Manfred Müller von der Uni Kiel.

Kudret will nicht dazugehören. Beim Auf-der-Stelle-Gehen in der Insula-Turnhalle steigt sein Puls schon längst nicht mehr so hoch wie früher. Und beim Ausdauertraining über bayerische Hügel macht er auch nicht mehr gleich schlapp. Bis zum Sommer 2005 will er sein Sportprogramm auch zu Hause weiter ausbauen. Denn dann will er noch mal nach Berchtesgaden zurückkehren und mit Maximilian, Nicole und den anderen Ex-Adis auf den Watzmann. Der ist immerhin Deutschlands zweithöchster Berg.

Ist mein Kind zu dick?

Bei Kindern und Jugendlichen wird Übergewicht nach den so genannten Perzentilen des Body-Mass-Index (BMI) bestimmt. Dazu ermitteln Sie zunächst mit folgender Rechnung den BMI:

Körpergewicht (kg) : Körpergröße (m) : Körpergröße (m) = Body-Mass-Index

Suchen Sie nun in den oben und unten stehenden Grafiken den Schnittpunkt aus Alter und BMI des Kindes. Am rechten Rand können Sie den Perzentil-Wert (P) ablesen. Ab P 90 sprechen Experten von Übergewicht, ab P 97 von Adipositas

BMI-Grafiken für Jungen und Mädchen.

Anette Lache/print
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