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Trommeln gehört zum Klonen

Nach den jüngsten Stammzellversuchen tobt erneut die Debatte um Für und Wider solcher Experimente. Doch egal ob Frankenstein oder Fortschritt: Der Weg in die Klinik ist in jedem Fall lang.

Von Frank Ochmann

  Der erste Schritt zum Klon: Eine Eizelle wird unter dem Mikroskop entkernt.

Der erste Schritt zum Klon: Eine Eizelle wird unter dem Mikroskop entkernt.

Das Klon-Geschäft hat nach Betrugsfällen und dubiosen Interessenten aus Sekten und skrupellosen Medizinerkreisen selbst unter denen einen ramponierten Ruf, die es ethisch nicht ablehnen. Geschäft? Ja. Denn es ist vor allem das Geschäft, das am fernen Horizont golden lockt, mag der wissenschaftliche Ehrgeiz bei einzelnen Forschern auch noch so heiß brennen.

Den immensen potenziellen Markt bietet eine Weltbevölkerung, deren reicher Teil zu vergreisen droht und der darum immer stärker daran interessiert ist, den drohenden Grausamkeiten des Alters zu entkommen: Krebs, Alzheimer, Parkinson, um nur drei zu nennen. Frische, gesunde, junge Zellen sollen für Millionen Bedürftige wie neu machen, was dem biologischen Ende anderenfalls unausweichlich entgegeneilt. Das ist die Geschäftsidee.

Die wissenschaftliche Idee zu ihrer Umsetzung entsprang Ende der 1990er Jahre der Entdeckung von menschlichen embryonalen Stammzellen, aus denen sich auch auf natürlichem Weg alles das entwickelt, was uns an Organen und Geweben leben lässt. Von da ist es gedanklich nur noch ein kurzer Schritt bis zu einer maßgeschneiderten "regenerativen" Medizin: Gezielt soll ein zweites oder auch gern ein drittes Mal jener biologische Prozess in Gang kommen, der uns alle einst im Mutterleib von der befruchteten Eizelle über die so geschätzten embryonale Stammzellen zu jenen Wesen werden ließ, die heute forschen, schreiben, lesen – und eben auch altern. Im Labor müssen auf dem Weg zu einer Kur gegen den allmählichen Verfall aber nicht komplette Menschen entstehen, sondern nur möglichst passend das, was fehlt: neue Herzmuskelzellen vielleicht, eine Leber, Nieren oder bestimmte Zellen des Gehirns.

Die Praxis ist bis jetzt ernüchternd

Auf unterschiedlichen Wegen versuchen seit rund eineinhalb Jahrzehnten weltweit Forschergruppen, diesem Ziel näherzukommen. Das aber muss man tatsächlich noch einmal klar und ausgeruht in den Blick nehmen, um ohne Übertreibung einschätzen zu können, was amerikanische Wissenschaftler um den aus Russland stammenden Entwicklungsbiologen Shoukrat Mitalipov jetzt als Frucht ihres Mühens veröffentlicht haben: Es ist ihnen demnach gelungen, eine menschliche Hautzelle in eine gespendete, zuvor entkernte menschliche Eizelle zu überführen und zwar so, dass beide Zellen miteinander verschmelzen. Diesen künstlich erzeugten Embryo regten die Forscher dann zum Wachsen an. Nach einigen Tagen des Reifens konnten schließlich jene embryonalen Stammzellen entnommen werden, der Embryo wurde dafür zerstört. Die so gewonnenen Stammzellen sollen das Ausgangsmaterial für gewünschtes Ersatzgewebe bilden, je nach medizinischem Bedarf – und das ist der Clou – genetisch passend für jenen Patienten, mit dessen Körperzelle alles anfing.

Der heutigen Transplantationsmedizin fehlt es nicht nur an Organen. Wer eines eingepflanzt erhält, muss fortan mit einem Fremdkörper leben und darum die eigene Körperabwehr medikamentös unterdrücken. Ist das transplantierte Organ oder Gewebe aber gar nicht fremd, sondern mit dem Empfänger genetisch identisch – also: geklont –, besteht auch keine Abstoßungsgefahr und der Patient ist im Idealfall wie neu. Soweit die Theorie des "therapeutischen Klonens". Dessen Praxis allerdings ist bislang ernüchternd.

Vor allem deshalb, weil das Erbgut im Zellkern nur eine Komponente ist, die zum Gelingen oder Scheitern solcher Züchtungen beiträgt, wie sie jetzt aus dem Labor in Oregon bekannt wurden. Die zweite, kaum weniger wichtige, ist das sogenannte "epigenetische" Programm jener biologischen Bausteine, die im Labor zusammengebracht werden. Weil das Erbgut nicht ein für alle Mal fest steht, sondern sich andauernd unter den Einflüssen von "draußen" verändert, wirkt es in der einen Umgebung anders als in einer anderen. Die Umwelt schreibt sich in die Genetik ein wie ein Pianist, der nach vorgegebener Partitur auf einem Klavier spielt. Aber keine zwei Pianisten spielen dasselbe Stück genau gleich – das würden sie selbst dann nicht, wenn sie selbst geklont wären und sich den Genen nach durch nichts unterschieden. Grund dafür ist die "Epigenetik", die das ursprüngliche Erbgut interpretiert und Tag für Tag ins wirkliche Leben umsetzt. Das aber – auch das einer Stammzelle – ist im bildlichen Vergleich eben nicht fest gemauert, sondern wie eine weiter und immer weiter klingende Melodie. Deren Töne können allerdings verrutschen oder ganz verstummen, wenn der epigenetische Musikant vom Leben "draußen" geknufft oder sonst wie in seinem Spiel gestört wird.

Ein Meilenstein, aber der Weg ist weit

Was recht harmlos scheint, führt bei Tierversuchen in den Labors allerdings zu manchmal monströsen Missbildungen. Bislang waren meist einige hundert Versuche erforderlich, um zu einer medizinisch unauffälligen Lebendgeburt zu kommen. Und das bei eben jener Prozedur, durch die schon das verdoppelte Schaf Dolly entstand und die nun auch in Oregon wieder angewendet wurde. Dort konnte die Effizienz des Verfahrens offenbar erheblich verbessert werden. Doch ist der so ersehnte Jungbrunnen damit schon angebohrt?

Mitalipov verweist in einer Presseerklärung auf die mit seiner eigenen konkurrierende Methode – "induzierte pluripotente Stammzellen" (sogenannte iPS-Zellen). Er vergisst auch nicht die Schwierigkeiten, die sich bei Experimenten mit iPS-Zellen zeigten. Bei diesem zweiten, heute gängigen Verfahren wird kein Embryo erzeugt wie in Oregon. Vielmehr werden Stammzellen auf direktem Weg durch eine Art Rückprogrammierung normaler Körperzellen gebildet. Doch das gelingt keinesfalls reibungslos und führt schlimmstenfalls sogar zur Bildung von bösartigen Tumoren. Denn Stammzellen als Spender scheinbar unerschöpflichen Lebens und Krebs sind gefährlich enge Verwandte. Egal, nach welcher Methode sie erzeugt wurden.

All diese gravierenden Probleme sind nach wie vor ungeklärt und niemand weiß derzeit, wie es gelingen kann, am Ende zu einer verantwortlichen klinischen Anwendung zu kommen. Die ethischen Fragen, um die sich auch diesmal ein Großteil der öffentlichen Debatte dreht, sind mindestens so alt wie das in Oregon verwendete Klonverfahren. Für "Lebensschützer" hat sich aber nichts verändert durch die neuen Versuche, weil sie jede "Opferung" von Embryonen ablehnen. Für die Befürworter solcher Methoden ist ethisch auch alles beim Alten. Denn wer das Absterben von überzähligen gefrorenen Embryonen aus den Reproduktionskliniken für die Stammzellproduktion billigt, kann eigentlich auch nichts gegen eigens erzeugte Embryonen haben, die über eine Entwicklung von einigen Tagen ohnehin nicht hinauskommen. Es ist den beteiligten Forschern abzunehmen, dass sie kein Klonen kompletter Menschen, kein "reproduktives Klonen" anstreben. Denn damit lockt man Verrückte und Thriller-Autoren, aber keine potenten Investoren.

Es kann also sein, dass die jetzt publizierten Klonresultate, wie behauptet, tatsächlich ein Meilenstein auf dem Weg zu einer maßgeschneiderten regenerativen Medizin auf der Basis embryonaler Stammzellen sind. Sicher ist aber zumindest, dass dieser Weg auch von Oregon aus noch viele, viele Meilen lang ist. Und Meile für Meile werden auch weiter die PR-Trommeln zu hören sein.

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