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Ariane Friedrich und der virtuelle Pranger

Seit Hochspringerin Ariane Friedrich im Netz den Namen eines angeblichen Stalkers veröffentlicht hat, ist eine rege Diskussion entbrannt. Durfte sie das? Und ist so eine Reaktion sinnvoll?

Von Lea Wolz

  Ariane Friedrich hat den Namen und Wohnort eines vermeintlich perversen Fans auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht

Ariane Friedrich hat den Namen und Wohnort eines vermeintlich perversen Fans auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht

Wer berühmt ist, muss auch damit rechnen, dass er Fans hat, die ihm nicht lieb sind. Leichtathletin Ariane Friedrich kann davon ein Lied singen. Schon in der Vergangenheit sei sie beleidigt, sexuell belästigt und verfolgt worden, gestand sie. Doch nun ist ihr offenbar der Geduldsfaden gerissen. Am 16. April veröffentlichte sie bei Facebook den Namen und Wohnort eines Mannes, der ihr vermeintlich eine anzügliche E-Mail samt Foto seines Geschlechtsteils geschickt hatte. Eine Strafanzeige kündigte sie ebenfalls an.

"Es ist Zeit zu handeln, es ist Zeit, mich zu wehren. Und das tue ich. Nicht mehr und nicht weniger", begründete Friedrich danach ihr Vorgehen. Sie sei nicht bereit, sich doppelt zum Opfer zu machen und stets zu schweigen. "Das Herausnehmen aus der Anonymität ist meines Erachtens ein Mittel, um zu verdeutlichen, dass ich bereit bin, aktiv zu handeln", schrieb die ausgebildete Polizistin. Zahlreiche Fans stimmten dem zu und drückten den "Gefällt mir"-Button.

Doch darf man jemanden derart öffentlich an den Pranger stellen? Und ist dies der richtige Weg, um dem Nachstellen ein Ende zu setzen? Darüber ist seit dem ersten Posting eine hitzige Diskussion entbrannt.

"Mutige" Aktion oder "bedenklich"?

Denn was, wenn die Wut der Masse den Falschen trifft? Eine Gefahr, die unter den Facebook-Fans diskutiert wird und die nicht unrealistisch ist, war doch erst kürzlich ein 17-Jähriger in Emden zu Unrecht verdächtigt und fast Opfer eines unerbittlichen Lynchmobs geworden. Den Wohnort, den Friedrich veröffentlicht hat, gibt es zudem mehrmals - genau wie den Namen des angeblichen perversen Fans.

Ein Problem, das auch der Düsseldorfer Strafrechtler Udo Vetter sieht. In seinem "Lawblog" griff er am Sonntag das Thema auf. "Man muss sich nur mal vorstellen, dass der Absender der Mail gefälscht ist", schreibt er. Aber selbst wenn es tatsächlich den Richtigen treffe, sei das An-den-Pranger-Stellen unrechtmäßig.

"Das allgemeine Persönlichkeitsrecht schützt jeden davor, in der Öffentlichkeit ohne triftigen Grund bloßgestellt zu werden", so Vetter gegenüber stern.de. "So eine Privataktion ist deshalb schlichtweg unzulässig, und zwar unabhängig davon, ob der Betreffende tatsächlich so ein Bild an Frau Friedrich geschickt hat."

Das Posting sei "eine klare Übertretung rechtlicher Schranken, ein Akt unzulässiger Selbstjustiz". Der Betroffene, aber auch alle Namensvetter, die zu Unrecht in Verdacht geraten seien, hätten "zivilrechtlich mit einiger Sicherheit Unterlassungs-, Schadensersatz- und womöglich auch Schmerzensgeldansprüche".

Besonders nachdenklich stimme ihn, so Vetter, "dass Frau Friedrich so was kurz nach dem Lynchmob in Emden macht, der ja auch über Facebook mobilisiert wurde". Über Persönlichkeitsrechte und Datenschutz könne sie jedenfalls in ihrer Ausbildung nicht viel gelernt haben. "Ein gutes Vorbild ist sie damit sicher nicht."

Kein Stalking

Und noch etwas anderes zeigt der aktuelle Fall: Begriffe verselbstständigen sich schnell - auch wenn sie nicht unbedingt passend sind. Denn auch wenn der Übergriff auf Friedrich sicher eine Grenze überschritten hat, um Stalking handelt es sich dabei noch nicht. "Bei einer einmaligen oder zweimaligen Kontaktaufnahme können sie nicht von Stalking sprechen", sagt Rita Steffes-enn vom Darmstädter Institut für Psychologie- und Bedrohungsmanagment. Die Sozialarbeiterin beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema "Stalking". "Hier wird schnell ein Etikett verwendet, das nicht zutreffend ist."

Von Stalking sprechen Experten wie Steffes-enn erst, wenn die Kontaktaufnahmen häufig und mindestens über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen stattfinden. "Meistens sind die Opfer auch nicht Prominente, sondern Ex-Partner", so Steffes-enn. Ariane Friedrich selbst schreibt, dass sie eine solche E-Mail nicht zum ersten Mal erreiche. Doch ergänzt sie auch: "… zwar nicht von ihm, aber von Dritten".

Steffes-enn betont: "Wer solche E-Mails erhält, ist Opfer eines Cyberübergriffs." Doch sei die E-Mail des Mannes vermutlich der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Die Reaktion findet sie zwar verständlich, es sei aber auch gefährlich, an einem Fall ein Exempel zu statuieren. "Das kann beim Täter auch Hass auslösen, der zuvor nicht da war", so die Sozialarbeiterin.

Ob die Reaktion tatsächlich sinnvoll war, um einen vermeintlichen Täter zum Schweigen zu bringen, ist ohnehin fraglich. "Es gibt keine Patentlösungen für solche Konflikte", sagt Steffes-enn. Doch aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie auch: "Häufig funktioniert der Abschreckungsmechanismus nicht." Diese Reaktion könne in Einzelfällen zwar Erfolg haben. "Doch es ist nicht der einzige Weg und in den meisten Fällen auch nicht der richtige."

Digitale Denunziation

Bei Stalkern wäre er es gleich gar nicht. Denn meistens würden solche Täter keine Einsicht zeigen, sondern sich selbst als Opfer sehen, sagt Steffes-enn. Nach ihrer Erfahrung stehen dahinter häufig Verlusterfahrungen und Bindungsunsicherheiten. Stalking sei auch als Suche nach Zuwendung zu begreifen, die Täter leicht kränkbar und verletzbar. "Und öffentliche Anprangerung fördert nicht Einsicht und Nachdenken, sondern verstärkt die Ursprungssituation."

So hart es auch für Opfer von solchen Übergriffen klingen mag. "Um die Sache schnell zu beenden, ist es daher manchmal tatsächlich besser, nicht offensiv zu reagieren", so Steffes-enn.

Im Internet wird das allerdings vielfach anders gesehen. Die Zahl derjenigen, die unter dem Kommentar von Ariane Friedrich den Like-Button gedrückt haben, steigt stetig. Mehr als 3000 Likes sind es mittlerweile. Die Facebook-Seite des Mannes, auf den die veröffentlichte Beschreibung am besten zutrifft, ist mittlerweile gelöscht. Ob er nun tatsächlich derjenige war, der das Bild an die Leichtathletin geschickt hat, ist zwar offen. Doch vorverurteilt ist er, die digitale Denunziation hinterlässt ihre Spuren. "Der Name ist im Internet gesetzt", sagt Steffes-enn. "Etwas bleibt immer an der Person hängen."

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