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Kreationismus im Klassenzimmer

Die Gesetzeslage in den USA ist klar: Der religiös verankerte Kreationismus hat im Biologieunterricht nichts zu suchen. Darwins Evolutionstheorie ist fester Bestandteil des Lehrplans. Doch was passiert, wenn - wie eine aktuelle Studie zeigt - 16 Prozent der Lehrer selbst glauben, dass der Mensch vor 10.000 Jahren von Gott geschaffen wurde?

Von Nina Bublitz

Unter den 20 Top-Universitäten der Welt finden sich laut dem anerkannten Shanghai-Ranking 17 US-amerikanische Hochschulen. Veröffentlichungen in Fachblättern wie "Nature" und "Science", Absolventen, die einen Nobelpreis erhalten haben – in sämtlichen Kriterien, die fürs Ranking zählen, punkten die US-Unis mehr als andere. Allein Cambridge, Oxford und die Universität von Tokio halten mit. Betrachtet man dieses Ranking, erscheint der Streit um den Biologieunterricht an den amerikanischen Highschools umso kurioser. Denn während an den Unis Spitzenforschung betrieben wird, erklären manche Biologielehrer ihren Highschool-Schülern, Darwins Evolutionstheorie sei äußerst lückenhaft – und das religiös motivierte "Intelligent Design" könne die Entstehung der Arten viel besser erklären. Politologen der Pennsylvania State University haben jetzt mithilfe einer Umfrage dieses Verhalten der Lehrer genauer untersucht.

Die Lehrer, die Intelligent Design, kurz: ID, unterrichten, haben einen großen Teil der Amerikaner hinter sich. 38 Prozent sähen es lieber, wenn ihre Kinder in ID statt Evolution unterrichtet werden. Dabei stehen die Befürworter allerdings vor einem Problem: Religiöse Inhalte sind an US-Schulen nicht willkommen. US-amerikanische Gerichte haben in den vergangenen Jahren immer wieder entschieden, dass die religiösen Alternativen – neben ID gibt es auch den Kreationismus (siehe Kasten) – keinen Platz im Unterricht haben.

Was glauben die Biologielehrer?

Trotzdem greift jeder vierte Lehrer die religiösen Konzepte im Biologie-Unterricht auf, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Plos Biology" berichten. Zusätzlich fassen sich manche in Sachen Evolution möglichst kurz. Rund ein Drittel handelt das Thema in weniger als sechs Schulstunden ab. Zwei Prozent erwähnen es gar nicht. 44 Prozent widmen sich der Evolution für 6 bis 15 Stunden. Es existieren also erstaunlich große Unterschiede von Lehrer zu Lehrer, wie Politologe Michael Berkman und seine Kollegen in der Befragung ermittelten.

Sie wollten von den Lehrern wissen, was sie selbst glauben: dass Millionen von Jahre vergingen, bis sich der Mensch entwickelte – und Gott keinen Anteil daran hatte. Oder dass die Evolution stattfand, Gott aber diesen Prozess leitete. Oder glauben sie, in enger Anlehnung an die Bibel, dass Gott die Menschen erst vor rund 10.000 Jahren schuf? Das Ergebnis: Gerade einmal 28 Prozent der Biologielehrer meinen, die Evolution hätte – ohne Eingriff Gottes – stattgefunden. 47 Prozent glauben an eine von Gott gesteuerte Entstehung der Arten. Und 16 Prozent glauben, dass der Mensch erst vor 10.000 Jahren von Gott geschaffen wurde. Die restlichen neun Prozent gaben keine Antwort.

So verblüfft es nicht, dass jeder vierte Lehrer auch ein bis zwei Stunden seines Unterrichts darauf verwendet, die Schüler über Kreationismus und Intelligent Design aufzuklären. Zwar tut dies manche Lehrkraft, um zu vermitteln, dass die Konzepte eine gültige religöse Sichtweise sind, aber von der Wissenschaft nicht anerkannt werden. Doch etwa die Hälfte von ihnen gab an, dass sie den Kreationismus als "wissenschaftliche Alternative für Darwins Evolutionstheorie" darstellen. Studienleiter Berkman spricht sich deshalb dafür aus, dass Biologielehrer einen Extrakurs in Evolutionslehre ablegen müssen.

Der gesellschaftliche Druck, der auf den Biologielehrern lastet, wird dadurch allerdings kaum geringer. Denn wie die US-Bevölkerung insgesamt zur Evolution steht, weiß man längst: Nur 13 Prozent sehen in der Evolution einen nicht von Gott geleiteten Prozess. 48 Prozent der US-Bürger sind dagegen fest überzeugt, dass der Mensch erst seit 10.000 Jahren auf der Erde weilt. Dass ein paar Richtersprüche den Kampf ums Klassenzimmer nicht beenden, ist deshalb nicht verwunderlich.

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