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Die Erfindung der Angst

Waren die Amerikaner wirklich auf dem Mond? Starb Lady Diana tatsächlich bei einem Unfall? Wer steckt hinter 09/11? Noch nie waren Verschwörungstheorien so beliebt. Und noch nie hatten es die Leute, die sie erfinden, so einfach.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Am Anfang steht das Erstaunen, wie schnell Menschen bereit sind, Katastrophen und Unglücke auf eine Verschwörung zurückzuführen. Da sterben beispielsweise eine Prinzessin und deren Liebhaber bei einem Autounfall. Ein Unglück, wie es schnell passiert ist, wenn, wie im Fall der Lady Di, ein Betrunkener am Steuer sitzt - doch schon schreien die ersten, das ginge nicht mit rechten Dingen zu. Da stecke doch bestimmt ein Komplott des Ex-Manns, Prinz Charles, dahinter, um freie Bahn zu haben für eine Heirat mit seiner langjährigen Geliebten Camilla. Andere verdächtigen gleich das ganze englische Königshaus. Logisch, Diana war denen ja schon immer ein Dorn im Auge. Oder war's der britische Geheimdienst, um zu verhindern, dass die ehemalige Prinzessin einen Moslem heiratet? Anhänger von Verschwörungstheorien laufen zur Höchstform auf. Alles Blödsinn, urteilen hingegen Wissenschaftler.

Zwar werden Verschwörungstheorien besonders gerne mit - angeblichen - Fakten und Zahlen gefüttert - einer wissenschaftlichen Überprüfung halten sie jedoch nicht stand. "Verschwörungstheorien sind reine Kunstprodukte", sagt Thomas Grüter, Mediziner und Autor des Buches "Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer"(Scherz-Verlag). Man kann sich das, so banal es klingt, ganz vereinfacht so vorstellen: Einer erfindet eine Verschwörungstheorie, schreibt sie auf und veröffentlicht sie. "Das Internet hat der Verbreitung von Gerüchten eine neue Dimension verliehen. Die schnelle Zugänglichkeit ist mitunter ein Grund für den Boom", sagt Grüter. "Wer will, findet im Netz garantiert eine auf ihn passende Verschwörungstheorie." Die maßgeschneiderte Verschwörungstheorie sozusagen. Doch wer sind die Designer? Was sind das für Menschen, die sich abstruse Konstrukte einfach so aus den Fingern saugen?

Es gibt vier Typen von Leuten, die Verschwörungstheorien erfinden

Thomas Grüter unterscheidet vier Gruppen. Der so genannte besessene Aufklärer möchte die Welt unbedingt über eine Verschwörung informieren, auf die er alleine gestoßen ist. Der Zeichendeuter weiß genau, wer hinter allem Bösen steckt. Er deutet aktuelle Ereignisse im Sinne seiner Grundthese um. Zur dritten Gruppe gehören meist psychisch erkrankte Menschen. Verfolgte, die sich persönlich von einer Verschwörung bedroht fühlen. Der Hexenjäger ist der gefährlichste der Verschwörungstheoretiker: Er hat die Verschwörer nicht nur entdeckt, sondern sieht sich berufen, sie zu verfolgen und zu vernichten. Zum Beispiel der mittelalterliche Hexenjäger Heinrich Kramer und der Kommunistenjäger Joseph McCarthy. Der damalige US-Senator initiierte in den frühen 50er-Jahren eine Kampagne gegen eine vermutete Unterwanderung des Regierungsapparates der Vereinigten Staaten durch Kommunisten.

Natürlich findet nicht jede Verschwörungstheorie ihre Abnehmer. Die Frage ist, warum an manche Theorien nur der Erfinder selbst glaubt und warum andere Theorien die Menschen infizieren wie gefährliche Viren. "Entscheidend ist die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, in der die Vorurteile der Leser gegen bestimmte Gruppen ausgenutzt und bestätigt werden", erklärt Grüter. Und: die Geschichte müsse vor allem spannend sein, mit vielen überraschenden Wendungen. Erfolgreiche Verschwörungstheoretiker können guten Drehbuchautoren da durchaus das Wasser reichen.

Der Teufelsglaube verbreitet sich wieder stärker

Die Dramaturgie folgt einem immergleichen Muster. Auslöser der Geschichten sind erschütternde Ereignisse, die einzelne Nationen oder die ganze Welt betreffen. Sie funktionieren nur, wenn sie auf einem grundsätzlichen Misstrauen gegen andere, als feindlich empfundene Gruppen fußen. Nächster Schritt: Die Katastrophen werden als Ergebnis einer Verschwörung dieser Gruppen dargestellt. Eine Seuche ist ausgebrochen? Ganz klar: Die Bösen haben die Brunnen vergiftet! "Irgendwann schreibt dann jemand eine Hetzschrift oder ein Buch über die Untaten und heimlichen Pläne der Bösen", sagt Grüter. "Selbst wenn das den meisten Menschen zu weit geht, werden sich viele denken: "Irgendwas wird schon dran sein, wir haben denen ja noch nie getraut".

Und so geht es weiter, allerlei Verdächtigungen werden zusammengeworfen, Zahlen zurechtgebogen, Zitate erfunden oder in einen falschen Zusammenhang gestellt, bis ein schier unentwirrbares Knäuel entsteht. "Je komplexer, desto besser", sagt Grüter. "Kaum einer wird sich die Mühe machen, dieses Monstrum in einzelne Teile zu zerlegen und nachzurecherchieren."

Opfer von Verschwörungstheorien waren meist Gruppen, die beispielsweise bereits von der Kirche oder anderen verfolgt oder ausgegrenzt wurden. Unter anderem Juden, Freimaurer, "Hexen" und Kommunisten. "Agenten des Bösen" nennt sie Wolfgang Wippermann in seinem gleichnamigen Buch über "Verschwörungstheorien von Luther bis heute" (Bebra Verlag). "Ausgangspunkt allen verschwörungsideologischen Denkens ist der Glaube, dass für alles Übel in der Welt der Böse schlechthin - der Teufel - verantwortlich ist", erklärt der Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin.

"Doch kann er nicht das Teufelswerk alleine tun. Er braucht also Helfershelfer: die Agenten des Bösen." Teufelsglaube, oje, das klingt ja nach finsterem Mittelalter. "Egal, wie fortschrittlich wir uns fühlen, da stecken wir noch mittendrin", sagt Wippermann. Mehr denn je: Mit der Renaissance der Religionen verbreite sich auch der Teufelsglaube wieder stärker. 60 Prozent der Amerikaner glauben laut einer aktuellen Umfrage an den Satan. Verschwörungsgläubige wollen in den Rauchwolken der brennenden Türmen des World Trade Centers den grinsenden Teufel gesehen haben.

"Man möchte gesagt bekommen, was man glauben soll"

Stichwort 11. September: Hier wimmelt es nur so vor Verschwörungslegenden. Jedes Detail wird angezweifelt, etwa dass Flugzeuge allein das World Trade Center nicht zum Einsturz hätten bringen können. Unter Verschwörungstheoretikern besonders populär ist die These, die Regierung der USA hätte die Anschläge selbst in Auftrag gegeben. "Je schlechter unser Verhältnis zu Amerika, desto mehr Nahrung erhalten solche Gerüchte", sagt Wippermann. Wer etwas finden wolle, könne sich die Beweise zurecht biegen.

Als besonders abstruses und gefährliches Beispiel nennt Wippermann, wie Juden die Schuld an der Tragödie des 11. September in die Schuhe geschoben wurde: "Die jüdischen Opfer wurden gezählt. Weil es kaum welche gab, wurde daraus allen Ernstes gefolgert, die Juden seien vorher gewarnt worden. Für manche Grund genug, die Juden verantwortlich zu machen." Der Mechanismus funktioniert: Wer an etwas glauben will, der glaubt daran, egal wie löchrig die Thesen sind. In islamischen Ländern kursieren laut Wippermann wieder vermehrt die "Protokolle der Weisen von Zion". Das antisemitische Pamphlet wurde im Jahr 1903 in einer russischen Zeitung erstmals veröffentlicht und wird immer wieder als Beweis für die angeblichen Weltherrschaftspläne der Juden herangezogen - obwohl es bereits in den zwanziger Jahren als Fälschung entlarvt wurde.

Fehlende Beweise, null Wahrheitsgehalt. Trotzdem halten Millionen von Menschen am Verschwörungsglauben fest. Gibt es so etwas wie ein Verschwörungs-Gen? Der Historiker Dieter Groh geht von einer typisch menschlichen Eigenschaft aus und spricht von einer anthropologischen Konstante. Angst und Unwissenheit nennt Wolfgang Wippermann als Ursachen. Und die Sucht nach Autoritäten: "Man möchte gesagt bekommen, was man glauben soll."

Krisenzeiten sind Verschwörungszeiten

Nicht zu unterschätzen sei die Wirkung von konspirativen Theorien auf traumatisierte Menschen. Können diese ihre Traumata nicht verarbeiten, wie etwa die Folgen des 11. September, suchen sie händeringend eine Antwort oder einen Schuldigen in Verschwörungsideologien. Auch banalere Gründe sind anzunehmen, wie etwa der Entertainment-Faktor. "So erstaunlich die Mondlandungen auch waren, ist es doch noch viel erstaunlicher, zu mutmaßen, dass die ganze Sache gefälscht war", sagt Thomas Grüter. Verschwörungstheorien kämen auch denen gelegen, die ihr Ego aufblähen wollen. Wer auf den Fotos der Mondlandungen Unstimmigkeiten entdeckt, die andere nicht sehen, steht eben schlauer da.

Verschwörungstheoretiker sehen sich selbst auch gerne als Teil einer Elite, die exklusiv im Besitz geheimer Informationen sind. Generell sind sich Wissenschaftler einig: Krisenzeiten sind Verschwörungszeiten. Bei gesellschaftlichen Umbrüche und politischen Unsicherheiten kommen Gerüchte so schnell an die Oberfläche wie Regenwürmer bei Regen "Die Wahrheit steht einer guten Geschichte nie im Weg", sagt der Mythenforscher Jan Harold Brunvand. Besser trifft es das Erfolgsgeheimnis von Verschwörungstheorien wohl kaum.

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