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Als Hund unter Frauen

Übungen mit Tiernamen, Männer in der Minderheit und befremdliche Gesänge, die den Brustraum öffnen: Wir haben einen Mann zum Yogakurs geschickt. Dort traf er auf alte Schamgefühle - und erlebte eine neue Gelassenheit.

Von Ulrich Kraft

Erste Stunde

Berlin, Bismarckstraße, Hinterhaus, dritter Stock. Dort ist nicht irgendeine Yogaschule, sondern die von Anna Trökes: einer Frau mit mehr als 30 Jahren Erfahrung, Autorin diverser Bücher, einer Institution. Ich bin zu früh und habe daher Gelegenheit, das am Nachmittag angelesene Wissen noch einmal Revue passieren zu lassen. Yoga soll Körper und Geist vereinen, sie in eine gemeinsame Richtung führen, meine vom hektischen Alltag zerstreuten Fähigkeiten ordnen, mich von eingefahrenen Verhaltensmustern befreien und so die Voraussetzungen für konzentriertes Denken und befriedigendes Handeln schaffen. Einen straffen, gesunden Leib gibt's inklusive. Ganz schön dick aufgetragen, denke ich.

"Hallo, ich bin Anna Trökes!" Die freundliche Begrüßung reißt mich aus meinen Gedanken: Sie hat blonde Locken, einen festen Händedruck, auf den ersten Blick ist nichts Guruhaftes zu entdecken. "Ziehen Sie sich um, nehmen Sie sich Matte, Handtuch und Sitzkissen. Der Trainingsraum ist da hinten." Dort wird mein Vorurteil bestätigt, Yoga sei Frauensache. In diesem Kurs liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern bei vier zu eins.

Wir sollen uns auf den Rücken legen, die Auflagepunkte erspüren und dann langsam im Boden versinken. Ich bemühe meine gesamte Vorstellungskraft, bleibe aber trotzdem oben auf der Matte liegen. Die nächsten Aufgaben erweisen sich als ebenso schwierig. Hierhin atmen, dorthin atmen, mental von den Füßen bis zum Kopf wandern und schauen, wo ich mich wohlfühle und wo es klemmt. Bei mir klemmt wohl die Verbindung zwischen Geist und Körper. Es will mir einfach nicht gelingen, präzise in mein Inneres zu blicken. Ich spüre vor allem eines: aufkeimenden Frust. Dann kommt endlich das, was ich mir unter Yoga vorstelle. Seltsame Verbiegungen, Asanas genannt, manche von ihnen mit Tiernamen - einen Hund gibt es, Adler und Schildkröte. Nach der dritten Übung merke ich: Es sieht leicht aus, ist aber ganz schön anstrengend. Mir wird warm. Nächstes Asana: im Stehen die Knie anbeugen, Hintern raus, Arme nach oben, dann mit den Beinen wippen.

Anna Trökes' Hinweis, nichts zu denken, erreicht mich leider erst, nachdem ich in einen der riesigen Wandspiegel geschaut habe: Was ich hier treibe, sieht vollkommen lächerlich aus. Es reicht. Ich will weg hier! Aber ich bleibe. Kurz darauf denke ich tatsächlich nichts mehr, weil es sämtliche Konzentration erfordert, irgendwie die Balance zu halten; nackte Füße suchen verzweifelt Halt auf rutschiger Matte. Noch zwei Übungen, dann ist Schluss. Gott sei Dank, denn für heute habe ich die Nase voll von orangefarbenen Gummimatten und indischer Philosophie.

Zweiter Termin

An Rücken, Schultern und Beinen schmerzen Muskelgruppen, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Zwei Tage nach meiner Premiere ist der Muskelkater noch nicht verflogen. Getreu dem Motto "Weitertrainieren ist die beste Therapie" setze ich mich dennoch ins Auto. Ich bleibe im Feierabendstau stecken, liege mit zehn Minuten Verspätung auf der Matte - und soll meinen Seelenzustand erspüren. Das Ergebnis: Gehetzt fühle ich mich und gestresst. Kein Wunder, dass ich an der mentalen Erkundungsreise durch den Körper wieder scheitere. Konzentration? Keine. Ich gebe auf und versuche, mich erst einmal zu entspannen.

Anna Trökes verteilt Zettel, und schlimme Befürchtungen werden wahr: Wir sollen ein Mantra singen! Wir erfahren, dass Mantra "Werkzeug des Geistes" bedeutet und dass Sanskrit nicht nur eine heilige, sondern auch eine heilende Sprache ist, wegen der speziellen Vibrationen. Noch nicht geheilt ist mein Trauma vom Vorsingen in der Grundschule: Ich bekam eine Fünf, zu Recht, denn ich traf schon damals nie den richtigen Ton. Gegen größ- te innere Widerstände mache ich mit - und erlebe eine Überraschung: In meinem Brustkorb beginnt es zu summen wie in einem Bienenstock. Es fühlt sich gut an!

Dann folgen die Asanas, und dieses Mal geht alles viel schneller. Ich schaffe mehr Wiederholungen, und die Pausen, die sich an jede Übung anschließen, fallen kürzer aus. Eigentlich dienen sie der Entspannung und der Selbstwahrnehmung - der Yogi soll nachspüren, was ein Asana in seinem Inneren bewirkt hat; ich brauche die Zeit, um mich zu erholen.

Ein Asana jagt das nächste. Es ziept und zwackt überall im Rücken, ich fange an zu schwitzen. Als Einziger, wie ich mit schnellem Blick erkenne. Meine Mitschüler, einige von ihnen 20 Jahre älter als ich, absolvieren das Programm anscheinend ohne Mühe, manche mit einem Lächeln auf den Lippen. Davon bin ich zwar weit entfernt, doch so langsam geht es besser. Linken Arm über den Kopf beugen, rechte Schulter zum Boden, rechten Arm über den Kopf beugen, linke Schulter zum Boden … Ich finde einen Rhythmus, die Bewegungen werden flüssiger, meine Atmung passt sich dem Takt an.

Auf dem Weg nach Hause macht sich eine angenehme Müdigkeit breit. Und auch das strapazierte Nervenkostüm hat offenbar profitiert: Weder die ständigen roten Ampeln noch die rabiaten Berliner Taxifahrer bringen mich jetzt aus der Ruhe. Das war auf dem Hinweg anders.

Dritter Termin

Wieder habe ich eine Lektion gelernt: Heute fahre ich mit dem Fahrrad, das zerrt weniger an den Nerven. Ich bin diesmal entspannter, doch um meine Fähigkeiten zur Introspektion ist es auch diesmal schlecht bestellt. Wo ist der Raum in meinem Kopf, in den sich der Geist zurückzieht? Den soll ich suchen, finde ihn aber nicht - und frage meine Lehrerin, warum. Weil das schwierig sei und Übung erfordere. "Es wird aber von Mal zu Mal leichter", verspricht sie. Hoffentlich!

Nächster Programmpunkt: indische Philosophie. Bhur, Bhuvar und Svah, die ersten Worte des Mantra, bezeichnen drei Ebenen des Geistes. Bhur ist das Alltagsbewusstsein, also automatisierte Denkprozesse wie etwa das Abschließen der Haustür. Bhuvar ist die Reflexionsebene, das Nachdenken über unser Handeln und unsere Gefühle. Meiner Ansicht nach ist das schon eine ziemlich hohe Ebene. Yogis streben aber nach dem Svah, dem von äußeren und inneren Einflüssen unabhängigen Geist, dem bloßen "da Sein", wie Trökes es nennt. Dieser Zustand lasse sich beim Yoga erreichen, durch die Asanas und Atemübungen, die das bewusste Denken ausschalten.

Nachdem das theoretische Fundament gelegt ist, singe ich laut mein Mantra und starte hoch motiviert mit den ersten Übungen. Beim fünften oder sechsten Asana erfährt der Novize dann auf fast wundersame Weise, was gemeint ist. Ich stehe da, drehe den Oberkörper mit ausgestreckten Armen von einer Seite zur anderen, schnell, schneller - und klick, plötzlich scheint sich irgendwo im Oberstübchen ein Schalter umzulegen. Es gibt keine Alltagssorgen mehr, nur noch Bewegung. Das anschließende Nachfühlen ergibt: tiefste Entspannung. Zum ersten Mal glaube ich, dass Yoga mir tatsächlich etwas bringen kann.

Dann der Schock: Beim tiefen Einatmen durchzuckt ein stechender Schmerz meinen Brustkorb. Ist es das Herz? Zum Glück verschwindet das Ziehen rasch wieder. Nach der letzten Übung, im Schongang absolviert, frage ich, was das gewesen sei. Durch die Atemübungen würden Blockaden des Zwerchfells durchbrochen, erklärt Frau Trökes, das könne manchmal wehtun. Wie es mir jetzt gehe, fragt sie besorgt. Ganz Yogi horche ich in mich hinein - und bin sehr froh, nichts zu spüren.

Vierter Termin

Etwas ist anders; ich will nicht joggen, sondern habe Lust auf Yoga. Das macht sich offenbar bezahlt, denn bei der mentalen Röntgentechnik mache ich ganz klar Fortschritte. Stück für Stück wandert meine Wahrnehmung durch den Körper, registriert schwere Beine vom Fahrradfahren, ein leichtes Rasseln in der Lunge durch die elende Raucherei, ansonsten Wohlbefinden und - aufkommende Euphorie! Vielleicht schaffe ich es mittels Yoga tatsächlich, meine Geisteskräfte stets zielgenau in die gewünschte Richtung zu lenken? Für einen kurzen Moment träume ich davon, alle Pflichten durch perfekte Konzentration doppelt so schnell zu erledigen.

Die ersten Asanas bescheren mir weitere Erfolgserlebnisse. Ich kenne die Übungen nämlich schon, absolviere sie mit ungewohnter Leichtigkeit und finde sogar Gefallen an den fließenden Bewegungen. Kaum zu glauben: Was ich als esoterische Trendgymnastik für Frauen betrachtet habe, macht mir tatsächlich Spaß!

Wir lernen das nächste Asana: Im Sitzen die linke Hand zum rechten Fuß, beides anheben, jetzt das rechte Bein in die Luft. Zur Vollendung muss schließlich auch der stützende Arm weg vom Boden. Wie ein nasser Sack falle ich nach hinten. Neuer Versuch, gleiches Ergebnis. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen, doch das vergeht mir schnell. Denn ich bin nicht der Einzige, der lacht: Eigentlich sollen wir die Augen geschlossen halten, aber einige aus dem Kurs haben geschummelt und sind Zeuge geworden, wie ich ungelenk über die Matte purzelte. Peinlich! Mein gebeuteltes Ego sehnt das Ende der Stunde herbei. Zu Hause werde ich allerdings mit einem herrlichen Gefühl entschädigt: dem der Erlösung, als die Pein des Versagens endlich nachlässt.

Fünfter Termin

Der letzte Kurstag. Früherer Frust ist vergessen, es kann losgehen. Verschmilzt mein Körper tatsächlich ein bisschen mit dem Boden? Wahrscheinlich ist es Einbildung. Wahr ist, dass es mir gelingt, bewusst zu entspannen. Ganz Herr über meine Gedanken, blende ich den Alltagsstress einfach aus.

In Sachen Körperkontrolle hat sich ebenfalls etwas getan. Ich bin eindeutig beweglicher als zu Anfang, auch wenn der Blick zur Mattennachbarin mir meine Grenzen offenbart. Wir üben den "nach unten blickenden Hund": erst auf alle viere, dann den Po nach oben strecken, bis sich ein schönes Dreieck bildet, Rücken und Beine bilden gerade Linien. Meine Nachbarin kann ihre Beine perfekt durchstrecken, ich aber muss sie um fast 45 Grad anwinkeln, weil meine Waden das sonst nicht aushalten. Egal, gestern erst habe ich gelesen, dass Yoga kein Leistungssport sei. Jeder soll die Übungen so durchführen, dass es sich gut anfühlt. Daran halte ich mich und begreife, warum der "Hund" der, wie Anna Trökes sagt, "beste Freund des Yogi" ist: weil er die Rückenmuskeln so schön entspannt.

Nach dem Kurs frage ich die biegsame Mitschülerin, wie lange sie denn schon dabei ist. "Sieben Jahre." Und wie ist sie dazu gekommen? "Ich habe eine Wette verloren und musste deshalb hin", erklärt sie. Irgendwann habe sie gemerkt, dass Yoga ihr Leben verändert. Meines auch, zumindest in den vergangenen zwei Wochen.

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