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Auf der Eisscholle ausgeharrt

Drei Tage mussten die Polarforscher des "Catlin Arctic Survey" ohne Nachschub auf einer Eisscholle ausharren - dann konnte das Versorgungsflugzeug endlich landen. Über 1000 Kilometer Wanderung auf Skiern steht dem Team noch bevor. Ihre Mission: Sie sollen die Dicke des Arktis-Eises vermessen.

Von Cornelia Fuchs

Es war kein besonders schöner Geburtstag für den Polar-Fotografen Martin Hartley am Dienstag dieser Woche. Wie schon am Tag zuvor musste er mit seinen Kollegen Pen Hadow und Ann Daniels bei 42 Grad Kälte und eisigen Winden in einem Zelt ausharren, in dem die Atemluft bizarre Eiszapfen gebildet hatte. Jeder Zentimeter freier Haut drohte in der Kälte zu erfrieren. Schon Tage zuvor hatte er sich eine dicke Blase gelaufen, die inzwischen aufgeplatzt war, und die Hartley alle paar Stunden versorgen musste, so schnell wie möglich, bevor die Kälte seine Zehen angriff.

Die Schlafsäcke des Teams waren nicht nur außen, sondern auch innen vereist, das Essen gefror Sekunden, nachdem sie es aus dem kleinen Kocher nahmen. Und dazu kam das Wissen, dass sie während der unfreiwilligen Wartezeit auf einer Eisscholle von den Meeresströmungen Kilometer um Kilometer zurück in den Süden getrieben wurden, entlang der Strecke, durch die sie in den Tagen vorher mühsam die 100-Kilogramm schweren Proviant- und Mess-Schlitten über Eis-Hügel und -Risse geschleppt hatten. Dreimal hatte das Versorgungsflugzeug versucht, das Team an ihrer Position mitten im Eismeer zu erreichen. Beim ersten Mal musste die Twin-Otter-Maschine umkehren, weil der Zwischenlandeplatz, an dem sie aufgetankt werden muss, durch eine dichte Wolkendecke nicht einsehbar war. Und an den beiden anderen Tagen war das Wetter an der Basis-Station des Flugzeuges gleich so schlecht, dass an einen Start nicht zu denken war. "Das ist die Arktis - wenn sie einen Schwachpunkt sieht, dann wird die Kälte genau diesen ausnutzen", schreibt Fotograf Hartley in seinem Blog. Seine Digitalkamera hatte da schon den Geist aufgegeben - um sein technisches Gerät vor der Kälte zu schützen, muss Hartley Batterien, Kabel und Kameras stets an seinem Körper halten und mit in seinen Schlafsack nehmen. Das Team fügte sich in sein Schicksal und aß seit dem ersten Ausbleiben des Flugzeuges nur noch die Hälfte von den 5500 Kilokalorien ihrer Tagesration, um Proviant zu sparen. Das wiederum ist nicht genug, um ihre geplagten Körper weiter über das Eis zu jagen. Das Team musste sich eine Zwangspause verordnen.

Und doch waren die Forscher niemals in Lebensgefahr, sagt der technische Leiter der Expedition Simon Harris-Ward im Organisations-Zentrum in London: "Die Konditionen da draußen sind brutal. Aber das ist der Alltag einer Expedition im Polarmeer." Und es ist der Grund, warum die Organisatoren dieses Team für die Reise zusammengestellt haben. Ein paar Tage Wartezeit auf ein Flugzeug dürften zum Beispiel für den Polar-Veteran Pen Hadow eher nervig als nervenaufreibend gewesen sein. Hadow hat als erster Mensch 2003 ganz allein und ganz ohne Nachschub auf Skiern den Nordpol erreicht. Auf seiner Tour von Kanada zum Nordpol ist er knapp 200 Kilometer vor seinem Ziel durchs Eis gebrochen und ohne Tauchanzug fast ertrunken. Dabei verlor er einen Ski und musste den Rest seiner Reise zu Fuß absolvieren. Kaum hatte er den Nordpol erreicht, wiederholte er das Ganze am Südpol. Auch seine Team-Kollegen Ann Daniels und Martin Hartley haben den Nordpol schon mehrfach unter abenteuerlichen Umständen erreicht.

Impuls-Radar misst die Dicke der Eisdecke

Warum tun Padow und seine Kollegen sich diese Strapazen nun erneut an? Das Besondere ihrer Expedition liegt in dem kleinen, gelben Kasten, den sie hinter einem der Schlitten übers Eis ziehen. Darin arbeitet ein Impuls-Radar, der alle zehn Zentimeter des Weges die Dicke des Eises misst. Er kann zwischen den Schichten aus Schnee und Eis unterscheiden und schickt diese Daten direkt an einen Computer, der sie wiederum an einen größeren Rechner auf dem Schlitten weitergibt. Dort werden sie komprimiert und schließlich regelmäßig auf Knopfdruck über eine von sechs Satelliten-Telefonleitungen an die Zentrale gefunkt. Diese Messdaten sind einmalig. Bisher wurde die Eis-Dicke an den Polen nur geschätzt, abgeleitet von Messungen, die Satelliten über und U-Boote unter dem Eis lieferten. Diese voneinander stark abweichenden Schätzungen führten zu Differenzen in der Voraussage, wann der Nordpol bei heutigen Erwärmungsgraden eisfrei sein wird - das könnte bereits in vier oder erst in hundert Jahren der Fall sein. Wenn die Daten der Catlin-Arctic-Survey-Expedition unter anderem in den Laboren der Universität Cambridge und der Nasa ausgewertet sind, wird dies sehr viel genauer vorauszusagen sein.

Hundert Tage lang werden die drei britischen Forscher zu diesem Zweck ihren Mess-Schlitten weiter übers Eis ziehen. Nachdem das Flugzeug am Mittwochnachmittag endlich landen konnte, setzen sie - nach einer reichhaltigen, warmen Mahlzeit - ihren Marsch Richtung Nordpol fort. In der zweiten April-Hälfte wird die ewige Dunkelheit einem 24-Stunden-Tageslicht gewichen sein. Dann wird auch die Kälte etwas nachlassen, das Team geht von arktisch gemäßigten -20 Grad Celsius bis knapp unter 0 Grad Celsius aus. Die Wärme bringt aber wiederum andere Gefahren mit sich: Das dünner werdende Eis wird schneller brechen und größere Flächen Wasser frei geben. Die Tauchanzüge für die bald unvermeidlichen Schwimm-Ausflüge im arktischen Meer haben die Forscher bereits dabei.

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