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Die Weltmeere - ausgebeutet und vermüllt

Wie geht es unseren Meeren? Mit dieser Frage beschäftigt sich der heute veröffentlichte "World Ocean Review". Er kommt zu dem Ergebnis: Der Patient lebt noch, doch er braucht dringend Hilfe.

Von Lea Wolz

Die Temperatur des Erkrankten steigt langsam aber stetig. Er droht zu übersäuern. Eine schleichende Vergiftung setzt ihm ebenfalls zu. Zwar steht er nicht kurz vor dem Kollaps, doch die Lage ist ernst. "Die Weltmeere gleichen einem Risikopatienten, der noch Chancen hat durch eine ordentliche Therapie", sagt Martin Visbeck, Sprecher des Exzellenzclusters "Ozean der Zukunft". Im Auftrag des Hamburger Mare-Verlages hat der Verbund von Kieler Wissenschaftlern den Zustand der Weltmeere untersucht und nun einen Bericht dazu veröffentlicht. Die Ergebnisse des ersten "World Ocean Reviews" wurden heute in Hamburg präsentiert.

Entstanden ist eine über 200 Seiten starke Dokumentation, die nicht nur den Einfluss der Meere auf den Klimawandel beleuchtet und die Gefahr eines steigenden Meeresspiegels für die Küsten aufzeigt. Auch die Verschmutzung der Meere, die Überfischung und die Auswirkungen des Klimawandels auf das Ökosystem Ozean werden thematisiert. Daneben zeigt der "World Ocean Review" aber auch Potenziale auf, die das Meer dem Menschen in Zukunft noch bietet - als Energielieferant, als Speicher von Bodenschätzen und Wirkstoffen für die Medizin.

Doch der Tenor des Berichtes ist alarmierend. "Der Zustand der Ozeane gibt Anlass zur Sorge", sagt Visbeck. "Auch das scheinbar endlose Meer ist eine endliche Ressource. Wenn wir sie für nachfolgende Generationen erhalten wollen, müssen wir heute schon die Weichen neu stellen."

Unerforschte Welten

Mehr als zwei Drittel der Oberfläche unseres Planeten sind mit Ozeanen bedeckt. Doch diese gleichen bis heute zum größten Teil unerforschten Welten - in die der Mensch stark eingreift. So speichern die Weltmeere jedes Jahr Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) und Wärme aus der Atmosphäre und schwächen dadurch die Folgen des Klimawandels ab. Auf Dauer geht das allerdings nicht gut. "Zu viel CO2 schadet dem Meer, der PH-Wert sinkt, der Ozean versauert", sagt Visbeck. Die Folgen: "Die Kalkbildung von Korallen, Muscheln und Schnecken ist gestört." Zudem leide das Phytoplankton, kleine einzellige Lebewesen im Meer, welche die Nahrungsgrundlage für viele Meeresbewohner bilden. Das Meer hilft allerdings nicht nur, das Klimaproblem zu reduzieren, indem es CO2 schluckt. Auch der gegenteilige Effekt könnte auftreten, befürchten Wissenschaftler: Die Erwärmung des Wassers könnte dazu führen, dass am Meeresgrund gebundenes Methan frei wird - und den Klimawandel anheizt, wenn es in die Atmosphäre entweicht.

Müll im Meer

Eine Gefahr für den Patienten Ozean sind dem "World Ocean Review" zufolge auch Abwässer, die in Küstennähe ins Meer geleitet werden und Stickstoff- und Phosphorverbindungen enthalten. Durch sie wird das Meer überdüngt, Algen vermehren sich explosionsartig, der Sauerstoffgehalt sinkt mit der Zeit, mit tödlichen Folgen für die Lebewesen.

In den Ozeanen sammelt sich allerdings auch Größeres an. Weltweit landen geschätzt jährlich sechs Millionen Tonnen Müll im Meer. Besonders die Plastikteile überdauern - und werden für Delfine, Vögel und andere Meerestiere zur Gefahr. Bekanntes Beispiel einer solchen Anhäufung von Dreck im Ozean dürfte der Plastikstrudel im Nordpazifik sein, ein Karussell aus Plastikflaschen, - tüten und -behältern, das sich im Meer zwischen den US-Bundesstaaten Hawaii und Kalifornien knapp unter der Wasseroberfläche dreht und mittlerweile doppelt so groß sein soll wie der US-Bundesstaat Texas.

Doch nicht nur dort, auch im Nordatlantik haben Wissenschaftler vor kurzem eine Müllansammlung entdeckt. Geschätzte 13.000 Stückchen Plastikmüll finden sich nach Angaben des UN-Umweltprogramms inzwischen in jedem Quadratkilometer Meer. Vögel und Meereslebewesen schlucken den feinen Plastikmüll, der voller giftiger Chemikalien ist. "Ich komme gerade von einer Forschungsexkursion im tropischen Atlantik zurück, dort fährt man mittlerweile jeden Tag an bis zu zwanzig Müllstücken vorbei", sagt Visbeck. "Das gab es vor 20 Jahren noch nicht."

Zu hohe Fangquoten

Eine große Rolle spielen die Ozeane auch als Nahrungslieferanten. "Wir beziehen vieles, das für uns wichtig ist, aus dem Meer", sagt Visbeck. "Ob dies in Zukunft auch noch in diesem Umfang möglich sein wird, ist fraglich." Denn der Mensch hat das Meer schon heute ausgebeutet, viele Fischbestände sind überfischt. Schuld daran sei eine verfehlte Fischereipolitik, die den Fischfang stark subventioniere und die Sicherung von Arbeitsplätzen über den Schutz lebender Ressourcen stelle, kritisiert der "World Ocean Review". "In der EU wurden die Quoten lange danach angesetzt, wie viel man landen kann", sagt Visbeck. "Die Fangquoten waren daher viel zu hoch. Wir fischen in den europäischen Gewässern an der Grenze und holen gerade so viel heraus, dass das System nicht völlig kollabiert. Kein Bauer würde so sein Land beackern."

Zunehmend wird das Meer auch für die Medizin interessant. "95 Prozent aller Wirkstoffe an Land sind bekannt und werden von der Pharma-Industrie und der chemischen Industrie bereits genutzt", sagt Visbeck. "Im Meer sind es dagegen erst 20 Prozent." Bereits heute werden Substanzen aus Meeresorganismen in der Krebstherapie oder als Schmerzmittel eingesetzt. Doch die Fahndung nach Wirkstoffen aus dem Meer ist teuer und zeitaufwändig. Die Pharmaindustrie ist daher noch nicht in großem Maßstab in die Suche eingestiegen. Lediglich kleine Start-Up-Unternehmen trieben die "Kommerzialisierung der Meeresmedizin" voran, unterstützt von staatlichen Fördergeldern, heißt es in dem Bericht.

Auf Hochtouren läuft dagegen schon seit Jahrzehnten die Jagd nach Öl- und Gasvorkommen im Meer. Da die Vorkommen an Land und in Küstennähe zu Neige gehen, wagt sich die Menschheit immer mehr in die Tiefe. Mit allen damit verbundenen Risiken, wie das Drama um die Bohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko gezeigt hat.

Weitere Berichte sollen folgen

Zwei Jahre haben über 40 Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen am "World Ocean Review" gearbeitet. Finanziert wurde der Zustandsbericht der Weltmeere von der Ocean Science and Research Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung, die von Elisabeth Mann Borgese gegründet wurde, einer Vorkämpferin für den Schutz der Ozeane. Beteiligt war auch das ebenfalls von ihr geschaffene International Ocean Institute.

Auf den ersten "World Ocean Review" sollen weitere folgen, wahrscheinlich alle zwei Jahre. Dann wollen die Wissenschaftler allerdings in die Tiefe gehen. "Die nächsten Versionen werden thematisch enger fokussiert sein", sagt Visbeck. "Im ersten Bericht haben wir alle wichtigen Themen angerissen, doch zu den einzelnen Punkten kann man noch viel mehr sagen."

Den Puls des Patienten im Blick zu behalten, lohnt sich dem Meereswissenschaftler zufolge. "Das Meer ist das größte zusammenhängende Ökosystem überhaupt", sagt Visbeck. "Wenn es sich in einen Zustand verwandelt, der für uns Menschen nicht mehr förderlich ist, müssen wir uns gewaltige Sorgen machen." Noch bleibe allerdings Zeit umzusteuern, den Raubbau zu beenden und auf Nachhaltigkeit zu setzen.

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