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Nofretete

Noch heute wird ihr Antlitz bestaunt, doch sie war mehr als eine berückend aussehende Frau: An der Seite ihres Mannes verordnete Nofretete dem ägyptischen Großreich eine radikale geistige Wende.

Mit einem unscheinbaren Haarbüschel fing alles an

Sie sieht atemberaubend aus. Rassiges Profil, elegant geschwungener Hals, volle sinnliche Lippen. Klar und warm ist der Blick, und auf dem Haupt sitzt eine mächtige blaue Krone. Die Frau residiert in der Berliner Schlossstraße, in einem Glaskasten des Ägyptischen Museums.

Dort ist die steinerne Büste, grandios bemalt und von einem Dutzend Scheinwerfern angestrahlt, der Star. Die Skulptur mit der Inventarnummer 21300, bekannt als "Nofretete", lockt Besucher in Massen. Aus aller Welt strömen sie herbei, um das Abbild der First Lady aus dem alten Ägypten zu bewundern. Eine Ikone weiblicher Schönheit; Bildnis einer Legende. Geheimnisumwittert ist das Leben der Regentin aus dem Morgenland. "Manchmal legen Besucher sogar Blumen nieder", sagt Professor Dietrich Wildung, der Direktor des Museums.

Die Berliner Trophäe ist das bedeutendste Fundstück aus der Ära der Herrscherin - das über 3300 Jahre alte Werk eines damaligen Künstlers, vor 90 Jahren aus afrikanischem Sand geborgen. Nach der Mumie der berühmten Königin vom Nil suchten Gelehrte bislang vergeblich. Nun verkündet eine britische Forscherin die archäologische Sensation. Die 36-jährige Joann Fletcher von der Universität York ist davon überzeugt, Nofretetes Leiche aufgespürt zu haben. Im Tal der Könige nahe der Stadt Luxor in Oberägypten wurde sie fündig. "Mit Sicherheit wird die Entdeckung weitreichende Folgen für die ägyptologische Forschung haben", sagt die Wissenschaftlerin stolz.

Mit einem unscheinbaren Haarbüschel fing alles an. Eines Tages geriet das im Kairoer Museum kaum beachtete Teil Joann Fletcher in die Hände. "Die Frisur war eine Art Mary-Quant-Bob, die Haare hingen in zwei Spitzen auf jeder Seite des Gesichtes bis auf die Schultern herunter", bemerkte die Spezialistin für altägyptische Haartrachten. Schnell war klar, dass das Überbleibsel Teil einer hochherrschaftlichen Perücke aus der Zeit der späten 18. Dynastie war, also um zirka 1350 vor unserer Zeitrechnung. Fletchers Neugier war geweckt - das Haarteil stammte aus der Zeit der Nofretete. Wer hatte es getragen?

Die Leiche war noch immer gut in Form

Die Forscherin recherchierte, woher das Stück kam: Aus einem Grab mit der Nummer KV 35, das im Tal der Könige in den Kalksteinfelsen gehauen und 1898 entdeckt worden war. In der prächtig dekorierten Gruft fand damals der französische Archäologe Victor Loret den unversehrten Steinsarkophag und die Mumie von Pharao Amenophis II., der drei Generationen vor Nofretete das Land regiert hatte. Außerdem lagen in einer Seitenkammer weitere einbalsamierte Pharaonen-Leichen. Und es gab noch einen Raum mit drei Mumien.

Was Loret für wichtig hielt, wurde nach Kairo ins Museum gebracht, die drei Mumien ließ er liegen. Weil ihnen keine große Bedeutung zugemessen wurde, mauerte man die Kammer wieder zu. Immerhin wurden die Leichen fotografiert und beschrieben. Ziemlich demoliert waren sie, von Grabräubern Jahrhunderte nach ihrer Bestattung ausgewickelt, ihr gesamter Schmuck gestohlen.

Als Fletcher sich die alten Fotos vornahm, stellte sie fest: Eine der Mumien war die eines Mannes, die zweite hatte langes Haar. Nur die dritte mit der Registriernummer 61072 war weiblich und haarlos. Damals rasierten Herrscherinnen und Damen bei Hofe ihre Schädel - als Vorsorgemaßnahme gegen Läuse und auch, um die Kopfpracht mit der Mode zu wechseln. Und noch etwas fiel der Forscherin in den alten Unterlagen auf: Diese Tote hatte zwei Einstiche im linken Ohr. Daraufhin durchforstete Fletcher alle ihr verfügbaren Bildnisse königlicher Frauen aus jener Zeit. Nur bei Nofretete und einer ihrer Töchter entdeckte sie das Doppelpiercing.

Die Grabkammer

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Also setzte die junge Engländerin alles in Bewegung, um von den ägyptischen Behörden die Erlaubnis zur Öffnung der Grabkammer zu bekommen. Nachdem sie einen amerikanischen TV-Sender als Sponsor gefunden hatte, durfte sie anfangen. Mit einem Wissenschaftlerteam und in Begleitung einer Kairoer Museumsmitarbeiterin zog Fletcher Mitte vergangenen und Anfang dieses Jahres ins Tal bei Luxor. Im Grab KV 35 durchbrachen sie die Mauer zur Nebenkammer. Mumie 61072 lag neben den beiden anderen in der Gruft. Der rechte Arm fehlte.

Trotz der Läsionen und des enormen Alters war die Leiche noch immer gut in Form. Das ledrige Gesicht zeigte überaus markante Züge, der Hals war schlank und lang. Erstaunliche Ähnlichkeiten mit künstlerischen Darstellungen von Nofretete. Über den Augen des erstarrten Antlitzes zeigte sich deutlich der Abdruck eines Stirnbandes; ein weiteres Indiz dafür, dass die Dame einst eng sitzende Perücken trug.

Vor 33 Jahrhunderten leitete sie mit ihrem Gemahl eine religiöse Revolution ein

Dann durchsuchte das Team die Stofffetzen, die zur Mumie gehörten - und erlebte eine Überraschung. Im brüchigen Gewebe steckte der abgetrennte Arm. Offenbar hatten ihn die Grabräuber einst dorthin getan. Das Ellbogengelenk war angewinkelt. Also muss der Unterarm vor dem Bruch diagonal auf der Brust der Mumie gelegen haben. Auf diese Weise - mit einem geraden und einem geknickten Arm - wurden nur Königinnen bestattet. Bei männlichen Herrschern kreuzte man beide Gliedmaßen, bei Normalsterblichen legte man sie gerade an den Körper. Nun war Fletcher sich sicher: Vor ihr lagen die sterblichen Überreste Nofretetes (Lesen Sie hierzu die Meldung: "Auf den Spuren der Nofretete")

Mit einem transportablen Röntgengerät analysierten die Forscher die Beschädigungen des Leichnams. Das große Loch in der Brust stammte offensichtlich ebenfalls von den Schändern der letzten Ruhestätte, die Juwelen aus dem Inneren der Mumie gestohlen hatten. Doch da klaffte auch ein zwölf Zentimeter langer Schnitt unterhalb der linken Brust, eine Verletzung, die nicht durch die Habgier der Diebe erklärbar war. Und was hatte es mit den Schäden im Gesicht auf sich? Waren sie wirklich nur zufällig beim Umgang mit der Toten entstanden, wie bislang angenommen wurde? Fletchers Team kam zu einem anderen Schluss: Es waren allesamt Blessuren, die von einer Axt, einem Schwert oder einem machetenartigen Messer herrühren. Folglich muss die Mumie gezielt beschädigt worden sein. "Das Weiterleben der Toten im Jenseits sollte verhindert werden; das war das Schlimmste, was einem damals passieren konnte", sagt die Forscherin.

Feinde hatte Nofretete genug. Denn gemeinsam mit ihrem Gemahl zwang die Königin vor 33 Jahrhunderten dem Volk am Nil einen Bruch mit der seit Generationen tradierten Götterwelt auf - eine Kampfansage an die theologischen Eliten. "Eine Zeit, in der es im ägyptischen Imperium so turbulent zuging wie nie zuvor", sagt der Berliner Experte Wildung, "und die weitreichende Folgen für das Denken der Menschen in den Epochen danach hatte." Ägypten erlebte einen Schock. Zu dem Zeitpunkt erstreckt sich das blühende Reich von Syrien bis nach Nubien am Oberlauf des Nils, dem heutigen Sudan. Mit heftigen Kriegen und geschickter Diplomatie hat ein über Jahrtausende währendes Königtum aus dem afrikanischen Staat ein wohlhabendes Weltimperium gemacht, dem Nachbarvölker tributpflichtig sind.

Das bäuerliche Land ist abhängig vom großen Lebensspender Nil. Seine jährlichen Überschwemmungen bescheren oft fantastische Ernten. Auch das Handwerk und der Handel mit den Nachbarländern florieren. Exportschlager sind Getreide und nubisches Gold, importiert werden Elfenbein und Edelhölzer, Weihrauch und Myrrhe. Schiffe und Esel sind die Lastenträger - Kamele kommen erst Jahrhunderte später mit westarabischen Kriegern als Haustiere ins Land.

Nofretete: "Die Schöne ist gekommen"

Das Reich ist die Hochkultur schlechthin: Ausgebildete Ärzte kurieren Kranke und kämpfen gegen Seuchen und Parasiten, die immer wieder die Region heimsuchen. Architekten bauen riesige Paläste und Tempel, Bildhauer statten sie prächtig aus. Für das Seelenheil der Menschen sorgt eine Priesterschaft, die die Götterschar mit täglichen Ritualen und großen Prozessionen bei Laune hält. Fantastische Wesen sind es, die die Menschen sich als Überirdische ausmalen, oft von skurriler animalischer Gestalt. Da bedroht der Schlangendämon "Apophis" den Bestand der ganzen Welt, wacht der Falkengott "Horus" über das Wohlergehen des geliebten Königs und ist der schakalköpfige "Anubis" der Hüter aller Toten. Diese werden - wenn sie hochherrschaftlich sind - in versteckten Gruften im Tal der Könige beigesetzt. Pyramiden als Grabstätten für die Regenten werden längst nicht mehr gebaut, zu deutlich haben sie den Grabräubern den Weg zu den Schatzkammern der Verblichenen gewiesen.

Erster Mann im Lande ist Amenophis IV., ein pummeliger Pubertierender, der von Theben aus das wohl geordnete Reich regiert. Nach dem Tod seines Vaters und des erstgeborenen Bruders hat er den Thron bestiegen. An der Seite des mächtigen Jünglings: Nofretete. Ihr Name bedeutet "Die Schöne ist gekommen."

Woher die Gemahlin jedoch kommt, liegt im Finstern. Manche Ägyptologen vermuten, dass sie aus Mitanni stammt, einem Königreich in den Bergen zwischen Euphrat und Tigris. Andere glauben, dass sie die Tochter eines Vertrauten des alten Königs ist. Es wird sogar spekuliert, sie sei bereits mit dem Ex-Pharao liiert gewesen und nach dessen Ableben vom Sohn übernommen worden. Wie auch immer: Die Schöne zählt etwa 15 Jahre, als sie der junge König ehelicht - da sind sich die Altertumsforscher einig.

Das Leben an der Seite Amenophis' IV. ist eine Herausforderung. Denn der neue Pharao, kaum an der Regierung, bricht mit der immer mächtiger werdenden Priesterschaft. Vor allem die Tempel des Hauptgottes "Amun", des "im unsicht- baren Lufthauch Wirkenden", haben sich in den vergangenen Jahren zu regelrechten Wirtschaftszentren gewandelt. Beutegüter aus allen möglichen Kriegen, die an die Götterdiener abzuführen waren, haben sie reich gemacht.

Um die Priester zu entmachten, schafft Amenophis deren Götter ab und verkündet: Die einzige Gottheit ist "Aton", die Sonne, der Quell allen Seins mit seinem Leben spendenden Licht. Im heiligen Bezirk Thebens lässt er mehrere gewaltige Aton-Tempel bauen. 600 mal 200 Meter misst der größte. Später schickt er Bilderstürmer ins Land, überall müssen Steinmetze die alten Gottheiten wegmeißeln. Nicht genug der Provokation: Der Pharao kreiert einen völlig neuen Kunststil; Bildhauer fertigen Reliefs und Statuen mit nie gekannten expressionistischen Übertreibungen und Verzerrungen. Das Pharaonenpaar wird von solchen "Karikaturen" nicht ausgenommen.

Offenbar mischt Nofretete bei der Kulturrevolution kräftig mit. Zahlreiche Quellen legen den Schluss nahe, dass sie keineswegs nur des Pharaos schöne Gespielin war, sondern neben dem Herrscher der wichtigste Kopf des spirituellen Umbruchs, aktiv beteiligt an Einführung und Festigung des Aton-Kultes. Vielleicht war sie sogar des Königs Ideengeberin, der ideologische Kopf der Revolution. Ein ausgegrabenes Skulpturfragment aus jener Zeit zeigt das Herrscherpaar Hand in Hand. "Die Hand, die führt, ist eindeutig die von Nofretete", sagt der Berliner Ägyptologe Wildung.

Achetaton wird die neue Hauptstadt Echnatons

Die Revolution gipfelt im Bau einer neuen Hauptstadt, dem irdischen Sitz des Sonnengottes. Auf einer staubigen, von Felsen umrahmten Ebene östlich des Nils und knapp 300 Kilometer nördlich von Theben wird innerhalb weniger Jah- re "Achetaton" - "Horizont des Aton" - aus dem Wüstenboden gestampft: Pa- läste, Tempel, Verwaltungsgebäude, Lagerhallen, Werkstätten und großzügige Wohnhäuser, viele mit Bad und Toilette. 20000 Menschen leben hier - und alle gehören dem Hofstaat des Herrscherpaares an. Der König nennt sich mittlerweile Echnaton, "Nützlich für Aton". So fanatisch der Pharao und seine Frau in ihrer Sache vorgehen, so dilettantisch ist ihre Außenpolitik; der internationale Ruf des Weltreiches nimmt Schaden.

Das Wissen über all das verdanken Archäologen einigen sensationellen Funden. So stieß im Jahre 1887 nahe des heutigen Dorfes Amarna, wo einst Achetaton stand, eine Bäuerin beim Suchen nach alten Schlammziegeln auf mehr als 350 antike Tontafeln. Sie erwiesen sich als Archiv des diplomatischen Schriftverkehrs jener Tage und gaben eine Fülle von Informationen über das Pharaonenpaar preis. 25 Jahre später barg ein deutsches Archäologen-Team unter Führung von Ludwig Borchardt dort aus meterhohem Schutt zahlreiche Skulpturen. Das Herzstück des Fundes: die Büste der Nofretete; die Ausgräber durften sie mit nach Berlin nehmen. Zahlreiche weitere Grabungen folgten - und noch heute wird bei Amarna nach Schätzen gesucht.

In Achetaton hat die Königin mit Echnaton eine ganze Reihe von guten Jahren. Sechs Töchter gebiert sie dem Pharao. Es gibt auch einen Sohn, möglicherweise ist das Tutanchamun, der einige Zeit nach Echnatons Tod den Thron besteigen wird. Ob er wirklich von Echnaton mit Nofretete oder der Nebenfrau Kija gezeugt wurde, ist unter Wissenschaftlern umstritten.

Doch das Glück am Hofe währt nicht lange. Erst stirbt eine Tochter, dann Nofretetes Schwiegermutter und schließlich zwei weitere Töchter. Im 17. Regierungsjahr erkrankt auch Nofretetes Gemahl, im Sommer 1334 v. Chr. ist der Mann, der Ägypten zum ersten monotheistischen Staat der Welt gemacht hat, tot. Bis heute sind die Archäologen uneins, ob sie ihn für einen spleenigen Esoteriker, einen Ketzer oder einen mutigen Aufklärer halten sollen. Besonders hart geht Nicholas Reeves, Kurator für Ägyptische und Klassische Kunst am britischen Eton College, mit ihm ins Gericht. Nichts als ein machtbesessener, hart kalkulierender Politiker sei der Pharao gewesen, meint der Echnaton-Experte. Der Herrscher habe zusammen mit Nofretete Religion und Menschen manipuliert und missbraucht. "Ein falscher Prophet, der vor allem an seinen eigenen politischen Interessen arbeitete." Also alles nur ein profaner Machtpoker?

Ihr Verschwinden ist ebenso wenig geklärt wie ihre Herkunft

Kaum ist der König beigesetzt, wird das politische Erbe des Herrscherpaares liquidiert. So wie die beiden mit der Priesterschaft gebrochen haben, brechen nun die Untertanen mit ihnen. Bilder und Statuen von Echnaton und Nofretete werden vom Volk und den alten Götterdienern zerhackt, die neuen Tempel dem Erdboden gleichgemacht. Achetaton dient als Steinbruch. Zu aufgesetzt und im Volk zu wenig verwurzelt war die neue Religion. Echnatons Nachfolger beleben den alten Glauben wieder. Bereits Tutanchamun, der wenige Jahre nach dem Tod des "Sonnenkönigs" Pharao wird, nennt sich wieder nach dem alten Hauptgott: Sein Herrschername bedeutet "Lebendes Abbild des Amun".

Ob Nofretete das Ende ihres Gatten und die Abrechnung mit ihm miterlebt hat, ist nicht sicher. Denn ihr Verschwinden ist ebenso wenig geklärt wie ihre Herkunft. In den letzten Regierungsjahren des Königs schweigen die historischen Quellen über sie. Ist sie bereits zu Lebzeiten des Herrschers in Ungnade gefallen und dann irgendwann inkognito verblichen? Raffte eine der grassierenden Seuchen sie dahin? Oder hat sie vielleicht sogar ihren Mann überlebt und nach seinem Tode eine Weile lang selbst das Land regiert - als weiblicher Pharao?

Eine Lösung des Rätsels bietet nun Joann Fletcher aufgrund ihrer Entdeckung an. Die Engländerin ist davon überzeugt, dass Nofretete nach Echnaton den Thron bestieg. Dafür könnten die Axt-Verletzungen am Kopf und unterhalb der Brust von Mumie 61072 sprechen. Fletchers These: Die Priester richteten den Leichnam aus Rache so grausam zu. Sie wollten der Frau, die ihnen als Herrscherin die Götter nahm, das Weiterleben im Jenseits verwehren.

Ein Schwachpunkt bleibt: der Körper der Mumie ist zu jung

Diese Argumentation steht und fällt damit, ob die Mumie tatsächlich Nofretete ist - und wie alt die Königin wurde. Einen Schwachpunkt nämlich, gesteht die Forscherin, gebe es bei der Identifizierung der Toten als Echnatons Frau. Ein erster Blick auf die Röntgenbilder des Skeletts lässt vermuten, dass es sich um den Leichnam eines ziemlich jungen Menschen handeln muss. Um allein über Ägypten geherrscht zu haben, müsste Nofretete jedoch ein höheres Alter erreicht haben. "Selbst wenn sie erst 13 war, als sie Echnaton heiratete und wenn sie auch noch ihren Mann überlebt haben soll, von dem 17 Regierungsjahre nachgewiesen sind, muss sie logischerweise ein Alter von über 30 erreicht haben", rechnet Renate Germer, Wissenschaftlerin am Ägyptologischen Institut in Hamburg, vor.

Einige Archäologen kritisieren Fletchers gesamtes Indiziengebäude. So sei es nicht zulässig, das Gesicht einer Mumie mit einer künstlerischen Darstellung der Person zu vergleichen. Und kein Gericht der Welt, so ihr Einwand, würde die Identität des Leichnams auch aufgrund der übrigen Belege der Engländerin als nachgewiesen anerkennen. Immerhin gestehen die Zweifler zu: Ein weibliches Mitglied des Königshauses der damaligen Zeit ist die von der Engländerin identifizierte Mumie mit Sicherheit.

Die Archäologin arbeitet derweil ihre Recherchen gründlich auf. Sie lässt von Spezialisten noch einmal die Röntgenbilder von 61072 detailliert auswerten und die Mumifizierungstechniken der Leiche analysieren. Demnächst wird Joann Fletcher das endgültige Ergebnis den internationalen Experten präsentieren.

Horst Güntheroth

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