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E-Mail von der Scholle

Riesige Gebirge, Vulkane und heiße Quellen - eine nahezu unerforschte Welt weit unter dem Meeresspiegel. Um zu untersuchen, welche Geheimnisse der Boden des Ozeans birgt, begeben sich Wissenschaftler des Forschungsschiffs "Polarstern" in die Luft. stern.de berichtet.

Von Wolfgang Metzner, 78° 49´ Nord, 0° 23´ Ost

Langsam hebt sich der dunkelblaue Helikopter vom grünen Flugdeck. Einen Augenblick steht die "BO 105 S" noch über dem Heck der "Polarstern" und verharrt dort wie ein Sprinter, der gleich losstürmen will. Dann dreht sie nach Backbord, neigt sich nach vorn und schießt mit knatternden Rotoren über stille Eisfelder, die bis zum Horizont reichen. Mit einer besonderen Mission: Die Geowissenschaftler an Bord wollen Seismometer auf Schollen aussetzen und herausfinden, was sich ein paar tausend Meter tiefer unter dem Meeresboden tut.

Der Eindruck an der Oberfläche täuscht. Die Arktis ist nicht nur eine scheinbar grenzenlose, ebene Wasserfläche, über die weiße Brocken in trügerischer Ruhe driften. Darunter verbergen sich riesige Gebirgszüge mit Vulkanen und heißen Thermalquellen am Rand von Erdplatten, die immer in Bewegung sind. "Wir wollen wissen, wie sich diese gigantischen Ridges spreizen und wie sich dort unten neue Erdkruste bildet", sagt Carsten Riedel, Geophysiker aus Oldenburg.

Im Hubschrauber unterwegs zu "Lena"

Der 37-jährige Ausdauersportler und Familienvater leitet das Team der Erd-Wissenschaftler auf der "Polarstern". Und während das Flaggschiff des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) Kurs auf Nordost-Grönland genommen hat, ist Riedel im Hubschrauber unterwegs zu "Lena". So heißt ein Trog, der sich in der Framstraße 350 Kilometer lang am Ozeangrund hinzieht. Der Graben war bis vor kurzem völlig unerforscht - einer der letzten weißen Flecke auf den Karten der submarinen Gebirgssysteme, die sich um den ganzen Globus spannen. Das soll sich ändern durch die ultrasensiblen Messinstrumente, die jetzt im Laderaum des ratternden Helikopters in einer roten Kiste verstaut sind.

"Hotel Lima Sierra Zulu" fliegt mit 185 Stundenkilometern in 150 Metern Höhe nordwärts. Unten weiße Flächen, die von tintenfarbenen Rinnen mit offenem Wasser durchzogen werden. Oben ein grauer Himmel, der alles in ein milchiges Licht ohne Konturen taucht. Nach einer knappen Stunde ist der Hubschrauber im 20 mal 40 Kilometer großen Zielgebiet. Pilot Hans Heckmann umrundet eine Scholle, fliegt eine zweite an, die groß und fest genug für eine Landung aussieht, sucht darauf nach einem Presseisrücken, der besondere Eisdicke verspricht. Dann setzt er die Maschine ganz vorsichtig daneben in den Schnee, schaltet den Rotor ab und peilt nach Bärenspuren. Nichts. Terra incognita aus gefrorenem Wasser. Eine Stelle, die noch kein Lebewesen betreten hat.

Stündlich neue Daten

Während Heckmann zur Sicherheit das großkalibrige Jagdgewehr bereit hält, baut Riedel mit der Schweizer Geologin Christine Läderach die Messstation auf. Das Seismometer wird auf einem waagerechten Brett ausgerichtet, elektrisch entsichert und mit einem Eimer abgedeckt. Darüber schippen die Erd-Wissenschaftler einen Schneehaufen, um das Gerät gegen Temperaturschwankungen und Wind zu isolieren. Die Kabel verbinden sie mit der roten Kiste, die mit Daten-Logger, Batterien und GPS bestückt ist.

Das Prinzip: Ein Sender übermittelt stündlich Daten via Frankreich in die AWI-Zentrale nach Bremerhaven. Die schickt Carsten Riedel dann immer wieder E-Mails mit neuesten Werten auf die "Polarstern", wo der Forscher auch die Drift der Scholle mit ihrer aktuellen Position verfolgen kann. Nach sieben bis 10 Tagen sollen die Geräte wieder geborgen werden. Damit man sie vom Heli besser sichtet, markiert Riedel die 50.000-Euro-Station mit einem roten Wimpel, dessen Mast er mit einem Aldi-Bohrer ins Eis pflanzt.

Vulkane in der Tiefsee

Neun solche Stationen auf drei Schollen sollen den Seismologen verraten, wie der Boden im Lena-Trog wackelt. "Wir erwarten eine Menge Mikro-Beben", sagt Riedel. "Auch wenn wir hier oben davon nichts merken, wir sind hier in einem tektonisch aktiven Gebiet." Weiter nördlich im Ozean haben AWI-Forscher schon die Reste eines gigantischen Vulkanausbruchs ähnlich wie in Pompeji gefunden, der 1999 riesige Ascheschichten in 4.000 Metern Wassertiefe zurückließ. Am Gakkel-Rücken, der sich streckenweise um mehrere tausend Meter über die benachbarten Tiefseebecken erhebt, bargen sie Basalte und Glaskrusten. Die entstehen, wenn Magma trotz des kolossalen Wasserdrucks in der Tiefe explodiert und schockartig erstarrt.

Die Vergleichsdaten vom Lena-Trog brauchen die Wissenschaftler jetzt, um ein Fenster in die Erdgeschichte der gesamten Arktis aufzustoßen und vorauszusagen, wie sich dieser unruhige Teil des Planeten entwickeln wird. "Was wir machen, ist nicht nur Grundlagenforschung", betont Carsten Riedel. "Wenn wir verstehen, wie Erdbeben entstehen, können wir Gefahrenkarten erstellen und bei Klimamodellen helfen." Wieviel CO2 geben die unterseeischen Vulkane ab? Welche Mengen des Treibhausgases Methan steigen aus den hydrothermalen Quellen in die Atmosphäre? Welche Spuren von Klimaveränderungen lassen sich da unten entdecken - und wie viel Erdöl schlummert dort? Auch die Bodenschätze unter dem arktischen Ozean sind ein heißes Thema für Geophysiker, wenn die Polkappe immer weiter schmilzt.

Die weiße Wildnis ist gefährlich

Bevor der Helikopter zum Rückflug startet, schaut kurz eine Robbe aus einem nahen Wasserloch. "Schon unwirklich", sagt Carsten Riedel, der die kommenden Tage gespannt auf Nachrichten von der Scholle in seine E-Mail-Box schauen wird. 23 Meilen nördlich der "Polarstern" taucht unter dem Hubschrauber ein roter Fleck auf. "Ein Bär, der gerade eine Robbe verspeist", sagt Pilot Heckmann, während er aus dem Cockpit zeigt.

Der 56 Jahre alte frühere Heeresflieger schaut konzentriert nach Nebelfeldern und tiefen Wolken aus. Er weiß, dass die weiße Wildnis auch für Menschen nicht harmlos ist - und gerade beim Fliegen besondere Gefahren birgt: Schneeregen an der Cockpitscheibe. Blitzeis auf den Rotorblättern. Naturkräfte, vor denen er als "alter Hase" mit 6.000 Flugstunden viel Respekt hat. Er war auch auf der "Polarstern", als im vergangenen Winter ein Helikopter des Schiffes in der Antarktis abstürzte und zwei Tote und drei Verletzte geborgen werden mussten. Eine Fehleinschätzung der Höhe durch den Pilot. Heckmann bringt die "BO 105 S" sicher auf das Flugdeck runter. Dort wird sie für die nächste Mission fertig gemacht.

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