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Die Inventur der Natur

Sie geben Tieren und Pflanzen Namen, sortieren die Natur. Doch auch wenn es im Gen-Zeitalter altmodisch scheinen mag, Käferbeine unters Mikroskop zu legen - Taxonomen leisten einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz. Ein Besuch in der zoologischen Staatssammlung München.

Von Angelika Unger

Drei Meter hohe Schrankreihen, immer 38 Schubladen übereinander, insgesamt 40.000 Stück. Gerhard Haszprunar zieht eine Schublade auf, "Microloba malacodea 89/247" steht vorne drauf, darin dutzende beige-braune Falter unter Glas. Alle sind säuberlich aufgespießt und aufgereiht, sie sehen sich sehr ähnlich. "Es sind keine zwei gleichen dabei", sagt er.

Gerhard Haszprunar ist nicht etwa ein verrückter Schmetterlingsliebhaber: Der 50-Jährige ist Generaldirektor aller staatlichen naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns - und damit der Bayern-Chef der Inventur der Natur. In Raum M204 der zoologischen Staatssammlung in München-Obermenzing lagern 8,5 Millionen Schmetterlinge, die zweitgrößte Schmetterlingssammlung der Welt. Und das ist noch lange nicht alles. Insgesamt 20 Millionen Objekte haben sie hier, erzählt Haszprunar, vom Perückenbock bis hin zum ausgestorbenen Riesenalk. Wie viele Tiere das genau sind, kann er nicht sagen: ein Objekt, das kann auch ein Glas mit 5000 Fliegen sein. Oder ein Glasbehälter, in dem sich ein Dutzend Leguane zusammendrängen, eingelegt in 80-prozentigen Alkohol.

Die meisten Arten, die aussterben, sind namenlos

Wozu dieser Aufwand? "Wir wollen die Arten der Welt erfassen", sagt Haszprunar. Er sagt das ohne Zögern, dabei hätte er allen Grund zu erschauern angesichts der Aufgabe, die noch vor ihm liegt. Zwei Millionen Tierarten haben Biologen bis heute bestimmt, man schätzt, dass damit über 90 Prozent aller Arten noch immer unbekannt sind. Millionen Arten ohne Namen. Doch damit man ein Tier schützen kann, braucht es einen Namen. "Ein Tier ohne Namen ist wie ein illegaler Einwanderer", sagt Haszprunar, keiner fühle sich zuständig, keiner verantwortlich.

Dies zu ändern ist die Aufgabe der Taxonomen - so nennt man die Forscher, die Tiere und Pflanzen bestimmen und benennen. Sie sortieren sie ein in das System des Lebens, in dem es Ordnungen gibt wie Raubtiere oder Nagetiere und Familien wie Hunde oder Laufkäfer. Jedes Jahr geben Taxonomen 15.000 neuen Tierarten einen Namen. "Aber ungefähr ebenso viele Arten verlieren wir", sagt Haszprunar. Die meisten Menschen bekommen davon nichts mit - es ist ja nicht der letzte Wal, der für immer von der Erde verschwindet, nicht der letzte Sibirische Tiger. Die meisten Arten, die aussterben, sind namenlos, unbekannt.

"Jede Tierart ist ein Überlebensrezept"

Haszprunar schiebt die beige-braunen Falter zurück in den Schrank, verlässt den fensterlosen Raum M204 und geht durch die Ausstellung "Wie ein Ei dem andern?". Er deutet auf eine ausgestopfte Gämse, zu ihren Füßen liegen Eier, und aus einem schlüpft gerade ein Gamsbaby: Winzige Hörner ragen aus der Eierschale hervor. "Gamseier", sagt Haszprunar und lacht, "Kennen Sie die etwa nicht?" Taxonomen-Humor.

Auch wenn den Taxonomen natürlich klar ist, dass Gämsen keine Eier legen - bei ihrer Arbeit müssen sie stets mit Überraschungen rechnen. Zwar betrachten die Forscher die Tiere mit der Lupe, beschreiben sie so genau wie möglich: wie sie aussehen, wo sie gefunden wurden, wie sie sich vermehren. Doch äußerliche Ähnlichkeiten können trügen: Nicht selten finden sich in ihren Sammlungen, in denen alles bestens sortiert schien, doch noch Namenlose, die bekannten Arten zum Täuschen ähnlich sehen.

Es ist wichtig zu wissen, wie die einzelnen Arten miteinander verwandt sind, sagt Haszprunar. "Jede Tierart ist ein Überlebensrezept auf diesem Planeten." Ein Überlebensrezept für den Menschen: Pharmaforscher etwa versuchen, aus Käfern Wirkstoffe für neue Antibiotika zu gewinnen, Haszprunar selbst forscht mit marinen Kleinstwürmern, die einen Superkleber produzieren. Mit jeder Art, die ausstirbt, stirbt auch ein solches Überlebensrezept. Dann untersuchen die Forscher die nahen Verwandten der Tierart: Haben auch sie diese oder ähnliche segensreiche Eigenschaften?

Ein Schnipsel Erbgut genügt für Klarheit

Doch Taxonomie ist keine Wissenschaft der ewigen Wahrheiten: Immer wieder müssen die Forscher außerdem Arten umbenennen oder neu einordnen, ganze Gruppen werden zusammengeworfen oder gespalten. Erbgut-Analysen sollen für mehr Klarheit in der Taxonomie sorgen. Die Forscher nehmen ein Stück Gewebe, ein Käferbein oder den Fühler eines Schmetterlings, und schicken es ins Labor. Dort entzieht man ihm das Erbgut, stellt allerlei Dinge damit an, bis man den Genschnipsel gefunden hat, der die Art einzigartig macht. "Das kostet heute nicht mehr viel", sagt Haszprunar. Er wiederholt das ein paar Mal, es ist ihm wichtig. Was sind schon ein paar Euro für ein Stückchen mehr Ordnung im Chaos der Artenvielfalt? Jeder Art soll irgendwann ein solcher genetischer Code zugeordnet werden, Barcoding heißt das.

Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass Taxonomen überflüssig werden, jetzt, wo man nichts mehr braucht außer einem Schnipsel Erbgut und einem Computer, um ein einzelnes Tier zweifelsfrei einer Art zuzuordnen. Haszprunar sagt, er hat keine Angst, dass den Taxonomen die Arbeit ausgehe. Einer müsse den Leuten im Labor schließlich sagen, welches Gen zu welcher Art gehöre, müsse neue Arten einordnen in das System des Lebens. "Das Wiedererkennen der Art, das können die ruhig im Labor machen, das ist eh stinklangweilig", sagt er gut gelaunt.

Seine Sorge ist eine ganz andere: dass sie zu langsam sind beim Erfassen der Arten, dass das Artensterben sie überhole. "Womöglich wissen wir dann nicht mal, was wir verlieren."

Kein Happy End für den Maulbrüter-Frosch

Doch letztlich ist auch ein Name keine Überlebensgarantie in einer Welt, in der Regenwälder abgeholzt und Korallenriffe durch Gift im Meer zerstört werden. Haszprunar erzählt von einem Frosch, den Forscher im australischen Regenwald entdeckten. Das Froschweibchen schluckte die Eier und brütete sie in seinem Magen aus. Als die Pharmaindustrie Jahre später von dem Frosch hörten, war sie fasziniert: Warum wurden die Eier im Magen des Tieres nicht verdaut? Offenbar hatte der Frosch einen Weg gefunden, seine Magensäure zu neutralisieren, mit einem Hormon vermutlich. Vielleicht ein Ansatzpunkt für ein neues Medikament gegen Gastritis? "Die Story hat kein Happy End", sagt Haszprunar. Als die Pharmaforscher nach Australien fuhren, fanden sie den Frosch nicht mehr: Er war ausgestorben.

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