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"Man darf nicht vor der Masse kapitulieren"

Am 13.12. hat das EU-Parlament über das neue Chemikalienrecht "Reach" abgestimmt. Klaus Günter Steinhäuser vom Umweltbundesamt über das Vorhaben, 30.000 Stoffe neu zu untersuchen.

Herr Steinhäuser, es gibt in der EU schon Hunderte Regelungen zum Umgang mit Chemikalien. Wozu noch ein Gesetz?

Wir wissen zu wenig über die Sicherheit der Stoffe, die in Europa verwendet werden. Durch Reach werden wir endlich einen Überblick haben, welche Umwelt- oder Gesundheitsrisiken diese Substanzen haben. Zudem ersetzt Reach viele Regelungen.

Trotz aller Vorschriften herrscht Wildwest?

Zurzeit sind in der EU mehr als 100.000 Stoffe auf dem Markt. Einer Risikobewertung unterzogen sind gerade mal etwa 2500. Mit Reach werden in den kommenden Jahren immerhin 30.000 Stoffe untersucht und registriert.

Was ist mit den restlichen 70.000?

Bewertet werden Chemikalien erst ab einer Jahresproduktion von einer Tonne pro Firma. Spezialchemikalien in kleinen Mengen fallen dabei durch die Maschen.

Und das soll ein Fortschritt sein?

Auf jeden Fall. Bisher haben wir in der EU eine Zweiklassengesellschaft von "Altstoffen" und "Neustoffen". Erst seit 1981 wird die Sicherheit neu angemeldeter Chemikalien überhaupt gecheckt. Aber es gibt gar nicht so viele dieser "Neustoffe". Die Mehrzahl der Stoffe war schon vor 1981 auf dem Markt. Und über die Sicherheit dieser "Altstoffe" ist wenig bekannt.

Ein Gewohnheitsrecht für alte Substanzen?

Momentan gilt das Prinzip Hoffnung: Nach so vielen Jahren Herstellung und Gebrauch werden wir wohl keine böse Überraschung mehr erleben. Und es sind ja auch extrem viele Stoffe. Aber man darf nicht länger vor der Masse kapitulieren.

Für welche Chemikalien wird Reach gelten?

Bis auf wenige Ausnahmen - etwa Medikamente - gilt Reach für alle Substanzen.

Was müssen Produzenten in Zukunft tun?

Jeder Hersteller muss seine Produkte bei der neuen EU-Chemikalienagentur in Helsinki registrieren lassen. Dort reicht man Daten ein, wie sich ein Stoff in der Umwelt abbaut oder wie giftig er für Menschen ist.

Was haben Verbraucher vom neuen Gesetz?

Mehr Sicherheit: Die Chemikalien, die man auf sie loslässt, sind besser geprüft. Außerdem kann man künftig in Internetdatenbanken nachlesen, welche Gesundheits- oder Umweltrisiken Produkte haben, mit denen man in Berührung kommt.

Gibt es Sonderregeln für besonders gefährliche Chemikalien?

Reach ist ein gestaffeltes System: Je mehr von einem Stoff produziert wird und je gefährlicher er ist, desto strenger wird er untersucht. Besonders viele Studien müssen Unternehmen für Risikostoffe liefern, die etwa Krebs erzeugen können oder sehr langlebig sind und sich in Geweben anreichern. Für solche Substanzen braucht man künftig eine Zulassung.

Für ihre Daten werden die Unternehmen Studien durchführen. Wird es durch Reach mehr Tierversuche geben als bisher ?

Das ist wohl nicht zu leugnen. Reach fordert aber auch, die Zahl der Tests möglichst gering zu halten, etwa indem man Ersatzmethoden nutzt. Statt die Giftigkeit an Fischen zu testen, kann man Fischeier nehmen. Oder man bewertet eine Gruppe sehr ähnlicher Stoffe gemeinsam, statt für jeden einzelnen Tierversuche zu machen.

Werden die Registrierungsgebühren und eigenen Studien für Unternehmen teuer?

Reach kostet die Firmen Geld. Aber sie fangen nicht bei null an: Gerade für Stoffe, die in großen Mengen hergestellt werden, liegen schon viele Daten vor. Außerdem sollten die Hersteller ihre Daten austauschen. Wer heute schon bemüht ist, die Sicherheit seiner Produkte zu prüfen, wird durch Reach zu den Gewinnern gehören.

Wo sehen Sie Nachteile von Reach?

Die Firmen können selbst erste Bewertungen ihrer Stoffe einreichen, auch wenn sie ihre Daten nicht gut geprüft haben. Und bei Stoffen von einer bis zehn Tonnen Jahresproduktion ist es einfach, ohne zusätzliche Studien davonzukommen. Aber insgesamt ist Reach ein Fortschritt für die Chemikaliensicherheit.

Wird die neue Gesetzgebung nächste Woche das EU-Parlament passieren?

Es sieht im Moment gut aus, da sich Parlament, Rat und Kommission am 1. Dezember geeinigt haben: Dabei ging es vor allem darum, ob man Unternehmen zwingen darf, gefährliche Stoffe durch gleichwertige Alternativen zu ersetzen. So müssen Firmen künftig in einem Plan darlegen, wie sie Problemstoffe austauschen wollen - aber nur, wenn der Ersatz für sie wirtschaftlich "zumutbar" ist. Mit diesem Kompromiss kann Reach im Frühjahr 2007 in Kraft treten.

Interview: Nicole Heissmann/print

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