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Katastrophe im Hobbit-Land

In Neuseeland leben nur noch 45 Maui-Delfine. Schon bald könnten alle verschwunden sein. Die Schuldigen sind bekannt - und trotzdem tut niemand etwas dagegen. Dabei könnten kleine Änderungen Großes bewirken.

Von Beke Detlefsen

Die Maui-Delfine in Neuseeland sind vom Aussterben bedroht - ein Umweltskandal

Ein mittlerweile seltener Anblick vor der Küste Neuseelands: Wenn jetzt nichts unternommen wird, könnten die kleinen Maui-Delfine bald ausgestorben sein.

Maui-Delfine sind mittlerweile seltener als Tiger, Pandabären oder Nashörner. Es gibt heute noch etwa 45 Exemplare, Tendenz rückläufig. In den 1970er Jahren schwammen schätzungsweise 1800 Maui-Delfine vor der neuseeländischen Küste. Das ist ein Verlust von 98 Prozent.

Wie konnte das passieren? 

Die Stell- und Schleppnetze der neuseeländischen Fischer sind tödliche Fallen. Die Delfine verfangen sich in den grobmaschigen Netzen und verenden dort qualvoll. "Fischen mit Schleppnetzen ist wie Äpfel-Pflücken mit Bulldozern. Am Ende haben Sie viele Äpfel, aber im nächsten Jahr gibt es sicherlich keine mehr", sagt Liz Slooten, langjährige Delfin-Forscherin an der Universität Otago, über die weit verbreitete Fischerei-Methode. 

Die Umweltverschmutzung durch die Ölindustrie ist eine weitere Gefahr für die Tiere. Schon jetzt gibt es Ölteppiche vor der Küste Neuseelands und es werden immer mehr. Barbara Maas, Leiterin Internationaler Artenschutz beim "Naturschutzbund" (Nabu), weiß um die Gefahr von Ölunfällen: "Es braucht nur einmal zu krachen und alle Delfine sind weg". 

"Ein Wettlauf gegen die Zeit"

Das sind viele Gefahren für einen kleinen Delfin. Die Mauis mit der ungewöhnlichen runden Rückenflosse werden nur anderthalb Meter groß. Sie sind die kleinsten Meeresdelfine der Welt. Und sie sind so selten, dass der Bestand nur alle zehn bis 23 Jahre einen unnatürlichenTodesfall verkraften könnte. Tatsächlich aber sterben jedes Jahr mindestens drei bis vier der Maui-Delfine durch Schlepp- und Stellnetze oder Umweltverschmutzung. 

Die Maui-Delfine in Neuseeland sind vom Aussterben bedroht - ein Umweltskandal

Opfer der Fischerei-Industrie: Der Delfin verendete in einem der gefährlichen Netze


Es gibt bereits eine Schutzzone vor der Westküste Neuseelands, in der das Fischen mit den gefährlichen Netzen verboten ist. Nach Meinungen der Experten der "International Whaling Commission" (IWC), reicht sie aber bei weitem nicht aus. In dem gerade veröffentlichten "Science Report 2015" fordern die Vertreter der IWC deshalb eine größere Schutzzone. Mindestens 20 Meilen breit soll diese sein. 

"Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit", sagt Barbara Mass. "Wir brauchen ein vollständiges Verbot von Schlepp- und Stellnetzen im Lebensraum der Maui-Delfine." Und das sei eigentlich ein leicht zu lösendes Problem. Hierzu sei keine internationale Zusammenarbeit nötig. Die neuseeländische Regierung müsste die Schutzzone vor der Küste lediglich deutlich vergrößern. Eine einzige Unterschrift würde reichen.

Kleine Delfine vs. große Fischerei-Lobby

Ausgerechnet in dem Land, das für unberührte Natur und Artenvielfalt steht, weist die Regierung jede Verantwortung für die Rettung der bedrohten Delfine von sich. Denn: die Fischerei-Lobby hat große Macht im Kiwi-Land. Peter Goodfellow, der Präsident der regierenden "New Zealand National Party", ist gleichzeitig Direktor von "Sanford Limited", dem größten staatlichen Fischerei-Unternehmen. Da wundert es kaum, dass die Rettungsmaßnahmen ausbleiben. 

Also alles umsonst? Kann das Sterben der letzten 45 Exemplare überhaupt noch verhindert werden? 

Barbara Maas und Liz Slooten sind sich einig: "Die Maui-Delfine können gerettet werden. Wenn jetzt etwas getan wird, kann sich der Bestand durchaus wieder erholen". 

Was können wir tun?

Wie so oft sind es die kleinen Entscheidungen in unserem Alltag, die am anderen Ende der Welt Großes in Bewegung setzen können. Der Nabu plant eine internationale Kampagne, die zum Boykott neuseeländischer Fische aufruft und damit ein deutliches Zeichen gegen die Fischereilobby setzen will. Ist die Nachricht von der drohenden Katastrophe erst in aller Munde, muss jeder Konsument selbst entscheiden, ob ihm Fisch aus Neuseeland noch schmeckt. 

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