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Das große Tierversuchs-Dilemma

Die Chemikalien-Tests des EU-Projekts Reach nutzen Verbrauchern. Doch die Tierversuche, die dafür nötig sind, werden Millionen Tiere das Leben kosten. Dabei ließe sich die Zahl massiv senken.

  Unter anderem an Mäusen wird die Giftigkeit von Chemikalien untersucht

Unter anderem an Mäusen wird die Giftigkeit von Chemikalien untersucht

In Alltagsprodukten finden sich schätzungsweise 100.000 verschiedene Chemikalien. Die meisten sind ungefährlich, einige können jedoch ein Risiko für Gesundheit und Umwelt darstellen. Das Problem: Über viele Substanzen wissen selbst die Experten zu wenig, obwohl die Stoffe oft schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind. Die EU-Richtlinie "Reach" soll das ändern. "Reach" steht für "Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals". Viele tausende Chemikalien werden in den kommenden Jahren getestet, um herauszufinden, ob sie krebserregend sind, die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder andere schädliche Eigenschaften besitzen.

Um dies zu ermitteln sind Versuche nötig - in vielen Fällen handelt es sich um Tierversuche. Laut offizieller Schätzung der EU benötigen die Labore zwischen 2,1 und 3,9 Millionen Tiere. Der Toxikologe Thomas Hartung, der sich schon länger mit Reach beschäftigt und mehrere Artikel zu dem Thema in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht hat, geht sogar von deutlich höheren Zahlen aus. 54 Millionen Wirbeltiere würden in den kommenden zehn Jahren für die geforderten Versuche gebraucht.

50 Millionen Tiere für Fruchtbarkeitsstudien

Hartung beschreibt einen Versuchszweig als größtes Problem: die Studien, in denen ermittelt wird, ob eine Substanz die Fruchtbarkeit senkt. Allein diese Tests würden laut Hartung rund 50 der 54 Millionen Versuchstiere verschlingen. Abgesehen von der ethischen Diskussion sieht der Toxikologe hier schlicht ein Kapazitätsproblem. Momentan benötigt die chemische Industrie in der EU seiner Aussage zufolge rund 90.000 Tiere pro Jahr für toxikologische Tests - in den kommenden Jahren müssten es Millionen sein. Das sei nicht machbar, daher müssten alternative Versuche eingesetzt werden, die mit deutlich weniger Tieren auskommen.

Die Auswirkung auf die Fruchtbarkeit soll nach aktueller Planung in so genannten Zwei-Generationen-Studien getestet werden. Das bedeutet: Es wird nicht nur die Tiere untersucht, die der Chemikalie ausgesetzt werden, sondern auch ihre Kinder und Enkel. Pro Chemikalie werden zum Beispiel rund 3200 Ratten benötigt, wobei sämtliche Substanzen mit einem Produktionsvolumen von mehr als 1000 Tonnen pro Jahr in diesem Verfahren geprüft werden müssen. Kristina Wagner, Fachreferentin für Alternativen zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund, hält, solange der Tierversuch nicht ganz abgeschafft werden kann, die so genannte Ein-Generationenstudie für eine bessere Alternative. Da auf die Enkelgeneration verzichtet werde, könne zumindest die Zahl der Tiere als auch das Leid vermindert werden. "Der Erkenntnisgewinn ist im Vergleich nicht so groß, dass man die zweite Generation braucht."

Wie lassen sich Tierversuche ersetzen?

Allerdings gibt es bei Tierversuchen generell ein großes Problem: Sämtliche Ergebnisse lassen sich nur zum Teil auf den Menschen übertragen. Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass sich die Ergebnisse von Fruchtbarkeitsstudien bei Ratten, Mäusen, Kaninchen, Meerschweinchen und Affen nur zu etwa 60 Prozent decken. Es ist nicht anzunehmen, dass eines dieser Tiere die Wirkung einer Substanz auf den Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit vorhersagt. Das würde bedeuten: Die Versuche entlarven nur einen Teil der tatsächlich für den Menschen schädlichen Substanzen. Gleichzeitig werden einige harmlose als bedenklich eingestuft.

Die Frage ist nur - wie ersetzt man den Tierversuch? Kristina Wagner schildert, dass Tests an Stammzellen ebenso Ergebnisse zur Fruchtbarkeitsschädigung von Chemikalien liefern könnten. Zudem würde sich an Zellen im Labor testen lassen, wie die Substanzen auf die Haut wirken. Auch Computermodelle könnten in bestimmten Bereichen zum Einsatz kommen. Aber: "Bis sich eine neue Methode durchsetzt und gesetzlich als Standard definiert wird, vergehen bis zu zehn Jahre. Das dauert zu lang", sagt Wagner.

Zudem herrscht in der Toxikologie eine seltsame Situation: Obwohl bekannt ist, dass die Ergebnisse von Tierversuchen nur bedingt etwas über die Wirkung von Substanzen auf den Menschen aussagen, gelten sie als Goldstandard - einfach weil sie die vergangenen Jahrzehnte die Testmethode der Wahl waren. Bevor ein neues Verfahren etabliert wird, muss es daher dieselben Ergebnisse liefern wie der Tierversuch.

Immerhin finde sich in Reach die Klausel, dass Tierversuche nur als letztes Mittel verwendet werden, merkt Kristina Wagner an.

Doch das muss natürlich auch umgesetzt werden.

Nina Bublitz
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