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150 Jahre Gegenwind

Charles Darwin präsentierte seine Evolutionstheorie vor 150 Jahren. Seither ziehen Zweifler und Fanatiker gegen die "gottlose" Lehre zu Felde. Doch die moderne Naturwissenschaft liefert inzwischen eine Fülle von Beweisen für das Gedankengebäude des genialen Naturforschers.

Von Horst Güntheroth

Das Biest ist winzig. Unsichtbar fürs Auge, nur wenige tausendstel Millimeter groß. Staphylococcus aureus heißt das Nichts. Ein Bakterium, das Menschen umbringen kann.

Uwe Frank, Professor für Klinische Mikrobiologie an der Universität Freiburg, nimmt ein Plastikschälchen aus dem Brutschrank und zeigt die potentiellen Killerkeime: ein gelblicher Belag auf rotem Nährboden. Die Erreger stammen aus der infizierten Wunde eines Patienten, innerhalb von Stunden sind ein paar wenige zur Milliarden-Kolonie explodiert. Aber nicht gleichmäßig. "Wir haben Plättchen in die Schale gelegt und jedes mit einem anderen Antibiotikum getränkt", erklärt Frank, "wenn ein Mittel wirkt, erzeugt es einen bakterienfreien Kreis um sich; wenn nicht, wachsen die Mikroben dicht heran." Sechs Plättchen liegen im Substrat - doch nur ein einziges Rund hat sich gebildet. Fünfmal keine Wirkung. Die Keime sind unempfindlich, widerstandsfähig gegen fünf der eingesetzten Antibiotika.

"Es ist ein riesiges Problem", sagt der Professor, der mit seiner Arbeitsgruppe das Dilemma der abstumpfenden Waffen gegen Bakterien deutschlandweit untersucht und überwacht. "Das Tempo der Resistenzentwicklung ist atemraubend, als ich vor 20 Jahren studierte, waren knapp drei Prozent aller Staphylococcus-aureus-Stämme immun gegen das Mittel Oxacillin, heute sind es bereits 25 Prozent." Ursache: der massive Antibiotikaeinsatz bei Infizierten. Nicht alle der Bakterien nämlich gehen bei der pharmazeutischen Attacke zugrunde. Wer aber überlebt, gibt seine Widerstandskraft an die Abkömmlinge weiter. Die bilden neue Stämme, die noch besser gegen das Medikament gefeit sind. So geht es weiter, bis die Keime komplett unangreifbar sind. Schließlich versagt Antibiotikum um Antibiotikum, die gefährlichen Erreger lassen sich kaum noch in Schach halten - durch ungewollte Auslese, vom Menschen bewirkt.

Faszinierender Beweis für die Evolution

Eine Tragödie für Homo sapiens Wohlergehen, doch ein faszinierender Beweis für jenen Vorgang, der in der belebten Natur waltet und den Biologen "Evolution" nennen. Es ist der elementare Prozess im Reich von Flora und Fauna, der überall und jederzeit abläuft, bei kleinen und großen Organismen, in der Laborschale und in freier Wildbahn, in der Vergangenheit, heute und in der Zukunft. Der immer wieder Lebewesen verändert, Neues aus Altem schafft. Und in vielen kleinen Schritten schier Unglaubliches vollbringt, auf unserem Planeten aus einst winzigen Einzellern die enorme Vielfalt des Lebens erblühen ließ: Ginster und Giraffe, Ahorn und Adler, Fruchtfliege und Forelle, Maus und Mensch. In aller Regel langsam, in kaum zu überblickender Zeit. Das Beispiel der Mikroben-Wandlung jedoch macht uns zum Augenzeugen dieser Kraft.

Charles Darwin war es, der das geheimnisvolle Geschehen entschlüsselte. Am 24. November vor genau 150 Jahren präsentierte er seine Aufsehen erregende Theorie der Öffentlichkeit. "Das tiefgreifendste, machtvollste Gedankengebäude, das in den letzten 200 Jahren erdacht wurde", schwärmt Evolutionsbiologe Jared Diamond von der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Und der an der Harvard University in Cambridge lehrende Biologe Ernst Mayr gar pries Darwin, den "vielleicht größten geistigen Umbruch in der Menschheitsgeschichte" vollbracht zu haben.

Dem Revolutionär zufolge hat nicht die Hand eines omnipotenten Schöpfer-Gottes, wie in der Genesis verkündet, all die vielfältigen Kreaturen des Planeten planvoll geformt, sondern ein seelenloser und natürlicher Entwicklungs- und Ausleseprozess im langen Lauf der Erdgeschichte. Eine Erkenntnis, die die Welt verändert hat und es noch heute tut. Sie bildet inzwischen nicht nur das Fundament der gesamten Biologie, sondern ist entscheidend für das Verständnis von allem Leben auf dem Globus.

Das Selbstwertgefühl erschüttert

Vor allem aber hat die Evolutionstheorie des Menschen Selbstwertgefühl erschüttert. Denn klar wurde nun: Homo sapiens ist mit den Affen verwandt - und mit den Pantoffeltierchen. Noch immer sitzt die Kränkung so tief, dass eine erbitterte Front gegen die Lehre steht. Da weigern sich religiöse Fanatiker mit aller Macht, das Gottlose hinzunehmen und den biblischen Schöpfungsmythos sterben zu lassen. So haben etwa Kreationisten und Intelligent-Design-Bewegung, die auf einen überirdischen Steuermann mit einem Plan fürs Irdische beharren, allein in den USA Millionen von Anhängern. Sie führen in Schulen, Universitäten und vor Gerichten einen verbissenen Kreuzzug, um die evolutionären Erkenntnisse aus dem Biologieunterricht zu verbannen.

Zum Umstürzler wurde Charles Robert Darwin, geboren am 12. Februar 1809 im mittelenglischen Städtchen Shrewsbury, durch einen Glücksfall: eine Schiffsreise. Als er gerade 22 Jahre alt ist, bekommt der erfolglose Medizin- aber bereits examinierte Theologiestudent das Angebot, auf einem Segler mitzureisen, unentgeltlich als Gesellschafter für den Kapitän. Die Expedition soll unter anderem im Auftrag der englischen Regierung den südlichen bislang schlecht kartographierten Teil Feuerlands vermessen. Ende 1831 sticht der königliche Dreimaster "Beagle" von Plymouth in See.

Der junge Engländer sammelt an jedem Ankerplatz, was er kriegen kann. Findet in Patagonien Fossilien von ausgestorbenen Riesenfaultieren. Analysiert und katalogisiert die unbekannte Flora und Fauna, widmet sich Termiten, Kolibris, Schnabeltieren, Vampirfledermäusen und allerlei mehr Getier. Und wundert sich immer wieder über Vielfältigkeit, Verschiedenheit und Ähnlichkeit.

Zwei Jahre sind für die Tour geplant, fünf sind es geworden. Im Oktober 1836 ist die "Beagle" zurück in Cornwall. Mitgebracht hat Darwin eine Fülle von Aufzeichnungen - alle bis heute erhalten. Dazu Kisten und Fässer voller Mineralien und Fossilien sowie Knochen, Felle und Häute, tausende getrocknete oder in Spiritus eingelegte Tiere. "Die Reise mit der 'Beagle' ist bei weitem das wichtigste Ereignis in meinem Leben und hat meine ganze Laufbahn bestimmt", notiert er.

Die Erkenntnisse des Alfred Wallace

Langsam reift in ihm, angestoßen durch das, was er beobachtet und von anderen Forschern gelesen hat, ein kühner Gedanke. Doch es dauert mehr als 20 Jahre vom ersten Aufflackern der Idee bis zur Vollendung seines Hauptwerkes. Chronische Magenschmerzen verzögern immer wieder die Arbeit und die Skrupel, am Abgrund zur Ketzerei zu stehen. Erst als Darwin Post von einem gewissen Alfred Wallace bekommt, gibt es kein Zaudern mehr, stürzt er sich mit Volldampf in die Arbeit. Der junge Landsmann und Naturforscher berichtet von einer Theorie, die er niedergeschrieben hat und die seiner eigenen verblüffend ähnelt. So kommt am 24. November 1859 "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der bevorzugten Rassen im Kampf ums Dasein" von Charles Darwin auf den Markt.

Auf den 502 Buchseiten kreist alles um einen Gedanken: Die Natur betreibt Zuchtwahl. Ähnlich wie ein Züchter bei domestizierten Tieren aus der Fülle der Individuen, die sich alle ein wenig unterscheiden, gewisse bevorzugt, um ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten, bestimmt in der Natur der Kampf ums Dasein, wer von den Mitgliedern einer Gruppe überlebt und sich vermehrt. So entsteht Neues durch natürliche Auslese, Selektion. Auf diese Weise, schreibt der Verfasser, habe sich "aus einfachem Anfang" eine "endlose Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entwickelt" - und tut es immer noch. Dabei verbannt er, der inzwischen ungläubig geworden ist und mit dem Christentum gebrochen hat, den Schöpfer keineswegs mit aller Konsequenz aus dem Geschehen. In die "ursprünglich nur wenigen Formen oder gar nur eine", so notiert er, sei das Leben wohl "eingehaucht" worden.

Am ersten Tag ausverkauft

Die erste Auflage des Werkes, 1250 Exemplare, ist noch am selben Tag verkauft, auch die zweite ist im Nu unter den Leuten. Die Reaktionen auf den Inhalt: Hitzigste Debatten. Karikaturen in Zeitungen und Satireblättern spotten, malen absurde Konsequenzen aus, vor allem für das Verhältnis des Menschen zum Affen, obwohl Darwin gerade um dieses Thema in seinen Ausführungen einen großen Bogen gemacht hat. Und er hat die Evolutionstheorie ja nicht einmal erfunden! Die Idee, dass alles Leben verwandt ist, kursierte bereits bei Naturforschern lange vor ihm. Doch weil er nun einen Mechanismus entdeckt hat, der die Vorgänge endlich zufriedenstellend erklärt, verhilft er ihr zum Durchbruch.

Hauptsächlich die Theologen feuern. Darwin jedoch hält sich zurück, meidet den öffentlichen Streit. Er arbeitet im Stillen weiter und bringt noch eine Menge zu Papier - bis er am 19. April 1882 im Alter von 73 Jahren stirbt. Ruhe um sein Werk aber gibt es nicht. So kommen Vorwürfe, der Verfasser habe von Alfred Wallace abgeschrieben. Doch belegt ist, dass bereits vor dem Erscheinen des Buches die Gedanken Darwins zusammen mit den Ausarbeitungen von Wallace auf einer Sitzung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt und zur Kenntnis gebracht wurden. Wallace selbst ließ daraufhin in der ihm angeborenen Bescheidenheit dem Mann aus Shrewsbury den Vortritt. Der allerdings zögerte nicht und erntete den Ruhm.

Darüber hinaus geht bei Übersetzungen des Bandes ins Französische und Deutsche einiges schief; Kommentare, Streichungen, Einfügungen verzerren das Original. Zudem bemächtigen sich allerlei Deuter der Gedanken. "Sozialdarwinisten" beispielweise übertragen sie auf die menschliche Gesellschaft, missbrauchen sie als politische Ideologie und ziehen sie zur Rechtfertigung von Unterdrückung, Rassismus, Imperialismus und Kriegen heran. Adolf Hitler gar macht solch eine Weltanschauung zum Grundpfeiler seines Nationalsozialismus. So geistert bis in die Neuzeit allerlei Verdrehtes durch die Köpfe der Menschen.

Wirkung über Biologie und Glauben hinaus

Darwins Erkenntnisse aber wirken vor allem konstruktiv. Und im Laufe der Zeit weit über die Grundlagen der Biologie hinaus. So durchdringen sie inzwischen in kaum noch zu überschauendem Maße die verschiedensten Bereiche unseres Wissens - und sind hoch aktuell. Etwa in der Anthropologie, die sich speziell dem Werdegang des Menschen angenommen, immer neue fossile Vorformen des Zweibeiners entdeckt und herausgefunden hat, dass Homo sapiens Ursprünge in Afrika liegen, von wo aus er die Kontinente eroberte. Oder in der Ethnologie, die anatomische und kulturelle Eigenarten der Vielzahl von Völkern auf dem Globus und ihre Herkunft aus gemeinsamen Ursprüngen erforscht. Durchs neue Verständnis des Menschen und seiner Wurzeln wird zudem klar, dass auch unser Geist und unsere Psyche aus einem Millionen von Jahren dauernden Prozess resultieren. Folglich diskutieren heute Wissenschaftler die Frage, wie sich Moral und Bewusstsein bildeten und funktionieren, unter evolutionären Gesichtspunkten.

Was vor 150 Jahren als Theorie begann, ist heute durch eine Fülle von Fakten untermauert. So sind die Forscher in der Lage, einen fein verzweigten Stammbaum des Lebens auf der fast fünf Milliarden Jahre alten Erde mit ihren derzeit etwa 400.000 Pflanzen- und 1,5 Millionen Tierarten zu zeichnen. Grundlage sind zahlreiche Funde von Fossilien, deren Alter sich genau datieren lässt. "Die versteinerten Pflanzen und Tiere eröffnen einen faszinierenden Blick in eine alte vor vielen Millionen Jahren ausgestorbene Organismenwelt und dokumentieren viele Entwicklungsverläufe", sagt Biologe Gerald Mayr vom Frankfurter Senckenberg-Institut, "spektakuläre Beispiele sind Archaeopteryx, der Urvogel und Pakicetus, ein Urwal. Der Urvogel zeigt, dass die Vögel von den Sauriern abstammen, und der Urwal mit seinen vier Beinen, dass die Wale beziehungsweise ihre Vorgänger einst an Land lebten und von dort ins Meer gegangen sind".

Mit dem Fadenwurm verwandt

Die eindrucksvollsten Beweise für die Evolution und ihre Abläufe jedoch liefert die noch relativ junge Molekularbiologie. Sie macht es möglich, das Geschehen von "innen" zu betrachten. Grundlegend war vor gut 50 Jahren die Entdeckung, dass bei jedem Lebewesen in jeder einzelnen biologischen Zelle ein Fadenmolekül namens Desoxyribonukleinsäure (DNA) steckt und in seinen Abschnitten, Gene genannt, der gesamte Bauplan des Organismus gespeichert ist. Veränderungen in diesem Erbgut, so wurde bald klar, sind es, die die Variabilität einer Art schaffen, ohne die Selektion vollkommen machtlos wäre. Sie passieren durch Mutationen, etwa wenn radioaktive Strahlung oder Umweltgifte wirken, oder wenn sich bei sexueller Fortpflanzung die DNA der Partner mischt.

In diesem Fadenmolekül, so zeigte sich, ist die Spur der Abstammung dokumentiert, mit seiner Hilfe lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse exakt bestimmen. Die Analysen ergaben, dass sich die Lebewesen sogar weitaus näher stehen, als Darwin noch zu denken wagte: Mensch und Schimpanse haben zu 98,5 Prozent dieselben Gene. Selbst ein Fadenwurm, nur einen Millimeter lang und gerade mal aus 1000 Zellen gebaut, ist unser Bruder. 60 Prozent all seiner Erbanlagen besitzen auch wir.

Darüber hinaus entdeckten Entwicklungsbiologen ein gemeinsames Set von Abschnitten in der DNA, das seit Urzeiten die Entwicklung der Lebewesen und ihre Formenvielfalt steuert. Diese molekularen Regisseure regeln, ob aus einer Zelle etwa eine Leber- oder eine Hirnzelle, ein Fußknochen oder ein Wirbel wird. Dabei bestimmt ein und derselbe Anweiser die Entwicklung des Facettenauges bei der Fliege oder des Linsenauges bei einem Menschen. "Es war ein regelrechter Schock für uns zu sehen, dass diese Gene so ähnlich sind", sagt Ralf Sommer vom Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie. "Wir waren immer davon ausgegangen, dass die Körper unterschiedlicher Tiere auch von ganz verschiedenen Genen reguliert würden. Einen besseren Beleg für den gemeinsamen Ursprung allen Lebens gibt es nicht."

So hat sie bis heute überdauert - die so machtvolle Erkenntnis vom ewigen Wandel durch die Kraft der Selektion, von der Bildung von Neuem aus Altem durch die große Macht der kleinen Schritte.

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