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"Vielleicht messen wir das Falsche"

Politiker fordern bereits Fahrverbote, um Klagewellen wegen Übertretung der neuen Feinstaub-Grenzwerte abzuwenden. Wissenschaftlich bewiesen ist noch nichts, aber Forscher sehen ein Gefährdungspotenzial an anderer Stelle durch ultrafeine Staubpartikel.

Interview mit Prof. Dr. Joachim Heyder vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF). Professor Heyder ist der ehemalige Direktor des Instituts für Inhalationsbiologie. Das Institut befasst sich mit der Gesundheitsrelevanz von Umweltaerosolen

Die Gefährdung durch Feinstaub ist seit langem bekannt. Warum kocht die Diskussion jetzt hoch?

Die EU-Richtlinie, die jetzt zum Tragen kommt, bezieht sich auf eine Gefährdung durch Feinstaub, die seit fünf Jahren bekannt ist. Dass die Grenzwerte überschritten werden, weiß man auch seit Jahren. Warum das heute erst zum Tragen kommt, ist mir völlig unklar. Es ist einfach ein Versagen derjenigen, die diese Richtlinien umsetzen müssen.

Wie gefährlich ist Feinstaub im Vergleich zu anderen Verursachern von Lungenkrebs und Herz-Kreislauferkrankungen?

Wir haben die Hypothese, dass diese Partikel eine Gesundheitsgefährdung darstellen könnten. Es gibt aber noch keine abschließenden Beweise und ist nach wie vor in der Diskussion. Wir brauchen noch ein paar Jahre, um dazu abschließend Stellung nehmen zu können.

Was ist der größte Feinstaub-Verursacher?

Per Definition versteht man unter Feinstaub alle Partikel kleiner als 10 Mikrometer Größe [entspricht etwa dem Zehntel des Durchmessers eines menschlichen Haares, d. Red.] Der EU-Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft setzt jedoch voraus, dass nur die Masse der Partikel eine biologische Relevanz hat.

Was sind dann aber die gefährlichen Partikel?

Das weiß man noch nicht genau. In der Diskussion momentan sind die ultrafeinen Partikel mit weniger als 0,1 Mikrometer Größe und wenig Masse. Die wissenschaftliche Annahme bisher war immer: Je größer ein Partikel, desto größer auch seine Wirkung. In letzter Zeit hat hier aber ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Nun glaubt man genau das Gegenteil: Je kleiner der Partikel, desto größer seine Wirkung. In Deutschland gilt die 10-Mikrometer-Grenze, in den USA sind es 2,5 Mikrometer. National ist das sehr unterschiedlich. Und nur die kleinen ultrafeinen Partikel gehen eventuell in die Blutbahn. Diese ultrafeinen Partikel haben eine ganz neue Qualität, wir müssen hier völlig umdenken.

Unsere Experimente zeigen, dass diese Partikel sehr schnell in die Zellen der Lunge gehen. Und wenn sie bis ins Endothel der Lunge gelangen, ist auch vorstellbar, dass sie in die angrenzende Blutbahn übertreten. Aber es hat noch nie jemand solch ein Partikel in der Blutbahn wirklich gesehen.

Gibt es Studien, die einen Zusammenhang zwischen den ultrafeinen Partikeln und Lungenkrebs belegen?

Darüber weiß ich nichts, das liest man immer wieder in der Presse. Mir ist völlig unbekannt, dass Feinstaub-Partikel - außer denen im Zigarettenrauch natürlich - Lungenkrebs verursachen. Aber dass Feinstaub-Partikel in den Konzentrationen, wie sie in der Umwelt vorliegen, karzinogen sein sollen – davon ist mir nichts bekannt.

Wird die Diskussion Ihrer Meinung nach zu hysterisch?

Sehr. Wir haben das Problem in der Wissenschaft, dass wir durchaus ein Gefährdungspotenzial bei den Partikeln sehen. Aber das betrifft vorwiegend empfindliche Menschen. Das Gefährdungspotenzial ist noch nicht endgültig bewiesen, aber es ist nicht auszuschließen. Sehr viele Beobachtungen sprechen jedoch dafür. Daher bin ich der Meinung, dass die Forschung reagieren und klären muss, ob da was dran ist oder nicht. Und es muss natürlich auch die Politik reagieren, um das Gefährdungspotenzial in der Atmosphäre so gering wie möglich zu halten - auch auf die Gefahr hin, dass es sich hinterher als nicht notwendig herausstellen sollte. Aber alleine die Tatsache, dass diese Teilchen als ein Gefährdungspotenzial erkannt wurden, macht es notwendig, dass wir uns damit beschäftigen.

Halten Sie die EU-Grenzwerte für sinnvoll?

Ja und nein. Es ist natürlich gut, dass inzwischen etwas dafür getan wird, dass die Belastung der Luft kleiner wird. Doch bislang reduziert man nur die Massenbelastung der Luft und nicht den Anteil der ultrafeinen Partikel. Wenn man heute der Meinung ist, dass es aber genau diese Teilchen sind, die das Gefährdungspotenzial ausmachen, dann kommen wir mit einer reinen Massenbeschränkung nicht weiter. Das bedeutet, wenn diese ultrafeinen Teilchen tatsächlich die Gefahr sein sollten, brauchen wir völlig neue Grenzwerte.

Wir sind inzwischen der Meinung, dass die Partikeloberfläche der kritische Faktor ist. Es stellt sich immer mehr heraus, dass die Partikel-Oberfläche der Parameter ist, um die Qualität der Luft zu beurteilen. Wenn dem so ist, messen wir momentan das Falsche. Dann können wir messen so viel wir wollen, aber selbst wenn wir dann die EU-Grenzwerte einhalten, ist damit das Gefährdungspotenzial unserer Luft nicht kleiner geworden.

Die Diskussion hat sich nun auf Rußfilter bei Diesel-Fahrzeugen fokussiert. Wie hoch ist der Anteil dieser Fahrzeuge an der Feinstaub-Belastung und wie effektiv sind Diesel-Rußfilter?

Diese ultrafeinen Partikel entstehen bei allen Verbrennungsprozessen. Der Anteil des Verkehrs an der Feinstaubbelastung beträgt ungefähr ein Drittel. Den Rest machen Industrie und Hausbrände aus. Ich kenne nicht genau die Wirkung der Diesel-Rußfilter. Wenn sie auch in dem Bereich der ultrafeinen Partikel wirksam sind, dann werden sie daher auch zu einer gewissen Verbesserung führen. Wie hoch die ausfällt, liegt an der Industrie.

Wie steht es mit der Feinstaub-Belastung in geschlossenen Räumen? Wo lauern dort Gefahrenquellen und wie kann man sie vermeiden?

Die Grenzwerte gelten ja nur für den Außenbereich. Für Innenräume gibt es da nichts. Eine wesentliche Komponente ist die Belastung durch Passivrauchen. Aber auch Kochen stellt eine wesentliche Quelle dar, z.B. Gasverbrennung.

Momentan liest man sehr viele Expertenmeinungen zu dem Thema Feinstaub. Doch jeder erzählt etwas anderes...

Stimmt. Das ist für mich aber nicht so verwunderlich. Denn all diese Fragen, die momentan gestellt werden, befinden sich gegenwärtig in der wissenschaftlichen Diskussion. Eine abschließende Beurteilung dazu gibt es noch nicht.

Das Gespräch führte Jens Lubbadeh

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