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Was taugt das MSC-Siegel?

Das MSC-Siegel für Fisch und Meeresfrüchte soll Verbrauchern helfen, beim Einkauf umweltgerechte Fischereien zu unterstützen. Allerdings gibt es auch Kritik: Der MSC sei zu lax, sagen einige Meeresforscher und Umweltschützer.

Von Nina Weber

Die Meere sind überfischt. Im Supermarkt, in der Kantine oder im Restaurant stellt sich daher die Frage, welchen Fisch man noch mit gutem Gewissen essen kann. Eine Hilfe dabei soll das MSC-Siegel bieten. MSC steht für "Marine Stewardship Council". Das blaue Siegel der gemeinnützigen, internationalen Organisation erhalten nur Fisch und Meeresfrüchte, die nachhaltig und umweltgerecht gefangen wurden, also nicht in dem Maß, dass die Bestände gefährdet werden. Auch die Fangmethoden werden bewertet, Fischerei mit Sprengstoffen oder Gift erhält grundsätzlich kein Siegel.

Allerdings regt sich auch Kritik gegen das Programm, das das weltweit größte dieser Art ist. Eine Gruppe von Forschern beklagt aktuell im Fachmagazin "Nature", dass sich der MSC in den vergangenen Jahren in die falsche Richtung entwickelt habe und dringend reformiert werden müsste. "Wir glauben, dass die Marktimpulse dazu geführt haben, dass sich der MSC von seinem ursprünglichen Ziel entfernt hat", schreiben die Forscher um Jennifer Jacquet und Daniel Pauly aus Vancouver. Sie untermauern das mit Zahlen.

Streitfall Alaska-Seelachs

Zwischen 2000 und 2004 bekamen ihren Angaben zufolge sechs Fischereien das MSC-Siegel, die zusammen pro Jahr eine halbe Tonne Fisch und Meeresfrüchte produzierten. Heute sind es mehr als 90 Fischereien, und bei knapp weiteren 120 wird zurzeit bewertet, ob sie ein Siegel erhalten. Diese Zertifizierung übernehmen andere Organisationen, nicht der MSC selbst. Die bereits zertifizierten Betriebe fangen laut MSC fast vier Millionen Tonnen Fisch - das enstpricht sieben Prozent des weltweiten Fangs für den menschlichen Verzehr. Mit den Fischereien, die zurzeit bewertet werden, kommen weitere drei Tonnen dazu.

In "Nature" beklagen die Wissenschafter vor allem, dass sich immer mehr größere Fischereibetriebe mit dem Siegel schmücken dürfen, obwohl diese aus ihrer Sicht keineswegs nachhaltig arbeiten. Als eines von vier Beispielen nennen sie den Alaska-Pollack, der mit Schleppnetzen aus der östlichen Beringsee geholt wird. Der Fisch, der als Alaska-Seelachs verkauft wird, ist auch für deutsche Verbraucher wichtig, denn er macht ein Viertel des hierzulande gekauften Fisches aus. Etwa eine Million Tonnen Pollack werden pro Jahr aus der Beringsee geholt, schreiben die Wissenschaftler. Die Biomasse der geschlechtsreifen Fische sei zwischen 2004 und 2009 um 64 Prozent gesunken. Doch der MSC gehe trotzdem davon aus, dass sich die Bestände erholen. Die Meeresforscher halten die Kriterien des MSC für zu lax.

Der MSC verteidigt seine Position. Fisch ist eine natürliche Ressource, die Schwankungen unterliegt. Nachhaltige Fischereien zeichnet aus, dass sie bei einem längeren negativen Trend reagieren, damit sich die Bestände erholen können, heißt es beim MSC. Durch verpflichtende Aktionspläne habe der MSC hier einen Hebel, den er nicht hätte, wenn die Fischereien nicht Teil des Programms wären. Denn jede Fischerei sei darum bemüht, das Siegel zu behalten, da der Verlust einen Image- und eventuell sogar ökonomischen Schaden bedeuten würde.

Das sagen Umweltschützer

"Es ist wichtig, die Arbeit des MSC und der Zertifizierer zu beobachten und zu überprüfen", sagt Caroline Schacht, Fischerei-Expertin beim WWF. Die Naturschutzorganisation hat den MSC zusammen mit dem Lebensmittelkonzern Unilever 1997 gegründet, seit 1999 ist der MSC allerdings unabhängig. Dem WWF sei natürlich am guten Ruf des MSC gelegen, sagt Schacht. Sie verteidigt das Siegel für die Fischerei in der Beringsee. "Die Höchstfangmengen wurden in den vergangenen Jahren nach unten angepasst", sagt sie. "Der Alaska-Seelachs wird mit Netzen gefangen, die nicht den Boden berühren, also vergleichsweise wenig ökologische Schäden anrichten. Zudem ist der Beifang gering." Auch sie geht davon aus, dass sich die Bestände des Pollacks in den kommenden Jahren erholen.

"Grundsätzlich ist der MSC ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Thilo Maack von Greenpeace. "Aber er hat einigen Fischereien das Siegel verliehen, die es aus unserer Sicht nicht tragen sollten." Er nennt ebenfalls den Alaska-Seelachs als Problemfall. Zudem seien mehrere Hering-Fischereien in der Nordsee zertifiziert, obwohl die Bestände kontinuierlich abnehmen würden.

Fisch als Luxusprodukt

In "Nature" regen die Forscher an, dass der MSC sein Augenmerk in Zukunft weniger auf die großen industriellen Fischereien richtet. Stattdessen sollte die Aufnahme kleinerer Betriebe aus Entwicklungsländern in den Club der Siegelträger stärker gefördert werden. Zwar gebe es schon Programme in dieser Richtung, doch diese reichten nicht aus.

Thilo Maack nennt eine weitere Problematik des Siegels: "Der MSC würde es den Fischanbietern gerne ermöglichen, sämtliche konventionelle Fischprodukte durch welche mit Siegel zu ersetzen. Doch das ist aufgrund der Masse schlicht unmöglich." Der Verbraucher, der eine ökologisch sinnvolle Entscheidung treffen will, müsste aus seiner Sicht nicht nur auf Siegel wie das des MSC achten, sondern auch ab und zu auf Fisch verzichten. "Wir müssen anfangen, Fisch als eine knappe Ressource und damit als ein Luxusprodukt zu sehen", sagt er. "Der Deutsche verzehrt im Schnitt knapp 16 Kilo im Jahr. Die Hälfe wäre sicher sinnvoll - und viel besser für die Meere."

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