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Was Speisekarten und Trockenblumen verraten

Ohne Daten sind Wissenschaftler nichts. Aber was, wenn es einfach keine Daten gibt? Dann ist Fantasie gefragt und man muss die Daten da suchen, wo sie niemand vermutet: auf Gemälden, Speisekarten oder getrockneten Blumen zum Beispiel.

Von Marcus Anhäuser

Es kommt immer auf das Auge des Betrachters an. Man kann Monets Bilder der Gemäldeserie über das vom Nebel verhangene Londoner House of Parliament als impressionistische Meisterwerke betrachten, mit all den Unschärfen und Farbsprengseln, die die Sonne in den Dunst malt. Oder man sieht sie mit den Augen von Jacob Baker und John Thornes von der University of Birmingham. Dann erfährt man noch ganz andere Dinge: "Die Gemälde enthalten überraschend präzise Informationen, die uns Hinweise über den Londoner Nebel und die Luftverschmutzung um 1900 liefern können", sagt Atmosphärenchemiker Baker.

Die Bilder, die Monet zu Beginn des 20. Jahrhunderts malte, können ein solider Datenschatz für die Forschung werden, glauben die beiden Engländer. Neue Daten über den "Nebel des Grauens" könnte die Forschergemeinde gebrauchen: "Die wissenschaftliche Untersuchung des Londoner Smogs im großen Stil begann erst ein Jahrzehnt nach Monets Bildern", sagt John Thornes.

Impressionistische Anhaltspunkte über das Wetter um 1900

Ihre Hoffnung stützen Thornes und Baker auf Ergebnisse, die sie kürzlich im englischen Fachmagazin Proceedings of the Royal Society A veröffentlichten.

Die beiden Wissenschaftler bestätigten anhand des Sonnenstandes in den Gemälden den Zeitraum ihrer Entstehung bis auf einige Tage und Stunden genau. Kunsthistoriker hatten ihn aus den Briefen Monets an seine Frau auf einige Wochen im Februar und März im Jahre 1900 eingrenzen können. Als Thornes und Baker aber ihr wissenschaftliches Maß zur Winkelberechung noch genauer anlegten, bestimmten sie sogar erstmals den genauen Ort auf der anderen Seite der Themse, an dem der Meister den Pinsel geschwungen hatte: eine Terrasse über dem zweiten Stock des inzwischen abgerissenen Block 1 des St. Thomas Hospitals.

So aufwändig die Berechnungen sind, sie waren nur die Vorarbeiten, die Monets Werk als eine unabhängige Datenquelle öffnen sollen. "Seine Bilder könnten uns etwas über die Sichtverhältnisse und damit die Dichte des Nebels verraten", sagt Thornes. Der Rauch über den Kaminen einiger Bilder verrät Geschwindigkeit und Richtung des Windes und damit über die Stabilität des Wetters.

Selbst die so impressionistische Farbgebung soll Thornes und Baker helfen. "Damit werden wir die Art und die Konzentration von Schadstoffen beurteilen können", sagen die Forscher optimistisch. Unterschiedliche Inhaltsstoffe brechen das Licht in ganz charakteristischer Art und Weise und lassen so Farbspiele entstehen, die Monet vielleicht als einziger seiner Zeit - als Fotos noch schwarzweiß waren - in bunten Bildern erfasst haben könnte. Wenn sich bestätigt, was Thornes und Baker glauben, dann dürfte auch klar sein, dass der Impressionist Monet viel realistischer gemalt hat als bisher angenommen.

Alte Speisekarten verraten, was begehrt war

Der Mangel an Daten ist immer wieder ein Grund, warum Wissenschaftler ungewöhnliche Quellen für ihre Forschung auftun. Vor allem, wenn sie Zeiträume untersuchen, von denen kaum verlässliches Zahlenmaterial vorliegt. Da ist Fantasie gefragt oder ein kurzer Moment der Eingebung, wie ihn Glenn Jones erlebte, ein Ozeanograf von der Texas A&M University in Galveston, USA. Er sammelt und untersucht historische Speisekarten, seit ihm eines Tages ein vergilbter Menüzettel aus den 50er Jahren in die Finger geriet. Jones erkannte, welchen Schatz er da in Händen hielt: Die Karten verraten ihm einen Teil der Geschichte, warum die Fischbestände der Weltmeere heute in weiten Teilen kurz vor dem Zusammenbruch stehen.

"Niemand hatte historische Speisekarten jemals auf diese Weise untersucht", sagt Jones, der sich mit seinen Studien am internationalen History of Marine Animal Project (HMAP) beteiligt. Im HMAP versuchen Meeresforscher aus historischen Quellen zu ergründen, wie groß die Fischbestände einst waren, bevor sie im großen Stil industriell ausgebeutet wurden. Jones' Kollegen bestimmen etwa mit alten Logbüchern des 19. Jahrhunderts Fangquoten und errechnen, wie viele Meerestiere damals in bestimmten Regionen lebten. "Dass ist die eine Seite der Geschichte", sagt Jones. "Wir untersuchen die Konsumentenseite: Was wurde zu welchen Zeiten verzehrt, und wie viel waren die Menschen bereit, dafür zu zahlen?"

Fataler Aufstieg des Hummers

Mehr als 200.000 verstaubte und vergilbte Karten aus Küstenstädten wie New York, San Francisco oder Providence auf Rhode Island haben er und sein Team zusammengetragen. Sie reichen zurück bis in das Jahr 1850. Das Aufstöbern war nicht leicht: "Speisekarten sind ja nichts, was man normalerweise aufhebt, die sind eher wie Eintagsfliegen", sagt Jones. Und gerade einmal zehntausend Karten enthalten die notwendigen Grunddaten für eine wissenschaftliche Auswertung: Preis, Datum, Ort.

Zusammengefasst spiegeln sie den kulinarischen Aufstieg und den ökologischen Zusammenbruch manches Meeresbewohners wider. Jones konnte den Aufstieg des Hummers vom Arme-Leute-Essen Mitte des 19. Jahrhunderts zur begehrten High-Society-Delikatesse nachzeichnen. Mit all den fatalen Zusammenhängen: Je beliebter der Hummer wurde, desto mehr wurde er gefischt. Der Befischungsdruck ließ die Bestände schrumpfen, die Hummerjagd wurde aufwändiger, was die Preise hochschnellen ließ. Ergebnis: Von einst inflationsbereinigten zwei bis drei Dollar stieg der Preis für ein knappes Pfund Lobsterfleisch auf 30 Dollar Ende der siebziger Jahre.

Fatale Folgen hatte dies auch für eine Muschel, das Meerohr. In den zwanziger Jahren kostete eine Portion in Restaurants in San Francisco umgerechnet sieben Dollar. An Kaliforniens Küsten waren die Bestände groß und gesund. 1997 gab es nur noch so wenige dieser Schalentiere, dass die Regierung einen Befischungsstopp erließ. Wer sich heute Meerohren leisten will, muss 50 bis 70 Dollar auf den Tisch legen, für importierte Ware aus Neuseeland und Australien.

Hummer und Meerohr sind beispielhaft für eine fatale Entwicklung: "Die Geschichte wiederholt sich immer wieder", sagt Jones. Verstärkt wird der Trend noch durch die Gier mancher Gourmetfreunde, denen nicht klar zu sein scheint, welchen Schaden sie anrichten: "Viele Menschen wollen einfach nur das essen, was selten ist." Da müsse noch eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden, mahnt der Ozeanograf.

Gartenfotos und gepresste Blumen als Belege

Genau das versucht Richard Primack von der Boston University, USA. Allerdings bei einem ganz anderen Thema: dem Klimawandel. Während seine Kollegen weltweit den Wandel anhand nüchterner Zahlenreihen für Temperatur, Niederschlagsmenge oder Luftdruck dingfest machen, liest der Bostoner Botaniker die Erderwärmung aus viel sinnlicheren Quellen: aus Gartenfotos, privaten Tagebucheintragungen und gepressten Blumen.

Primack geht es darum, den Klimawandel für Skeptiker - vom Präsidenten bis zum einfachen Bürger - anschaulich und begreifbar zu machen. Dabei setzen er und sein Team zum Beispiel auf die akribischen, über drei Jahrzehnte geführten Tagebucheinträge einer Frau, die in der Nähe Bostons lebt. Die Aufzeichnungen zeigen, wie steigende Temperaturen das Leben der Tier- und Pflanzenwelt in ihrem Garten verändern. Die Brautente etwa, ein Zugvogel, kehrte 1970 noch Mitte April zu ihrem Gartenteich zurück, inzwischen fliegt sie meist schon Ende Februar ein. Vier weitere Sommergäste finden signifikant früher in ihren Garten als 30 Jahre zuvor, darunter der Rubinkehlkolibri oder der Hauszaunkönig.

Fotos und Herbarien dokumentieren den Klimawandel

Wie Klimawandel aussieht, zeigen Fotovergleiche, wie zum Beispiel zwei Fotografien eines Friedhofes in Lowell, einem kleinen Ort dreißig Kilometer nordwestlich von Boston: Im Mai 1868 trugen die Bäume noch kein einziges Blatt. Auf dem zweiten Bild rund 130 Jahre später stehen sie im selben Zeitraum in vollem Grün. Die Durchschnittstemperatur hat sich in dieser Zeit im Raum Boston um fast zwei Grad erhöht.

"Die beiden Fälle demonstrieren anschaulich, was alle unsere Daten jedes Mal wieder zeigen: Der Frühling zieht immer früher ins Land", ist Primack überzeugt.

Er und seine Kollegen haben auch noch einen weiteren Datenschatz geöffnet, der wortwörtlich greifbar macht, wie die Welt sich erwärmt: Herbarien, Kataloge mit gepressten Blumen. Eine Untersuchung des Herbariums des Arnold Arboretum der Harvard University an 372 aus 80.000 Pressblumen, bestätigte den schleichenden Klimawechsel. "Blumen aus der Zeit von 1900 bis 1920 blühten im Durchschnitt acht Tage später als im Zeitraum 1980 bis 2002", sagt Primack. Das Ergebnis macht ihm Mut, den er an seine Kollegen weiter geben will: "Überall auf der Welt schlummern solche Herbarien mit genauen Orts- und Zeitangaben. Damit könnte man die Entwicklung von 100 bis 150 Jahren auf eine Weise erforschen, wie es bisher noch nicht möglich war."

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