HOME

"Das Meer ist der Spiegel der Seele"

In seinem Bestseller "Der Schwarm" werden Wasserwesen zu Killermaschinen. Dabei fühlt sich Erfolgsautor Frank Schätzing im Nassen ganz geborgen. Mit dem stern sprach er über die Faszination der Tiefe, seine Begegnung mit Haien und sein neues Buch.

Herr Schätzing, nun haben Sie schon Ihr zweites Buch über das Meer geschrieben. Dabei wohnen Sie als Kölner mitten auf dem Festland. Machen Sie wenigstens Urlaub an der See?

Klar. Im Winter gerne ein paar Tage auf Sylt oder an der schottischen Küste, früher jedes Jahr auf den Malediven zum Tauchen.

Wie kommt man denn mit Flugangst auf die Malediven?

Sag ich ja: früher. Aber ich arbeite dran.

Was mögen Sie an Strandspaziergängen?

Die Weite. Diese endlose Wasserfläche. Die wechselnden Horizonte. Das Meer ist eine Diva, seine Stimmung kann binnen weniger Minuten komplett kippen, ohne dass es je an Faszination verliert. Ich mag beides, den Sturm und den Frieden.

Und was fasziniert Sie am Tauchen?

Oh, das war alles andere als spontane Liebe. Als ich vor meinem ersten Tauchgang auf der Reling saß, ausstaffiert mit Flossen und Flasche, kamen plötzlich Urängste hoch: Du schaust auf eine dunkle Oberfläche und siehst etliche Monster vor deinem geistigen Auge, die nichts anderes zu tun haben, als dich mit aufgerissenem Rachen und umgebundener Serviette zu erwarten. Dann tauchst du ein und findest dich in einem lichten, klaren Universum. Freundliches Blau überall. Tief unter dir, noch ziemlich diffus, siehst du was schwimmen. Also gehst du runter, weil du dir das anschauen willst. Und so, wie das Leben um dich herum an Form und Farbe gewinnt, entrückt die Welt über dir ins Irreale. Dein neues Umfeld ist jetzt die Realität, und du bist absolut hingerissen. Noch weiter unten ist noch mehr Leben, also gehst du wieder tiefer.

Klingt nach legaler Droge.

Wer das einmal an sich rangelassen hat, den hält es gepackt. Man braucht also einige nüchtern veranlagte Freunde, die einen ebenfalls nicht mehr loslassen, sonst läuft man Gefahr, verloren zu gehen.

Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry machte dem Meer das Kompliment: "Du schenkst uns ein unbeschreiblich einfaches und großes Glück." Er ist nur einer von vielen Dichtern, die das Meer besungen haben. Und Millionen Urlauber zieht es an die Strände. Die kommen doch nicht alle wegen der guten Aussicht, oder?

Wenn ich Psychologe wäre, würde ich sagen: Das Meer ist der Spiegel der Seele, und die Seele ist ein Abgrund. Weitgehend unerforscht. Wir sind geängstigt und fasziniert zugleich. Da lauert Wunderbares und Schreckliches dicht beieinander, also tauchen wir ein in den fremden und doch so vertrauten Ozean. Mir gibt das Meer vor allem Geborgenheit: Beim Tauchen fühle ich mich völlig eins mit diesem Element. Als ob ich da unten zu Hause wäre.

Und über Ihr Wohnzimmer haben Sie jetzt ein Sachbuch geschrieben: "Nachrichten aus einem unbekannten Universum."

Ein Sachbuch, ja schon. Aber eigentlich ist es ein Thriller: Schließlich ist das Meer der Ort, aus dem alles Leben kommt, es bedeckt zwei Drittel unseres Planeten. Wie es entstand, welche Schlachten seine Bewohner da unten geschlagen haben, wie sie versuchten, einander mit immer neuen Tricks auszupokern, Vulkanausbrüche, Supermeteoriten - das alles finde ich wahnsinnig spannend.

Millionen deutscher Schüler fassen sich jetzt aber an den Kopf ...

War doch bei mir genauso: Was habe ich unter der staubtrockenen, stinklangweiligen Art gelitten, mit der einige Lehrer ihre Seriosität zu unterstreichen meinten. Schon damals habe ich kapiert: Es gibt nichts Kompliziertes in der Welt, nichts Langweiliges. Nur langweilige und komplizierte Vermittler. Aber Naturwissenschaft muss vor allem Spaß machen, dich packen! Man sollte Lehrer also auf ihre Comedytauglichkeit testen. Wenn sie nicht mindestens fünf satte Lacher pro Stunde ernten, sind sie im falschen Job.

Offenbar haben Sie trotzdem was gelernt.

Es gab auch gute Lehrer. Außerdem hab ich mir und anderen die Zusammenhänge mit kleinen witzigen Geschichten erklärt. Mit dem Ausdenken war ich mehr beschäftigt als mit allem anderen.

Aber nicht immer: Im Buch erwähnen Sie, dass schon Ihr Vater Ihnen erzählte, dass ein Matrose seinen Salzstreuer ins Wasser fallen ließ - und das Meer deshalb so merkwürdig schmeckt.

Und ich dachte: Das muss ein verdammt großer Salzstreuer gewesen sein.

Wissen in Geschichten zu verpacken - das haben Sie in Ihrem Buch perfektioniert. Nur mit einem Bein stehen Sie dabei in der Wissenschaft, mit dem anderen in Hollywood: Sie lassen Garnelen sprechen, und Miss Evolution auftreten, die aus ihrer Handtasche immer neue Geschöpfe hervorkramt. Fürchten Sie nicht, dass Ihnen Ihr Plauderton von Wissenschaftlern übel genommen wird?

Im Gegenteil: Viele Forscher sind bemerkenswerte Persönlichkeiten, kluge und nachdenkliche Leute, aber ihnen fehlt der Zugang zur breiten Öffentlichkeit. Sie freuen sich, dass jemand ihre Erkenntnisse anschaulich unters Volk bringt. Im Grunde mach ich's ja nicht anders als die Bibel, ich rede in Gleichnissen. Nur dass meine ein bisschen lustiger ausfallen.

Man kann über Naturwissenschaften also reden wie über ein Fußballspiel?

Natürlich. In klarer, total normaler Sprache. Hauptsache, man erzählt nichts Falsches. Und wenn es dem Leser mal langweilig werden sollte, während ich durch die Untiefen von Physik und Chemie steuere, habe ich vollstes Verständnis dafür. Soll er ruhig ein Nickerchen machen - ich wecke ihn schon, wenn die richtig krachigen Geschichten kommen.

Mussten Sie denn bei einem Meeres-Buch gleich bis zum Urknall ausholen?

Da reiht sich plötzlich eins ans andere: Man soll verstehen, wie das Wasser auf die Erde gekommen ist. Also muss man kapieren, wie es sich zunächst im Weltraum überhaupt bilden konnte. Und schon ist man ganz nahe beim Beginn der Welt. Verstehen Sie, ich bin da absoluter Begeisterungstäter: Ich will das dann unbedingt wissen, also frage ich mich durch bis zum Ende.

Ihr Rechercheaufwand wird sich in Grenzen gehalten haben.

Wie kommen Sie denn darauf?

Das Meiste hatten Sie doch wohl schon für Ihren Bestseller "Der Schwarm" zusammengetragen ...

Ach so. Hab ich auch gedacht. Aber Pustekuchen: Höchstens zehn Prozent konnte ich verwenden. Das neue Buch erzählt eine komplett andere Geschichte, außerdem hat die Wissenschaft binnen weniger Jahre einige Sprünge vollführt.

Also haben Sie recherchiert, wie im Meer die ersten Zellen entstanden - und in der Folge die merkwürdigsten Kreaturen. Welche stehen auf Ihrer Hitliste denn ganz oben?

Zum Beispiel Anomalocaris: ein Monster im Kambrium, lebte vor rund 540 Millionen Jahren. Zwei Meter lang, mit stielförmigen Facettenaugen und zwei krallenähnlichen Kiefernzangen - man muss wissen, dass in dieser Zeit die meisten Lebewesen nur wenige Zentimeter groß waren. Anomalocaris war sozusagen der Weiße Hai seiner Zeit. Den hätte sich "Aliens"-Regisseur James Cameron nicht besser ausdenken können. Auch ein fünf Zentimeter großes Krebschen hat sich mir nachhaltig eingeprägt: Colymbosathon ecplecticos, eine Art frühzeitlicher Flavio Briatore. Das Tierchen besaß nicht nur den ältesten überlieferten Penis überhaupt, sondern im Vergleich zur Körpergröße auch den längsten. Der Name, den ihm die Wissenschaftler gaben, bedeutet übersetzt "Erstaunlicher Schwimmer mit großem Penis".

Auch heute tummeln sich unter Wasser ja jede Menge skurriler Geschöpfe ...

Und was für welche! Der Pelikanaal, zum Beispiel, ist sensationell: besteht eigentlich nur aus Maul. Und dann hat er oben so ein langes, dünnes Zöpfchen dran - das ist der Körper. Enorm dehnbar! Ich finde es schon bemerkenswert, wenn man Dinge essen kann, die dreimal so groß sind wie man selber. Nicht zu vergessen auch der Anglerfisch: Bei dem sexuellen Notstand, der in der Tiefsee herrscht - es ist gar nicht so leicht, in der Dunkelheit den geeigneten Liebespartner zu finden -, betreibt das Männchen die totale Selbstaufgabe: Es verwächst mit dem Weibchen und wird zu einem Teil ihres Organismus.

Ein Albtraum für den ganzen Mann!

Oder eine lebenslange Rente am Hintern von Madame. Wie man's sieht.

Im Gegensatz zu den meisten menschlichen Zeitgenossen mögen Sie ja auch Haie ...

Sehr. Ich bin ihnen mehrfach begegnet.

Keine Angst gehabt?

Na ja. Auf den Malediven sind wir mal runtergegangen, um ein Riff zu besuchen, an dem Graue Riffhaie lebten. Die werden fast drei Meter lang. Wunderschöne, elegante Wesen. Wir ließen uns auf einer Art Terrasse in 15 Meter Tiefe nieder, ganz ruhig. Dann kamen die Tiere. Erst gucken die dich mit dem Arsch nicht an, dann siegt die Neugier. Sie kommen einem ziemlich nahe - und sind schon wieder weg. In der Situation hast du keine Angst, dafür ist es zu spät.

Und vor dem Tauchgang?

Hab ich schon gedacht: "Was machst du hier eigentlich, du Idiot, wo du es zu Hause so schön gemütlich haben könntest?" Aber Haie sind längst nicht so aggressiv, wie es immer heißt. Der Mensch gehört nicht in ihr Beutespektrum. Wir gehen ja auch nicht ins Restaurant und fallen über den Kellner her, sondern suchen uns was auf der Speisekarte. Einem Hai zu begegnen ist nicht gefährlicher, als einem Schäferhund über den Weg zu laufen.

Und wenn doch mal wieder ein Schwimmer oder Surfer von einem Hai angefallen wurde? Was ist dann passiert?

Dann hat sich das Tier geirrt oder überreagiert. Jährlich sterben auf der Welt zehn Menschen durch Haie, aber 200 Millionen Haie durch Menschenhand. Teils werden den Tieren bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten, um Suppe draus zu machen.

Für die Wale empfinden Sie nicht ganz so viel Sympathie ...

Moment! Ich breche nur das heilige Siegel der Unantastbarkeit, und das ist fällig. Was ist das für ein Naturschutz, der den Inuit und den Makah-Indianern verbieten will, Wale zu jagen? Die Inuit leben davon und haben kaum Alternativen. Es ist immer dasselbe: Erst rotten die Industrienationen eine Spezies nahezu aus, dann versuchen sie sie vor denen zu schützen, vor denen sie nie geschützt werden musste. Das ist lächerlich und zynisch.

Was ist falsch daran, sich um eine intakte Natur zu bemühen?

Nichts. Bloß, Intaktheit ist etwas völlig anderes als Gleichgewicht. Die Natur war nie im Gleichgewicht, sie ist eine Wettbewerbshölle, in der die Kräfteverhältnisse ständig wechseln. Allein unsere schiere Existenz kostet andere Kreaturen das Leben. Darum stellen sich Umweltromantiker gerne so einen Garten Eden vor, den wir wiederherstellen müssten. Als die Cyanobakterien vor einigen Milliarden Jahren begannen, durch Photosynthese Sauerstoff freizusetzen, vergifteten sie damit den Großteil der damaligen Lebensformen. Es war immer ein Hauen und Stechen.

Im "Schwarm" rächt sich das Meer für seine anhaltende Zerstörung. Es bringt Millionen Menschen um. Jetzt klingen Sie ziemlich zahm - hat man Ihnen die Zähne gezogen?

Ich will Ihnen mal was sagen: Ich habe auf Seiten der Natur- und Umweltschützer bemerkenswerte Menschen kennen gelernt, die ich zutiefst bewundere. Aber ebenso auf Seiten der Industrie. Es geht hier nicht darum, Feindbilder aufzubauen, sondern abzubauen. Wer im Meer eine moralische Instanz sieht, hat was missverstanden. Das Meer ist weit davon entfernt, sich zu rächen. Natur reagiert, darum geht es. Wir können uns aussuchen, wie wir mit dieser Natur zurechtkommen, ob wir sie plündern oder uns als Teil des großen Ganzen begreifen. Warum nicht Städte auf dem Meer bauen? Künstliche Inseln könnten Hochburgen des Umweltschutzes sein. Alternative Energien, Aquakultur, Schaffung künstlicher Riffe, vieles kann man da erproben, und man hätte Lebensraum geschaffen.

Würden Sie denn in einer Stadt auf dem Meer wohnen wollen?

Eine Zeit lang gern. Stelle ich mir ganz nett vor, im Golfstrom durch die Schönwetterzonen zu treiben.

Und unter Wasser? Auch solche Städte sind ja schon angedacht worden.

Auf keinen Fall. Menschen sind für so was nicht gemacht. Wir würden verrückt werden, wir brauchen frische Luft, grünes Gras, Himmel, Auslauf. Wir sind keine Wasserwesen mehr, auch wenn unser Körper zu 80 Prozent aus Wasser besteht und unser Blut dieselben Salze in ähnlicher Konzentration enthält wie der Ozean.

Zu den von Ihnen vorgestellten Zukunftsprojekten gehört sogar ein Tunnelsystem unter dem Atlantik, durch das man nach dem Rohrpostprinzip in wenigen Minuten von Europa nach Amerika gelangen könnte. Würden Sie selbst so reisen wollen?

Na ja. Ich würde mich jedenfalls lieber in so eine Röhre zwängen, als in ein Flugzeug zu steigen. Wahrscheinlich hätte ich nicht mal Panik. Auch meine Flugangst ist ja komplett irrational.

Es fällt auf, dass Sie im Buch nichts unversucht lassen, den Menschen klein zu machen. Sie nennen uns Landeier, die glauben, Krone der Schöpfung zu sein. Wollen Sie uns Demut lehren?

Ich will niemanden was lehren. Mein Job ist zu unterhalten. Aber es wäre natürlich schön, wenn das Buch zu einem besseren Verständnis der Welt beiträgt. Und damit vielleicht zu einer differenzierten Sicht auf uns selber. Ich denke, wir sollten uns endlich als das begreifen, was wir de facto sind: eine von unzähligen Varianten des Lebens in einem Geflecht von Abhängigkeiten. Ganz klar sind wir nicht die Krone der Schöpfung. Wir leben auf einem Planeten, der seit fast vier Milliarden Jahren mit großem Erfolg von Einzellern beherrscht wird. Die Gattung Homo ist gerade mal ein paar Millionen Jahre auf den Beinen: Am vorläufigen Ende der Evolution stehen nun Zellkonglomerate, die Bücher schreiben. Und andere Zellhaufen, die sie lesen.

Interview: Stephan Draf, Horst Güntheroth

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren