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"Am CO2-Handel hängt die Zukunft"

Klimaschutz ist teuer, die Klimakatastrophe unbezahlbar. Klimaökonom Ottmar Edenhofer erklärt im stern.de-Interview, wie man mit Kapitalismus das Klima rettet, was er sich vom G8-Gipfel erhofft und woher im Jahr 2050 unsere Energie kommt.

Herr Edenhofer, was erhoffen Sie sich vom G8-Gipfel in Heiligendamm?

Es wäre zu hoffen, dass die USA sich am Klimaschutz beteiligen. Auch wenn man nicht mehr als ein Signal erwarten darf - wenn es deutlich und unüberhörbar ist, wäre es gut. Es wäre großartig, wenn die USA die Linie, die sie während des IPCC-Treffens vertreten haben, fortführen würden. Dann wären wir schon einen Schritt weiter.

Mit maximal drei Prozent des Weltbruttosozialproduktes an finanziellem Aufwand kann der Klimawandel bis 2030 aufgehalten werden, sagen Sie. Welche Länder werden das hauptsächlich zahlen?

Die Vermeidungskosten werden sicher bei den G8-Staaten am höchsten ausfallen. Je mehr Länder sich am Klimaschutz beteiligen, desto günstiger wird der Klimaschutz aber. Europa hat daher ein vitales Interesse daran, dass sich auch die USA, China und Indien am Klimaschutz beteiligen. Welche Verpflichtungen die einzelnen Staaten eingehen werden, ist jedoch politisch weitgehend ungeklärt.

Sie fordern mehr Gewicht auf den Emissionshandel. Reguliert sich über dieses Instrument der Klimaschutz von selbst?

Er würde zumindest eine ganze Menge regeln. Dafür allerdings müssen noch mehr Sektoren in den Emissionshandel mit einbezogen werden - Verkehr zum Beispiel. Und es dürfen Zertifikate nicht kostenlos zugeteilt, sondern müssen versteigert werden. Das sind für mich die zwei wichtigsten Forderungen. Und dann können sich Staaten wie die USA überlegen, ob sie sich am europäischen Emissionshandel beteiligen wollen.

Wenn die mitmachen, glauben Sie, hat dieses Instrument das nötige Gewicht?

Europa ist der einzige Wirtschaftsraum, der Instrumente für einen effektiven Klimaschutz entwickelt und auch eingeführt hat. Am Erfolg des europäischen Emissionshandels hängt die Zukunft der europäischen Klimapolitik und die Möglichkeit, den globalen Klimaschutz mit einem weltweiten Emissionshandel voranzubringen.

Wie beurteilen Sie den derzeitigen Status des Emissionshandels?

Hoch problematisch, weil nur bis zu zehn Prozent der Zertifikate versteigert werden können. Das müssen deutlich mehr sein. Und es sind zu wenige Sektoren im Emissionshandel mit einbezogen.

Sie fordern einen Preis von 50 Euro pro Tonne CO2. Momentan liegt er bei einem Euro...

Ich fordere diesen Preis nicht, aber er wird das Ergebnis der Marktkräfte sein. Wenn sich genügend CO2-freie Techniken am Markt durchsetzen, kann der Preis auch wieder sinken. Je innovativer die Wirtschaft ist, um so schneller. Wenn sich die Weltgemeinschaft vornimmt, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf zwei Grad Celsius zu begrenzen und die CO2-Emissionen dementsprechend zu reduzieren, ist das der Preis, den eine Tonne CO2 dann kosten wird.

Deutschland gibt sich gerne als Vorreiter in Sachen Klimaschutz - eine Studie des WWF bescheinigte deutschen Braunkohlekraftwerken im europäischen Vergleich eine miserable Ökobilanz. Nun sollen 40 neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Es hagelt Kritik, dass die hoch gesteckten Ziele - Reduktion der Klimagas-Emissionen um 40 Prozent bis 2020 - so nicht erreicht werden. Was halten Sie davon?

Kohlekraftwerke, die jetzt ans Netz gehen und nicht mit einer CO2-Abscheidung und unterirdischen Lagerung nachgerüstet werden können, sind keine sinnvolle Option. Würden die Zertifikate nicht kostenlos zugeteilt, sondern versteigert werden, würden sich Kohlekraftwerke ohne Abscheidungstechnik ohnehin nicht lohnen. Die Versteigerung würde einen großen Innovationsdruck auslösen - entweder müssten Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke oder durch Kraftwärmekoppelung ersetzt werden

Sie meinen also, die Regierung sollte sich da nicht einmischen?

Die Regierung sollte einen funktionsfähigen Emissionshandel installieren - die Investitionsentscheidungen sollten die Firmen selber fällen..

Aber noch funktioniert er ja nicht ausreichend. Und die Kraftwerke, die jetzt gebaut werden, werden jahrzehntelang laufen. Glauben Sie nicht, dass die Regierung daher intervenieren sollte?

Die Politik ist gut beraten, wenn sie ihre politischen Energien darauf richtet, den Emissionshandel funktionsfähig zu machen. Die Alternative wäre, dass man nur Kohlekraftwerke ans Netz gehen lässt, die grundsätzlich mit der Abscheidungstechnik nachrüstbar sind. Aber diese ordnungsrechtliche Alternative wäre nur zweite Wahl.

Im IPCC-Bericht Teil 3 war die volle Ausnutzung bestehender Kernkraftwerke als ein Punkt genannt, um die CO2-Emissionen zu begrenzen. Sie halten den Ausbau der Kernkraft für volkswirtschaftlich unsinnig. Sollen deutsche Kernkraftwerke Ihrer Meinung nach länger laufen?

Der IPCC hat keineswegs den vollen Ausbau der Kernenergie gefordert. Der IPCC schätzt das ökonomische Potenzial der Kernenergie auf 18 Prozent (gegenüber heute 16 Prozent) des globalen Stromverbrauchs bis 2030, wenn die Fragen des nuklearen Abfalls, der Sicherheit und der Proliferation geklärt sind. Das ökonomische Potenzial der Kernenergie verringert sich, wenn die anderen Alternativen, zum Beispiel Kohlenstoffabscheidung und die erneuerbaren Energien, ihre Kosten durch technischen Fortschritt senken können. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass der Anteil der Kernenergie eher sinken wird.

Selbst wenn man die Kernenergie für eine klimapolitisch sinnvolle Option hält, wird man auf die anderen Optionen nicht verzichten können. Der IPCC schätzt das ökonomische Potenzial der erneuerbaren Energien auf 30-35 Prozent an der globalen Stromproduktion bis zum Jahre 2030, bei einem Preis von 50 Euro pro Tonne CO2.

Daher sollte man die Prioritäten jetzt richtig setzen. Mit und ohne Kernenergie brauchen wir technische Durchbrüche bei den erneuerbaren Energien, bei der Kohlenstoffabscheidung und auch bei der Erhöhung der Energieeffizienz. Darauf müssen wir uns jetzt konzentrieren.

Halten Sie Sigmar Gabriels Acht-Punkte-Plan für ausreichend, um die deutschen Ziele - zu erreichen?

Der ist in Ordnung.

Fehlt Ihnen noch etwas?

Ja, der Emissionshandel. Ich hätte es gerne gesehen, wenn die Bundesregierung da ambitionierter vorgegangen wäre. Zumindest nach 2013 wäre es schön, wenn mehr als zehn Prozent der Zertifikate versteigert werden können.

Wie sieht die Energieversorgung der Erde im Jahr 2050 aus?

Wir werden die fossilen Energieträger ungefähr auf dem heutigen Niveau nutzen. Bei großen Kohle- und Gaskraftwerken werden wir das CO2 abscheiden. In China und Indien wird es im großen Stil Kohleverflüssigung geben, die Treibstoffversorgung wird also nicht nur vom Öl abhängen. Ab 2050 werden wir einen großen Anteil von Biomasse und Wind bei der Elektrizitätserzeugung haben, während der Anteil der Solarenergie zu steigen beginnt. Auch die Kernenergie wird Bestand des globalen Energiemixes sein. Ihr Anteil wird aber sinken.

Was halten Sie von Konzepten, mit Solarthermie-Kraftwerken in Nordafrika einmal Europa mit Strom zu versorgen?

Das ist eine großartige Idee. Denn wir haben in Europa beschlossen, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 auf 30 Prozent der Stromerzeugung zu steigern. Dafür brauchen wir zunächst neue, intelligente Stromnetze. Aber wenn wir bis 2050 solarthermische Kraftwerke in Nordafrika hätten, die Europa mit Strom beliefern, wäre das eine große Perspektive - auch entwicklungspolitisch.

Ist Sonneneinstrahlung pro Quadratmeter der Bodenschatz der Zukunft?

Das ist die falsche Analogie, denn von Bodenschätzen profitieren die Länder am wenigsten, in denen die Bodenschätze abgebaut werden. Bei solarthermischer Elektrizität ist das anders, denn Elektrizität ist ökonomisch bereits ein veredeltes Produkt, dessen Nachfrage steigen wird. Nordafrika könnte davon dauerhaft profitieren. Das würde ihrer Wirtschaft sehr gut tun.

Die Kernfusion kommt in Ihrer Prognose überhaupt nicht vor?

Das ist eine hochinteressante Perspektive, man sollte die Forschung intensivieren. Aber energiepolitisch ist diese Vision frühestens für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts relevant - vielleicht auch erst am Beginn des 22. Jahrhunderts. Es wäre daher fahrlässig, jetzt auf eine Option zu setzen und die anderen Optionen zu vernachlässigen.

Interview: Jens Lubbadeh

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