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Interview

"Ja, wir Menschen pfuschen dem lieben Gott ins Handwerk"

Noch mehr Dünger, noch mehr Pflanzenschutzmittel - das ist keine Lösung, um die Erträge zu steigern, findet Mark Stitt, Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie. Er plädiert für eine neue Diskussion über Grüne Gentechnik in Deutschland.

Zuckerrohr auf dem Feld

Zuckerrohr auf dem Feld: Die wichtigsten Nutzpflanzen sind heute so stark optimiert, dass sich kaum mehr aus ihnen herausholen lässt.

Herr Stitt, Grüne hat in Deutschland nur Feinde – weder Verbraucher noch Politiker wollen sie. Was haben die Wissenschaftler falsch gemacht?

Wir haben sicherlich zu wenig geredet und erklärt, was wir da eigentlich tun. Und viele der ersten Produkte waren nicht relevant. Kein Mensch braucht Tomaten, die nicht schmecken, aber möglichst lange gut aussehen. Andererseits ist der Streit in Deutschland paradox: Dass wir Menschen dem lieben Gott ins Handwerk pfuschen, ist in vielen Lebensbereichen akzeptiert – in der roten Gentechnik etwa, also wenn mit Hilfe gentechnisch veränderter Organismen Medikamente hergestellt werden. Gentechnik wird jedoch strikt abgelehnt, wenn es um die Veränderung des Erbgutes von geht. Dabei brauchen wir diese Hochtechnologie. Denn die Weltbevölkerung wächst. Seit etwa zehn Jahren beobachten wir jedoch, dass die Ernteerträge weltweit stagnieren. 

Woran liegt das?

Die gewaltigen Ertragssteigerungen der vergangenen Jahrzehnte basieren im Wesentlichen auf den Erfolgen der klassischen Pflanzenzüchtung, man schätzt um die Hälfte, vielleicht sogar mehr. Das Saatgut ist einfach immer besser geworden. Die selektierten Eigenschaften hängen oft mit der Pflanzenstruktur zusammen. Beim Mais gelang es zum Beispiel Sorten zu züchten, die man wesentlich dichter pflanzen kann als früher. Oder der essbare Anteil wurde erhöht, bei Kartoffeln beispielsweise ist der Spross kleiner geworden, die Knolle größer. Das Problem, vor dem wir heute stehen, ist jedoch, dass die wichtigsten Nutzpflanzen so stark optimiert sind, dass man kaum mehr aus ihnen herausholen kann. Ihr Potenzial bezüglich dieser Eigenschaften ist ausgereizt. 

Die Antwort der industriellen Landwirtschaft lautet: noch mehr Ressourceneinsatz.

Noch mehr Dünger, noch mehr Pflanzenschutzmittel und noch mehr Wasserverbrauch sind keine Lösung. Die industrielle Landwirtschaft steckt in einer Sackgasse. Das ist Konsens unter vielen Wissenschaftlern. Und viele Politiker sehen das auch so. Schon jetzt werden bis zu 80 Prozent des Frischwassers für die landwirtschaftliche Produktion verbraucht, das lässt sich so nicht weiterführen. Auch stehen künftig weniger Anbauflächen zur Verfügung wegen der Bodenerosion und des Klimawandels. Deshalb müssen wir ganz neue Wege gehen.

Wie könnten die aussehen?

Die Folge all dieser Entwicklungen ist, dass die Anforderungen an die Pflanzenzüchtung weiter steigen werden. Die Zukunft liegt jedoch nicht in der Herstellung herbizidresistenter Pflanzen, wie Monsanto es getan hat. Wir müssen die Erträge umweltverträglich steigern, und dafür brauchen wir sowohl die klassische Züchtung als auch die Gentechnik. 

Was meinen Sie konkret?

Ein wichtiges Ziel unserer Forschung ist es, durch Eingriffe ins Erbgut, die Photosynthese-Leistung von Pflanzen zu steigern. Bei der Photosynthese verwandelt die Pflanze Sonnenlicht in Glukose, die sie für ihr Wachstum braucht. Und sie produziert zudem Sauerstoff, den sie an die Umwelt abgibt. Lauter positive Effekte. Wenn man diese Leistung um 20 Prozent erhöht, dann wachsen Pflanzen viel schneller, ohne dass sie mehr Dünger oder Wasser benötigen. Zum zweiten produzieren Pflanzen selbst Stoffe, die sie gegen Viren, Pilze, Bakterien und Tierfraß schützen. Wenn wir verstehen, wie das genau funktioniert, dann können wir Pflanzen so verändern, dass sie diese Stoffe vermehrt selbst herstellen.  

Kritiker argumentieren, dass wir nicht die Ernten steigern müssen, um Milliarden Menschen satt zu machen, sondern die Erträge gerechter verteilen.

Ja, eine gerechtere Verteilung der Nahrungsmittel zwischen Arm und Reich würde uns entlasten. Ein riesiges Problem besteht auch darin, dass so viele Lebensmittel beim globalen Transport vom Acker zum Supermarkt verrotten. Aber ich befürchte, dass die Politik allein diese Probleme nicht in den Griff bekommen wird. Hier könnte Pflanzenzüchtung ebenfalls helfen, zum Beispiel durch die Verbesserung der Lagerfähigkeit. Und selbst wenn die Verteilung gerechter wäre und die Verschwendung geringer, müssten die Ernteerträge immer noch wachsen, um künftige Generationen zu ernähren. 

Mark Stitt ist Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm.

Interview: Doris Schneyink

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