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Kampf um die letzte Schatzkiste der Natur

Konferenzgezerre in Bremerhaven. Es geht um die letzten unberührten Meeresregionen. Einige Länder wollen sie retten, Russland stellt sich quer. Leonardo DiCaprio wendet sich an Präsident Putin.

Von Lutz Meier

  Im November 2012 waren Verhandlungen über neue Meeresschutzgebiete in der Antarktis gescheitert. Nun wird in Bremerhaven neu diskutiert.

Im November 2012 waren Verhandlungen über neue Meeresschutzgebiete in der Antarktis gescheitert. Nun wird in Bremerhaven neu diskutiert.

  • Lutz Meier

Wacklig tapsen die Pinguine über das Eis, beinah rutschen sie aus. Andere haben einen souveräneren Auftritt, sie flattern majestätisch mit den Flügeln. Wale springen vor ihnen aus dem nachtblauen Wasser. Es mag ein wenig kalt sein hier unten am Südpol, aber es herrscht schiere Harmonie. Peter Young ist vor zwei Jahren mit einem Eisbrecher in das antarktische Rossmehr gefahren, aus den Bildern hat er einen preisgekrönten Dokumentarfilm gemacht. In der vergangenen Woche hat der Mann aus Neuseeland eine noch längere Reise unternommen, aber sein Ziel war weniger idyllisch: Die verwitterte Industriestadt Bremerhaven. Dort angekommen sagte Young, die Reise sei vielleicht nicht schön, aber nötig. Schließlich werde sich in der Nordseestadt entscheiden, ob "Der letzte Ozean", dem er in seinem Film eine Verbeugung widmet, die heile Welt bleibt, die er zeigt.

Die größte Schutzzone der Welt

Im Saal des Bremerhavener Atlantic Hotels, dem wahrscheinlich größten Konferenzraum der Stadt, hat die deutsche Regierung in der vergangenen Woche eine große U-förmige Tischrunde aufbauen lassen, Länderwimpel, Namensschilder für 24 Delegationen. Hinter verschlossenen Türen feilschen die Länder hier seit Montag um Pinguine, Wale und Krill und um einen der raren verbliebenen unberührten Naturräume des Planeten. Es sind die Mitglieder einer internationalen Organisation, die englischsprachige Delegationsteilnehmer zärtlich "Camilla" nennen, die aber nicht nach der englischen Thronfolgergattin mit dem garstigen Ruf benannt ist, sondern nach der englischen Abkürzung CCAMLR für Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources).

Bislang geht es auch eher rau als zärtlich zu, die Teilnehmer zitterten am Montag auf den Dienstag förmlich zu. Offiziell soll die Zusammenkunft um 16.30 Uhr zu Ende sein, doch damit rechnet kaum einer mehr. Der Tag der Entscheidung ist lang. Wenn es gut ausgeht, werden große Teile des Südpolarmeers zu einer riesigen Schutzzone erklärt, größer, als es jemals eine auf Erden gegeben hat. Wenn es schlecht ausgeht, scheitert der Jahrhundertplan wieder an jenen Ländern, deren Fischtrawler und Forschungsschiffe schon bereitstehen, um auch dieses bisher kaum angetastete Meer abzufischen und auszubeuten.

"Die Chance, Geschichte zu schreiben"

Im vergangenen Herbst ist schon mal eine Konferenz an diesen Ländern geplatzt. Am Montag äußerten sich die Delegationen aus Russland, der Ukraine und China ebenso unbeweglich wie damals. "Russland und Ukraine haben das Frage aufgeworfen, ob die CCAMLR überhaupt das Recht hat, Schutzzonen einzurichten", berichtete der norwegische Konferenzleiter Terje Lobach in einem Medienbriefing am Mittag. Die anderen Teilnehmer hätten "deutlich gesagt, dass wir diese Fragen nicht verstehen", ergänzt der deutsche Delegationsleiter Walter Dübner. Doch es hilft nichts. Ausführlich berichteten die Verantwortlichen nur von einem: Bedenken, Hindernissen, Fragen, Zweifeln.

Dabei hatten die 24 Länder extra im Herbst die Sonderkonferenz in Bremerhaven für diesen Sommer angesetzt, um eine Blamage zu vermeiden. Die Teilnehmer hätten "die einmalige Chance, Geschichte zu schreiben" hatte die deutsche Ministerin Ilse Aigner vor der Konferenz appelliert, dann aber freilich selbst auf die Reise an die Nordsee verzichtet. Vielleicht sei das ganze Hin und Her am Montag nur Konferenzgeplänkel, um den Boden für einen Kompromiss am Dienstag zu bereiten, hofften Teilnehmer nach dem ersten Tag noch. "Man fragt sich, ob die russischen Vorstöße Hinhaltetaktik sind, um die Verhandlungen zu blockieren", fürchtete hingegen Andrea Kavanagh, die als Vertreterin der US-Bürgerrechtsstiftung Pew Charitable Trusts nach Bremerhaven gekommen ist.

"Es herrscht Goldgräberstimmung"

Zwei Vorschläge liegen auf dem Tisch. Die USA und Neuseeland wollen ein 2,3 Millionen Quadratkilometer großes Schutzgebiet im Rossmeer, dort, wo Young seinen Film gedreht hat. Nach einem europäisch-australischen Vorschlag sollen sieben andere Gebiete im Ostpolarmeer geschützt werden. Sie hätten eine Fläche von insgesamt 1,63 Millionen Quadratkilometern. Würde zumindest einer der Vorschläge realisiert, dann wären am Ende drei Prozent der Weltmeere geschützt - eigentlich freilich hatten sich die Staaten verpflichtet, bis 2020 zehn Prozent zu schützen. Im Schutzgebiet wären Fischfang und Rohstoffförderung verboten.

Besonders der Riesen-Atlantikdorsch, der gern zu Sushi verarbeitet wird, hat die Begehrlichkeit der internationalen Hochseefischer-Flotten geweckt. "Beim Atlantikdorsch herrscht Goldgräberstimmung", sagt der neuseeländische Antarktis-Verhandler Stuart Prior in dem Film. Andere Experten sagen dass gerade die russischen Fangflotten nur noch wenige Ausweich-Fischgründe haben. Die begehrten Fische aber spielen laut Experten in der Nahrungskette der Antarktis-Tierwelt eine Schlüsselrolle, für Pinguine, Robben und Wale, die sich im Südpolarmeer den Magen vollschlagen, bevor sie weiterziehen.

Leonardo DiCaprios Appell an Wladimir Putin

"In fast allen Weltmeeren haben wir es geschafft, die Bestände stark zu reduzieren - das Südpolarmeer bleibt als eine der letzten Schatzkisten der Natur", sagt der Meeresbiologe Tim Packeiser zu stern.de und warnt davor, den Schatz zu verschleudern. Packeiser ist für die Umweltorganisation WWF in Bremerhaven. Eine Reihe von Öko-Organisationen haben sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen, ihre Vertreter dürfen ohne Stimmrecht am Ende des Saals zuhören.

Hollywood-Schauspieler und Öko-Aktivist Leonardo DiCaprio versuchte mit einem flammenden Appell an Präsident Wladimir Putin, die Russen noch zum Einlenken zu bewegen: "Wir glauben, dass Millionen Menschen, die sich Sorgen um die Antarktis machen, in Russland und überall auf der Welt, jetzt hoffen, dass die russische Regierung sich an die Spitze der Anstrengungen zum Schutz der Südmeerwildnis setzt". Die Aktivisten von der Stirnseite des Konferenzsaals fürchten nun, dass die Staaten sich am Ende zu einem Kompromiss breitschlagen lassen, der zu weit geht. So hatten etwa die Norweger vorgeschlagen, den Meeresschutz zeitlich zu begrenzen. Zumindest müsse jetzt irgend etwas geschehen, warnt Packeiser. "Wenn wir warten, werden wir diese unberührten Gebiete verlieren", sagt Packeiser. Dann gähnt er vernehmlich, die Nacht war kurz und viel Schlaf werde er in der Nacht zu Dienstag wohl auch nicht finden, sagt er.

Lutz Meier

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