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Mogelpackung Klimaschwindel

Sie war angekündigt als die ganz große Enthüllungsgeschichte, die Dokumentation "Der große Klima-Schwindel", die im Nachtprogramm von RTL lief. Doch sie lieferte keine Enthüllungen, sondern eine Verschwörungstheorie.

Von Jens Lubbadeh

"Der große Klima-Schwindel" ist eine Dokumentation des britischen Senders Channel 4, die in England bereits im März für Aufsehen sorgte. RTL zeigte eine um 20 Minuten gekürzte Fassung. Grund für die Kürzung war offenbar die heftige Kritik, die die Doku nach der Erstausstrahlung hervorgerufen hatte.

Wissenschaftler, die im Film zitiert wurden, distanzierten sich teilweise öffentlich. Klimaforscher Carl Wunsch vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) protestierte gegen die Verwendung seines Namens für diese "Polemik". Seine Worte seien ihm im Mund herumgedreht worden, so der Wissenschaftler. Er taucht in der deutschen Fassung nun gar nicht mehr auf.

Nicht der Klimawandel wird bestritten, sondern CO2 als Ursache

Viel Lärm um eigentlich so wenig, denn "der große Klimaschwindel" ist auch in der deutschen Fassung eigentlich eine Mogelpackung. In dem Film geht es gar nicht darum, den Klimawandel zu "entschwindeln". Der wird als Fakt von allen angeführten Wissenschaftlern bestätigt. Vielmehr versucht Filmemacher Martin Durkin zu demontieren, was viele Wissenschaftler und Politiker mittlerweile glauben: dass die durch den Menschen verursachten Treibhausgase, insbesondere das aus der Verbrennung fossiler Energien stammende CO2, der Grund sind für die globale Erwärmung.

CO2 sei aber gar nicht die Ursache des Treibhauseffekts, wird in der Dokumentation behauptet. Vielmehr sei ein anderer Grund entscheidend für die Klimaveränderungen auf der Erde - die Aktivität der Sonne. Dass das mittlerweile wissenschaftlich widerlegt ist, wird hingegen mit keiner Silbe erwähnt.

Überhaupt sei Klimawandel eine ganz natürliche Sache, heißt weiter. Immer wieder habe der stattgefunden in der vier Milliarden Jahre alten Geschichte der Erde. Auch das hat nie jemand bestritten. Diese Aussage soll vielmehr suggerieren: Es war schon immer so - wieso sollte es jetzt anders sein? Und die Folgerung: Wieso ist das ganze eigentlich so schlimm?

Dass etwas ganz Entscheidendes nun anders ist, hat Martin Durkin offenbar vergessen. In dieser langen Geschichte trat erst vor etwa 150.000 Jahren der Mensch auf den Plan. Und erst vor etwa 100 Jahren erlangte er die Fähigkeit, im großen Stil Klimagase zu emittieren. Dass ausgerechnet in diesem erdgeschichtlichen Augenaufschlag von rund 100 Jahren ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 0,74 Grad Celsius zu verzeichnen ist, das Jahr 2005 das heißeste in 120 Jahren war und die Eisdecken der Arktis dramatisch schmelzen - davon ist keine Rede in Martin Durkins Dokumentation.

Angeblich geht es um das ganz große Geld

Doch mit wissenschaftlichen Details hält sich Durkin ohnehin nicht allzu lange auf. Stattdessen konstruiert er in "Der große Klimaschwindel" munter eine Verschwörungstheorie: Der Klimawandel, das sei eine gigantische Geldmaschine. Eine ganze Industrie sei bereits entstanden, viele Jobs hingen mittlerweile am Tropf des Klimaschutzes. Es gehe um das ganz große Geld. Und so haben sich laut Durkin Wissenschaftler, Politiker, die Solarindustrie und die Medien verschworen, um einen Klimawandelmythos zu schaffen. Wozu? Na, um sich saftige Forschungsgelder, Wählerstimmen, horrende Umsätze und dramatische Auflagenzahlen zu sichern.

Vier Milliarden Dollar, so wird in der Dokumentation ein Wissenschaftler zitiert, seien weltweit für Klimaforschung ausgegeben worden. Vier Milliarden Dollar? Weltweit? Das soll das ganz große Geld sein? Vier Milliarden Dollar wird allein schon der Kernfusions-Forschungsreaktor Iter kosten, der bald in Frankreich gebaut wird. Der Etat des Bundesforschungsministeriums der Bundesrepublik beläuft sich auf mehr als das Doppelte. Kopfschüttelnd fragt man sich: Wenn doch der Klimawandel ohnehin nicht bestritten und von allen gefürchtet wird, dann würde er doch so oder so erforscht werden. Ganz ohne einen vermeintlich konstruierten "Mythos" um das menschliche CO2. Allein schon, um ihn besser zu verstehen und geeignete Schutzmaßnahmen entwickeln zu können. Wozu also sollten tausende Wissenschaftler - ohnehin ein Menschenschlag, der stets peinlichst auf seine Reputation innerhalb der Scientific Community bedacht ist - solch einen gigantischen CO2-Mythos erschaffen wollen und sich damit der Gefahr der Lächerlichkeit und Unseriosität preisgeben? Das nämlich ist für einen Wissenschaftler gleichzusetzen mit beruflichem Selbstmord.

Ein wärmeres Klima sei ja ohnehin besser als ein kälteres

Auch Eisberge würden immer mal wieder abbrechen, beruhigt ein Klimaexperte in "Der große Klimaschwindel". Die immer wieder gezeigten Bilder aus der Arktis von davontreibenden riesigen Eisbergen - alles ganz natürlich, alles ganz normal. Der einzige Unterschied: Wir schauen mit moderner Satellitentechnik heute einfach viel genauer hin und regen uns mehr darüber auf. Was der gute Mann vergisst: Es geht schon lange nicht mehr um einzelne Eisberge. Wissenschaftler fürchten, dass Ende des Jahrhunderts der Nordpol komplett eisfrei sein wird. Wer die Nasa-Aufnahmen des Nordpols aus den 70er-Jahren mit denen von heute vergleicht, sieht sofort, wie es um die Arktis steht.

Schließlich kulminiert "Der große Klimaschwindel" in einem Wissenschaftler-Zitat, das den ganzen Zynismus und die Oberflächlichkeit der Klimakritiker offenbart: Was, so fragt der als "Klimaexperte" bezeichnete Frederick Singer (der auch schon den Zusammenhang zwischen FCKW und Ozonloch, zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs und zwischen UV-B-Strahlung und Hautkrebs bestritt), sei denn eigentlich so schlimm an der ganzen Sache? Ein wärmeres Klima - ja, das sei ja ohnehin besser als ein kälteres. Ob das die Menschen in den Küstenregionen dieser Welt auch so sehen werden, wenn sie vom steigenden Meeresspiegel eingeholt werden?

Schade, Martin Durkin. "Der große Klimaschwindel" hätte die Chance gehabt, die stark emotional aufgeladene Debatte um Klimawandel und Klimaschutz wieder auf eine wissenschaftliche Basis zu holen. Denn zu vieles ist noch unerforscht, zu vieles in dem hochkomplexen System Klima noch unklar. Der Motor der Wissenschaft - das ist ständiges Hinterfragen und Anzweifeln vermeintlich sicherer Erkenntnis. Doch leider verschenkt Martin Durkin diese Gelegenheit, indem er möglicherweise berechtigte wissenschaftliche Fragen in einen Topf wirft mit Verschwörungskonstrukten, die die ganze Dokumentation unglaubwürdig und lächerlich machen.

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