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Warum der Klimagipfel zum Desaster wurde

Es ging um die Zukunft der Erde. Obwohl die Teilnehmer einen Vertrag erzielen wollten, hat es nur zu einem unverbindlichen Abkommen gereicht. Der Klimaschutz ist trotzdem nicht am Ende.

Von Axel Bojanowski, Kopenhagen

Diesen Tag hatten alle ersehnt. 14 Jahre wurde darauf hin gearbeitet, 14 Welt-Klimakonferenzen waren abgehalten worden, Tausende Kontakt-Treffen zwischen Diplomaten hatten stattgefunden. Es ging um nichts Geringeres als um die Zukunft der Erde, haben Wissenschaftler in vier aufrüttelnden Klimaberichten seit 1992 gewarnt. Auf der UN-Tagung in Kopenhagen sollte nun endlich ein weltweit gültiger Klimaschutz-Vertrag geschlossen werden, der den Ausstoß von Treibhausgasen Einhalt gebietet.

120 Staatschefs waren am Donnerstag in die dänische Hauptstadt gereist, wo bereits seit zehn Tagen 15.000 Delegierte verhandelt hatten. "Zu groß, um zu scheitern" sei der Klimagipfel, raunten sich die Teilnehmer zu. Und alle, wirklich alle, betonten, dass sie ein Abkommen erreichen wollten. Doch trotz des guten Willens und des wohl größten Aufwandes, der je für ein Vorhaben der Weltgemeinschaft getrieben wurde: Es hat nicht geklappt, ein Klimavertrag ist nicht zustande gekommen. Nicht mal zu einem unverbindlichen Abkommen wird es wohl reichen. Das einzige abstimmungsfähige Dokument ist am frühen Samstagvormittag im Plenum durchgefallen. Kaum jemand erwartet noch eine Einigung - die Staatschefs sind schon abgereist. Trotz des Debakels von Kopenhagen ist der Klimaschutz aber nicht unbedingt am Ende, noch wurden nicht alle Möglichkeiten ausgelotet.

Zunächst hatten sich die Regierungschefs und Delegierten von über 20 Ländern auf ein Abschlussdokument geeinigt. Das Dokument sei immerhin ein "Ausgangspunkt", sagte Angela Merkel Freitag-Mitternacht gegenüber Journalisten. Das Papier enthielt allerdings weder Abgas-Verpflichtungen noch konkrete Verminderungsziele beim Treibhausgas-Ausstoß. Immerhin wurde darin Finanzhilfe für die Entwicklungsländer im Kampf gegen den Klimawandel beschlossen: Die Europäische Union und Japan wollen bis 2012 jeweils rund elf Milliarden Dollar bereitstellen; die USA hingegen nur 3,6 Milliarden - ein überraschend geringer Betrag, nachdem Außenministerin Hillary Clinton am Donnerstag mit großem Pathos erstmals Klima-Finanzhilfen der USA in Aussicht gestellt hatte. Doch selbst dieses schwache Kompromisspapier ist bei den Delegierten der anderen 163 Staaten gescheitert.

Beim Truthahn-Essen wird gepokert

Die Welt traf sich im "Bella Center": Vertreter aller Nationen liefen im Kopenhagener Tagungsgebäude umher, tippten an langen Tischen auf ihren Laptops oder ruhten erschöpft in einer Sitzecke. Immer wieder eilten die Staatschefs durch die Gänge, umringt von Leibwächtern und Journalisten. Einer nach dem anderen hielt eine Ansprache im Plenarsaal. Verhandelt wurde in kleinen Hinterzimmern, oder in benachbarten Hotels. Donnerstagabend, 20 Stunden vor der avisierten Verkündung des neuen Klima-Abkommen, nahm die Hektik zu. Noch immer lag eine Einigung in weiter Ferne. Da fuhren schwarze Limousinen vor, um die Regierungschefs auf das Schloss Christiansborg zu bringen. Das lange geplante Abendessen bei Truthahn und Gemüse wurde zum Politpoker.

Bundeskanzlerin Merkel saß beim Essen neben dem chinesischen Staatschef Wen Jiabao. Doch auch sie konnte Wen nicht überzeugen, den Abgasausstoß seines Landes kontrollierbar zu machen. Die Weigerung der Chinesen gegen solche Transparenz sollte einer der wesentlichen Punkte sein, der den Klimagipfel scheitern lassen sollte. China habe seine Positionen während der Verhandlungen kaum geändert, berichtete Merkel kurz vor ihrem Heimflug nach Deutschland Freitagnacht.

Beim Abendessen im Schloss wurde schon längst nicht mehr eines, sondern wurden zwei Klima-Abkommen diskutiert: Eines für die Industrienationen, eines für die anderen. Beide enthielten freilich rund 100 strittige Vertragspunkte, über die in diversen Fachgruppen verhandelt wurde. Eine Vereinigung beider Papiere wurde ausgeschlossen. Um dennoch eine Übereinkunft der Weltgemeinschaft zu erzielen, regten die Europäer einen politischen "Dach-Text" an, der Richtlinien für künftige Klimaschutz-Verhandlungen enthalten sollte.

Von 23 Uhr bis 2 Uhr begab sich Merkel mit Staatschefs und Top-Delegierten von über 20 Staaten in ein Zimmer des Kongresszentrums. Die Vertreter der Schwellenländer, etwa Indien und Brasilien, forderten ihre Abgas-Ziele von ihrem Wirtschaftswachstum abhängig machen lassen, die Entwicklungsländer wollten hohe "Wiedergutmachungszahlungen" der Industrienationen für "Klimaschäden". Manche dieser Länder sperrten sich zudem gegen jede Überprüfung ihrer Emissionen; das Indische Parlament hatte sich bereits vor Kopenhagen dagegen ausgesprochen. Umweltminister Norbert Röttgen sprach von einer "Blockade krisenhafter Art". Er hatte bis morgens um Acht weiter verhandelt.

Rede Obamas dämpft die Hoffnungen

Am Vormittag übernahmen wieder die Regierungschefs. US-Präsident Barack Obama enttäuschte nach seiner Ankunft in Kopenhagen am Freitagvormittag mit seiner Rede. "Er hatte nichts Zusätzliches mitgebracht", sagte Bundeskanzlerin Merkel. Am Abend half Obama aber offenbar ein totales Scheitern des Gipfels zu verhindern, indem er nach Berichten von US-Medien eine geschlossene Sitzung von Chinesen, Brasilianern und Indern sprengte, obwohl ihn Sicherheitsbeamte zunächst daran hindern wollten. Chinas Präsident Wen Jiabao willigte nun wenigstens ein, die Welt über ihre Abgasverringerungs-Ziele zu informieren.

Stundenlang saßen die Regierungschefs beisammen und rangen um den Abschlusstext. Parallel arbeiteten Fachausschüsse, um Änderungen der Formulierungen zu prüfen. Zuweilen sei die Verhandlungssituation "recht lustig" gewesen, weil Staatschefs mit Spezialisten diskutieren mussten, berichtete Merkel. Letztlich waren aber nur die Europäer an einem Kompromiss interessiert. "Ohne sie wäre der Klimaschutzprozess undenkbar", sagte Merkel.

Das Abschlussdokument "Copenhagen Accord", das die 30 Staaten schließlich kurz vor Mitternacht am Freitag präsentierten, wurde gegenüber den Versionen vom Nachmittag sogar noch deutlich abgeschwächt. Nur das 2-Grad-Ziel sei letztlich erreicht worden, räumte Merkel ein. Demnach soll die Erwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden. Wie das geschafft werden soll, lässt der "Copenhagen Accord" jedoch vollkommen offen; dem Dokument fehlt jede Verbindlichkeit. Ob die Zwei-Grad-Grenze zu halten sein wird, erscheint nun ungewisser denn je. Auch auf der nächsten Welt-Klimakonferenz in Mexiko sei der Abschluss eines Klimavertrags ungewiss, sagte Merkel. Der Weg zu einem Abkommen sei weit.

Er ist noch weiter, als Merkel ahnte. Eine Übereinstimmung deute sich an, glaubte sie noch vor Ihrer Abreise aus Kopenhagen. Zwei Stunden später wurde der "Copenhagen Accord" bereits im Plenum fallengelassen. "Wir können dem nicht zustimmen", sagte etwa der Delegierte Tuvalus.

So scheint es an der Zeit, neue Möglichkeiten des Klimaschutzes auszuloten. Viele Länder seien nicht gewillt, Probleme global zu lösen, hat Angela Merkel festgestellt. Also bleiben wohl nur lokale Lösungen: Eine Vervielfachung der Forschungsinvestitionen in alternative Energien etwa könnte bedeutende technologische Fortschritte bringen. Das Geld wäre anscheinend da, denn vorgesehene teure Klima-Transferzahlungen bleiben mangels eines Klimavertrags nun aus. Gäbe es billige grüne Energie, wären fossile Brennstoffe nicht mehr attraktiv, auch nicht für aufstrebende Schwellenländer. Der Treibhausgas-Ausstoß wäre eingedämmt. Wie die Finanzierung mobilisiert wird, könnte ein neuer - kleiner - Klimaschutz-Prozess ermitteln. Der globale Ansatz ist heute jedenfalls gescheitert.

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