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Am 23.10.4004 v. Chr. schuf Gott die Welt

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, heißt es in der Bibel. Das nehmen Kreationisten wörtlich. Im Jahr 4004 vor Christus, so glauben sie, hat Gott die Welt erschaffen. Evolution? Gibt es nicht. Wissenschaftler laufen Sturm, doch der Kreationismus findet immer mehr Anhänger - auch in Deutschland.

Am Anfang stand nicht eine einzelne Zelle, aus der sich in Jahrmilliarden durch die Evolution alle Pflanzen und Tiere entwickelten. Am Anfang stand Gott, und er schuf Himmel und Erde - sprich: unseren Planeten, der demzufolge nicht 4,6 Milliarden, sondern lediglich 6000 Jahre alt ist. Und er schuf Bakterien, Insekten, Dinosaurier, Mammuts und Menschen - innerhalb von sechs Tagen.

Das glauben die Kreationisten und bestreiten die von Charles Darwin entwickelte wissenschaftliche Evolutionstheorie, nach der sich das Leben auf der Erde ohne höheres Eingreifen in Jahrmilliarden zu seiner heutigen Form entwickelt hat. Entstanden ist der Kreationismus aus dem protestantischen Fundamentalismus, wie er vor allem in den USA verbreitet ist.

Es gibt Kurz- und Langzeit-Kreationisten

Unter den Kreationisten gibt es zahlreiche verschiedene Strömungen. Am extremsten sind die Kurzzeit-Kreationisten, die basierend auf der Schöpfungsgeschichte der Bibel den Standpunkt vertreten, dass Gott die Erde und das Leben am 23. Oktober 4004 v. Christus erschaffen hat.

Langzeit-Kreationisten vertreten einen gemäßigteren Standpunkt. Sie glauben zwar, dass die Erde zwar Milliarden Jahre alt ist und nicht alle Tier- und Pflanzenarten gleichzeitig entstanden. Dennoch lehnen auch sie die Idee der Evolution ab. Alle Arten, so wie sie sind, seien durch direkte göttliche Schöpfungsakte entstanden.

lub/DPA/AP/Reuters

Woher stammt der Kreationismus?

Der Kreationismus entstammt dem protestantischen Fundamentalismus, wie er vor allem in den USA verbreitet ist. Seine Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert.

Der kürzlich verstorbene Henry M. Morris war einer der Begründer des gegen die Evolutionslehre gerichteten Kreationismus. Der aus Texas stammende Morris schloss sich mit Anfang 20 einer christlichen Gruppe an, die alles, was in der Bibel steht, wörtlich nahm. 1961 schrieb er zusammen mit dem Theologen John C. Whitcomb das Buch "The Genesis Flood" (Die Sintflut), in dem er versuchte, alttestamentarische Geschichten wissenschaftlich zu belegen. So führte er das derzeitige Aussehen der Erde auf die Folgen der biblischen Sintflut zurück.

Das Buch ist bis heute 250.000 Mal verkauft worden und machte Morris zum "Vater der Schöpfungswissenschaft". Es hatte großen Einfluss auf die Entstehung der kreationistischen Bewegung in den USA. Diese bestreitet, dass sich der Mensch aus anderen Arten entwickelt hat, und verlangt, dass in amerikanischen Schulen die biblische Schöpfungsgeschichte gleichberechtigt neben der Evolutionslehre berücksichtigt wird.

Kreationismus und "Intelligent Design"

Der eher altmodische Kreationismus wird heute fast nur noch im "Bibelgürtel" (Bible Belt) der USA, einem knappen Dutzend Bundesstaaten von Texas bis Virginia, verfochten. Aus ihm entstand in den 90er Jahren die Theorie vom "Intelligenten Design". Ihre Anhänger sind als "Neo-Kreationisten" oder "Neo-Kreos" bekannt und vereinzelt in Forscherkreisen zu finden.

Die "Neo-Kreos" distanzieren sich ausdrücklich von den üblichen Kreationisten. Sie streiten nicht ab, dass die Erde Milliarden Jahre alt sein kann und dass evolutionäre Prozesse stattgefunden haben könnten. Doch ihrer Überzeugung nach ist das Leben auf der Erde zu komplex, als dass es allein aufgrund des Prinzips von Mutation und Selektion entstanden sein könnte. Sie glauben an eine zielgerichtete Leitung evolutionärer Prozesse durch einen "intelligenten Designer". Das Wort "Gott" nehmen die neuen Kreationisten selten oder nie in den Mund.

Zu ihren Wortführern gehören der Rechtsprofessor Phillip E. Johnson, der Biochemiker Michael J. Behe, der Mathematiker William A. Dembski und der Philosoph Alvin Plantinga.

Wie steht die Kirche zum Kreationismus?

Die großen Kirchen lehnen den Kreationismus ab. Auch Papst Johannes Paul II erklärte 1996, dass die Evolutionstheorie mit der Doktrin der Römisch Katholischen Kirche vereinbar sei.

Wie steht die US-Regierung zum Kreationismus?

Der konservative Flügel der Republikaner hat den Kreationismus seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Teil ihres Programms gemacht, um Unterstützung in den traditionell konservativeren Staaten des Südens und des Mittleren Westens zu erhalten.

Präsident George W. Bush, nach eigenem Bekunden ein tief religiöser Christ, hatte sich dafür ausgesprochen, Schüler auch über "Intelligentes Design" zu unterrichten. "Beide Seiten sollten gelehrt werden, damit die Leute verstehen, worum es geht... Es ist Teil der Ausbildung, die Schüler verschiedenen Denkschulen auszusetzen", sagte Bush.

Kreationismus in Deutschland

Nach einer Untersuchung von amerikanischen und japanischen Wissenschaftlern befürworten in Deutschland nur rund 70 Prozent die Evolutionslehre Darwins.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Emnid im Auftrag des Magazins "ZeitWissen" aus dem Jahr 2006 glaubt jeder zweite Deutsche, dass eine höhere Macht die Erde erschaffen hat. Emnid hatte 1003 Bundesbürger ab 14 Jahren befragt.

Ein Drittel glaubt nicht an die Evolutionstheorie

Ganz besonders hoch liegt der Anteil dabei mit 63 Prozent im katholisch geprägten Bayern. Im Osten der Bundesrepublik glauben dagegen nur 35 Prozent an eine höhere Macht, die für das Leben auf der Erde verantwortlich ist.

Fast jeder Dritte (29 Prozent) glaubt nicht an die Evolutionstheorie, wonach Affen und Menschen die gleichen Vorfahren haben. Selbst bei den Befragten mit Abitur war das noch jeder Fünfte. In der Altersgruppe zwischen 50 und 59 Jahren glaubten sogar 41 Prozent nicht an den aktuellen Forschungstand in den Naturwissenschaften.

Hessische Kultusministerin will Schöpfungsgeschichte auch im Biologie-Unterricht

Nach Darstellung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wird der Kreationismus in Deutschland vor allem von der Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" propagiert, die dazu auch ein - von den Kultusministerien allerdings nicht anerkanntes - Schulbuch veröffentlicht hat.

In jüngster Zeit sorgte Hessens Kultusministerin Karin Wolff für Schlagzeilen. Die frühere Lehrerin für evangelische Religion von "erstaunlichen Übereinstimmungen" zwischen den Fakten der Evolutionslehre und der symbolischen Darstellung der biblischen Schöpfungsgeschichte gesprochen. Der Biologie-Unterricht solle nach Ansichts Wolffs auch die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis behandeln und philosophisch- theologische Fragen aufwerfen.

Kreationismus in der Schule

In den USA hatten Gerichte vor einiger Zeit entschieden, dass Kreationismus im Schulunterricht nichts zu suchen habe. Das verstoße gegen die von der Verfassung garantierte Trennung von Staat und Kirche.

Verfechter des "Intelligent-Design"-Konzepts streben jedoch eine gerichtliche Anerkennung ihrer Lehre an. In zahlreichen US-Bundesstaaten haben Schulbehörden Aufkleber auf Biologiebüchern angeordnet, in denen die Evolutionslehre in Zweifel gezogen wird.

"Intelligent-Design"-Vertreter scheiterten in zwei Bundesstaaten

In den US-Bundesstaaten Pennsylvania und Georgia scheiterten amerikanische "Neo-Kreationisten" jedoch mit ihrem Vorstoß, das Konzept des "Intelligenten Designs" parallel zur Evolutionstheorie an Schulen durchzuboxen. Im Fall von Dover (Pennsylvania) entschied ein Richter, der der republikanischen Partei angehört und von US-Präsident George W. Bush ins Amt gehoben worden war, dass "Intelligentes Design" nur in einem Wahlfach unter anderen religiösen Ansätzen vorgestellt werden darf.

Ein Schulbezirk in Dover hatte die Kreationismus-Theorie in den Lehrplan für 14-Jährige genommen. Danach sollten die Biologielehrer einen Text vorlesen, der die Evolutionslehre nach Charles Darwin als unbewiesene Theorie bezeichnet und den Schülern nahe legt, dass das Leben auf der Erde auch von einer höheren Macht geschaffen worden sein könnte. Eltern hatten dagegen geklagt.

Hessische Kultusministerin sorgt für Schlagzeilen

In Deutschland hatte in jüngster Zeit Hessens Kultusministerin Karin Wolff für Schlagzeilen gesorgt. Die frühere Lehrerin für evangelische Religion von "erstaunlichen Übereinstimmungen" zwischen den Fakten der Evolutionslehre und der symbolischen Darstellung der biblischen Schöpfungsgeschichte gesprochen. Der Biologie-Unterricht solle nach Ansichts Wolffs auch die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis behandeln und philosophisch- theologische Fragen aufwerfen.

In Deutschland wird der Kreationismus vor allem von der Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" propagiert, die dazu auch ein - von den Kultusministerien allerdings nicht anerkanntes - Schulbuch veröffentlicht hat.

Kreationismus und Wissenschaft

Zahlreiche wissenschaftliche Vereinigungen lehnen den Kreationismus und "Intelligent Design" ab. Der weltgrößte Verband von Wissenschaftlern American Association for the Advancement of Science (AAAS) hat Gesetzesvorlagen gegen die Verbreitung der Evolutionslehre in mehreren US-Bundesstaaten angeprangert. Dem amerikanischen Forscherverband gehören Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen an.

Der Vorstand des Verbandes protestiere gegen den "Anschlag auf die Integrität von Wissenschaft und Wissenschaftslehre" - Schülern, denen der Unterricht in der Evolutionslehre versagt werde, mangele es automatisch an einem grundlegenden Verständnis in Biologie, Physik sowie Geologie.

In Deutschland hat die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften zusammen mit 66 Partnerorganisationen weltweit dem Kreationismus eine Absage erteilt. Die Lehre vom Ursprung des Lebens müsse auf wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen beruhen, forderten die Akademien in einer gemeinsamen Erklärung.

Kreationismus in anderen Ländern

US-amerikanische und japanische Forscher hatten 2006 im US-Fachblatt "Science" die Zustimmung zur Evolutionstheorie in 34 Ländern untersucht.

Demnach finden sich die meisten Befürworter von Darwins Evolutionstheorie finden sich in Island, Dänemark, Schweden und Frankreich, die mit 80 Prozent Zustimmung oder mehr die Rangliste anführen. Deutschland liegt mit 70 Prozent auf Platz zehn.

Lediglich in der Türkei sei man für eine wissenschaftliche Erklärung der menschlichen Herkunft noch weniger aufgeschlossen als in den USA, wo nur vierzig Prozent die Evolutionslehre befürworten.

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