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Vom Labor in den Stall

Die Maul- und Klauenseuche (MKS) in Südengland ist wahrscheinlich aus einem Labor auf die Kühe eines benachbarten Bauernhofs übergesprungen. stern.de sprach mit dem Leiter des Friedrich-Löffler-Instituts, Thomas Mettenleiter, darüber, wie es dazu kommen konnte.

Herr Mettenleiter, in Pirbright gibt es zwei Labore, die mit dem MKS-Virus arbeiten: das Institut for Animal Health (IAH) und den unmittelbar benachbarten Tiermedizin- und Impfstoff-Hersteller Merial, an dem die Pharmaunternehmen Merck&Co sowie Sanofi-Aventis beteiligt sind. Kennen Sie diese Einrichtungen?

Ich kenne das Labor des IAH von verschiedenen Besuchen, aber nicht das von Merial. Beides sind sehr erfahrene Institutionen. Das IAH ist Weltreferenzlabor für Maul- und Klauenseuche und auch Merial arbeitet seit vielen Jahrzehnten an Impfstoffen gegen die Maul- und Klauenseuche.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass ein renommiertes staatliches Forschungslabor praktisch auf dem gleichen Gelände mit einem privaten Pharmaproduzenten liegt und mit diesem eng kooperiert?

So merkwürdig ist das nicht. Wir haben hier gegenüber der Ostsee-Insel Riems auf dem Festland ebenfalls einen Hersteller von Tiermedizin in unmittelbarer Nachbarschaft zum Friedrich-Löffler-Institut (FLI), die Riemser Arzneimittel AG. Mit dieser Firma kooperieren wir von Fall zu Fall. Der Vorteil ist, dass dabei der Erfahrungsaustausch und der Technologietransfer besonders schnell und effektiv vonstatten gehen können, beispielsweise bei der Entwicklung von Impfstoffen. Das staatliche Labor macht die Grundlagenforschung und die Firma sorgt für die marktreife Entwicklung von Medikamenten.

Wie könnte das Virus aus einem der beiden Labors nach draußen gelangt sein? Gab es möglicherweise ein Freilandexperiment, wie teilweise spekuliert wird?

Ein Freilandexperiment gab es sicherlich nicht. Das würde keinen Sinn machen und wäre zudem bodenloser Leichtsinn. Wie immer bei solchen Fällen spielen zwei Faktoren die Hauptrolle: technische Fehler und menschliches Versagen. Diese beiden Möglichkeiten gilt es jetzt genau unter die Lupe zu nehmen. Weder die Technik noch der Mensch sind vollständig kontrollierbar. Trotz der besten Maßnahmen bleibt immer ein gewisses Restrisiko. Hundertprozentige Sicherheit gibt es einfach nicht.

Könnte das MKS-Virus durch den Wind vom Forschungsgelände in Pirbright auf die Weiden des wenige Kilometer entfernten Bauernhofs bei Wanborough verweht worden sein?

Im Prinzip kann der MKS-Erreger über den Wind verbreitet werden. Zum Teil auch über weitere Distanzen, das können schon zehn Kilometer und mehr sein. Doch um auf die Weiden zu gelangen, muss es erst einmal aus einem Sicherheitsbereich nach draußen gelangen. Und ich kann im Moment aus der Distanz beim besten Willen nicht sagen, welche Schwachstellen dabei in Frage kommen.

Unter welchen Sicherheitsbedingungen wird in den beiden Labors in Pirbright gearbeitet? Sind die Standards identisch mit denen des FLI?

Die Standards sind identisch und entsprechen einem der höchsten Sicherheitsstandards im veterinärmedizinischen Bereich. Es gibt zahlreiche mehrfache Absicherungen: Das ganze Gebäude steht unter Unterdruck. Die Abluft wird über doppelte Hochleistungsschwebstofffilter geleitet, in denen Bakterien und Viren hängen bleiben. Man kommt aus dem Gebäude nur wieder heraus, wenn man sich einem kompletten Kleidungswechsel und gründlichem Abduschen mit Seife und mildem Desinfektionsmittel unterzieht. Material verlässt das Gebäude nur nach einer Hitzebehandlung oder einer chemischen Desinfektion. Wenn alle technischen Maßnahmen greifen und die speziell ausgebildeten Mitarbeiter alle Vorschriften befolgen, dürfte eigentlich nichts durchschlüpfen. Das ganze System wird zudem regelmäßig von der EU-Kommission und von staatlichen Stellen überprüft.

Um welchen Sicherheitslevel handelt es sich bei der Arbeit mit dem MKS-Erreger?

Es handelt sich um einen Biosicherheitslevel (BSL) der Kategorie 3 mit zusätzlichen Auflagen. Wir haben das früher auch als 'BSL3+' oder 'L4vet' bezeichnet. Das ist eine Stufe unterhalb der strengsten Sicherheitsmaßnahmen wie sie bei der Arbeit mit für den Menschen gefährlichen Erregern üblich sind. In diesem Fall sind zusätzlich ein Atemschutzhelm und ein luftdichter Schutzanzug erforderlich. Darauf kann man jedoch verzichten, wenn die Viren wie bei der MKS für den Mensch weitestgehend ungefährlich sind. Der Schutz der Umwelt ist bei dieser Sicherheitsstufe aber genauso hoch wie bei den Hochsicherheitslabors der Stufe 4.

Möglicherweise ist das MKS-Virus bei der Impfstoffherstellung ausgebüchst. Wie wirkungsvoll sind die derzeitigen Impfstoffe gegen Maul- und Klauenseuche? Und warum werden sie nicht vorbeugend eingesetzt?

Es gibt Impfstoffe auf der Basis von inaktivierten Viren, wie sie beispielsweise auch die Firma Merial in Pirbright herstellt. Diese dürfen aber innerhalb der EU nur im schlimmsten Fall als Notimpfungen eingesetzt werden, weil die Tierbestände hier frei von MKS-Antikörpern sind. Und das soll auch so bleiben. Denn nur so lässt sich die Einschleppung des Erregers möglichst schnell erkennen. Außerdem gibt es keine sterile Immunität, das heißt, die Tiere können auch nach der Impfung noch infiziert werden. Bei geimpften Rindern, Schweinen, Schafen oder Ziegen bestünde deshalb das Risiko, dass sie unerkannte Viren in sich tragen und diese hochinfektiöse Krankheit weiter verbreiten. Das Keulen infizierter Bestände ist daher die vordringlichste Maßnahme, MKS einzudämmen. Falls die Seuche aber droht außer Kontrolle zu geraten, können Notimpfungen eingesetzt werden.

Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass es in England zu einem ähnlich verheerenden Ausbruch der Seuche kommt wie vor sechs Jahren?

Nach den Informationen, die ich bisher aus England erhalten habe, ist das derzeit eher unwahrscheinlich. Das Auftreten der Seuche wurde offenbar, im Gegensatz zu 2001, rasch erkannt. Die Behörden haben sehr schnell reagiert und mit etwas Glück lässt sich das Problem in der Region um Pirbright eindämmen.

Der betroffene Viehzüchter in Wanborough hat offenbar sehr frühzeitig bemerkt, dass mit seinen Rindern etwas nicht stimmt. Welche äußeren Symptome sprechen für die Maul- und Klauenseuche?

Das sind vor allem entzündliche Veränderungen im Maulbereich und am oberen Saum des Hufes. Es kann zu Rötungen und Aphthen kommen. Die Tiere fressen dann meist schlechter und lahmen.

Der auf dem südenglischen Bauernhof gefundene MKS-Erreger kommt seit vielen Jahren nur noch in Labors vor. Das ist der Hauptgrund weshalb die Forschungseinrichtungen als Verursacher des Ausbruchs so rasch in Verdacht gerieten. Handelt es sich bei dem Virus vom Typ O1 BFS67 um ein abgeschwächtes Virus?

Nein, das ist ein Erreger, der aus einem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in England aus dem Jahre 1967 stammt und seither in der Forschung und bei der Impfstoffherstellung genutzt wird. Der aktuelle Fall zeigt, dass diese Viren immer noch hochpathogen sind.

In welchen deutschen Labors arbeiten Wissenschaftler mit dem MKS-Erreger?

In Deutschland gibt es nur zwei Stellen. Das sind einmal wir hier auf der Insel Riems und zum zweiten eine Produktionsstätte der Firma Intervet in Köln.

Besteht für deutsche Viehbestände derzeit reale Gefahr?

Was an Tierlieferungen in den letzen vier Wochen aus Großbritannien nach Deutschland kam, ist sehr überschaubar. Wir untersuchen gegenwärtig all die MKS-empfänglichen Nutztiere, die von dort stammen. Bislang verliefen alle Tests negativ. Keines der Tiere zeigt außerdem irgendwelche Symptome, die auf MKS hinweisen, so dass wir momentan keine erhöhte Gefährdung sehen.

Professor Thomas C. Mettenleiter ist Präsident der Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere, die unter dem neuen Namen Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostsee-Insel Riems ihren Hauptsitz hat. Der 50-jährige Molekularbiologe und Virologe ist Mitglied in mehreren wissenschaftlichen Beiräten und seit 1996 Leiter der Bundesbehörde

Interview: Rüdiger Braun
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