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Die Magie des Gesteins

Das Land, das wir Deutschland nennen, wurde in Milliarden Jahren immer wieder zerrissen, aufgefaltet, überflutet und neu zusammengefügt. An manchen Orten sind die Dramen der Erdgeschichte bis heute sichtbar - eine Reise zu Deutschlands Nationalen Geotopen.

Von Axel Bojanowski

Südlich von Dresden beginnt ein Märchenland. Schroffe Felssäulen ragen 500 Meter in die Höhe, an ihren Spitzen hängt Nebel. Schlanke Birken krallen sich an die Steilwände. Unten im Tal gurgeln kristallklare Bäche durch dämmrige Schluchten, wuchert Farn auf Geröllhaufen und mannshohen Findlingen - die Sandsteinformation Bastei in der Sächsischen Schweiz zählt zu den spektakulärsten Naturwundern Deutschlands. Jährlich reisen zweieinhalb Millionen Besucher hierher, um auf schmalen Brücken von Felsnadel zu Felsnadel zu steigen und durch die wilden Canyons zu wandern. Und seit das Elbsandsteingebirge zum "Nationalen Geotop" erklärt wurde, kommen außer Naturfans und Panorama-Liebhabern auch immer mehr Menschen, die sich für die Geologie des Ortes begeistern.

Geotope - auf den ersten Blick mögen das Ansammlungen bizarr geformter Steine sein. Doch wer genauer hinsieht, kann aus stummem Fels die dramatischsten Kapitel der Erdgeschichte herauslesen, vor allem an den 77 Orten in Deutschland, die die Akademie der Geowissenschaften in Hannover im Mai vergangenen Jahres zu "Nationalen Geotopen" erklärt hat (siehe Karte Seite 72). Sie vermitteln eine Ahnung von den ungeheuren Kräften, die früher auf die Erdoberfläche gewirkt haben: Immer wieder wurde das Land, das heute Deutschland ist, zerrissen, zu Gebirgen aufgefaltet, abgeschliffen, von Meeren überspült, von Asteroiden getroffen und neu zusammengefügt. Pflanzen und Tiere mussten sich dem ständigen Wandel unterwerfen - manche Arten überlebten, andere starben aus. Als Fossilien haben sie ihre Spuren hinterlassen. Kein Zweifel: Steine können erzählen.

Die Geschichte, von der sie zeugen, beginnt vor etwa 4,6 Milliarden Jahren, als sich glühende Gesteinsbrocken zu einem Planeten ballten. In den folgenden Milliarden Jahren geschieht, was mit menschlicher Vorstellungskraft kaum zu fassen ist: Die Erde bekommt ihr Gesicht. Gase aus ihrem Inneren bilden eine Atmosphäre, brodelndes Urgestein kühlt zu einer festen Kruste aus, und eine gewaltige Sintflut lässt den Urozean anschwellen. Irgendwann schweben darin die ersten Einzeller.

Die Steinerne Agnes

Dann, vor 542 Millionen Jahren, entwickelt sich das Leben im Meer plötzlich zu einer ungeheuren Artenvielfalt: Schneckenartige Weichtiere, grotesk aussehende Gliederfüßer, gepanzerte Fische und bis zu zwei Meter lange Seeskorpione durchstreifen den Ozean. Das Land, das später Deutschland bilden wird, befindet sich zu dieser Zeit südlich des Äquators und wird in der Mitte von einem subtropischen Meeresarm durchtrennt, einem Vorläufer des Mittelmeers. Dort, wo Köln liegen wird, plätschert damals eine Lagune.

Die Reste eines vorgelagerten Riffs aus dieser Zeit stehen heute mitten im Wald bei Bergisch Gladbach. Es ist der Geotop im Tal der Schlade, in dem der Besucher auf einem Lehrpfad von der früheren Brandungszone durch das zentrale Riff bis zur Lagune spazieren kann. Der Meeresboden und die Kalkwände des Riffs sind gespickt mit fossilen Muscheln, Schwämmen und Hohltieren - die Einheimischen nennen die uralten Versteinerungen von Schwämmen wenig ehrfürchtig "Nudelsalat".

Auch weiter südlich, im Lattengebirge bei Berchtesgaden, wandert man über ehemaligen Meeresboden. Nach einem steilen Aufstieg von Bischhofswiesen hinauf in die Berge taucht in 1300 Meter Höhe die Steinerne Agnes auf: eine schlanke, zehn Meter hohe Säule aus Dolomitstein, den Wind und Wetter zu einer Frauengestalt mit Hut geschliffen haben. Das Gestein der berühmten Landmarke und der gesamten Berchtesgadener Alpen entstand vor rund 220 Millionen Jahren, als Bayern noch von einem tropischen Flachmeer bedeckt war. Darin jagten krokodilähnliche Meeressaurier nach Fischen und schweinegroßen Wesen, den Vorfahren der Säugetiere. In den folgenden Jahrmillionen lagert sich Kalkschlamm im warmen Meerwasser ab, der sich mit der Zeit zu Kalkstein verfestigt. In den vom offenen Meer abgeschnittenen und sehr salzhaltigen Lagunen wird das Calcium durch Magnesium ersetzt, dort bildet sich Dolomitgestein, das sich mehr als 2000 Meter hoch auftürmt.

Auf den Fährten der Dinosaurier

Während so die späteren Bayerischen Alpen entstehen, bekommt der Superkontinent Pangaea, der damals alle Landmassen der Erde vereint, seine ersten großen Risse. Gewaltige Strömungen des Erdmantels reißen in der Folgezeit Nordamerika und Europa auseinander. Die Lücke füllt der Atlantik.

Durch den Zerfall Pangaeas entstehen unterschiedliche Lebensräume mit eigener Pflanzenwelt. Die Dinosaurier passen sich den neuen Bedingungen an und sind während der Kreidezeit, die vor 145 Millionen Jahren beginnt, die unbestrittenen Herrscher der Erde. Inzwischen haben Forscher weltweit 800 verschiedene Arten identifiziert. Vor allem die Familie der pflanzenfressenden Sauropoden bringt riesenhafte Wesen hervor wie den 45 Meter langen, acht Meter hohen und 100 Tonnen schweren Argentinosaurus - das vermutlich größte Landtier aller Zeiten.

Eine Gruppe von Sauropoden ist es auch, die vor 140 Millionen Jahren durch eine Lagune im heutigen Niedersachsen stapft und tiefe Fußabdrücke im Schlamm hinterlässt. In Münchehagen bei Hannover sind die 256 versteinerten Fährten noch zu sehen - jeder einzelne Tritt so groß, dass ein Kleinkind sich hineinlegen könnte. Der Geotop wurde mit einer Halle überbaut, um sowohl die Saurierfährten als auch die Touristen vor der niedersächsischen Witterung zu schützen. Im angrenzenden Freilichtmuseum stehen lebensgroße Modelle der Dinos, und wer Entdecker spielen will, kann in einer Sandgrube eigenhändig ein 25 Meter langes Skelett ausgraben.

Die sächsische Schweiz entsteht

Der Vormarsch der Dinosaurier ist noch lange nicht beendet, als vor 100 Millionen Jahren der Meeresspiegel weltweit ansteigt. Große Gebiete Mitteleuropas werden überflutet, auch das heutige Elbegebiet zwischen Erzgebirge und Lausitz. Feiner Quarzsand, von den Flüssen herangetragen, sammelt sich am Meeresgrund. Durch den Druck nachfolgender Schichten entsteht eine Hunderte Kilometer lange, 400 Meter dicke Sandsteinplatte. Als sich das Meer gegen Ende der Kreidezeit wie- der zurückzieht, schleifen die Vorgänger der Elbe und deren Nebenflüsse tiefe Schluchten in den Sandstein und zerlegen ihn in schroffe Blöcke. So entstehen die turmartigen Tafelberge der Sächsischen Schweiz und auch die Felsnadeln, Säulen und Zinnen der Bastei. Der Sandstein der Sächsischen Schweiz ist weithin bekannt: Das Brandenburger Tor in Berlin, der Meißner Dom und auch die Dresdner Frauenkirche wurden aus dem urzeitlichen Baumaterial errichtet.

Vor 65 Millionen Jahren bricht dann eine Katastrophe über den Planeten herein: Die Kreidezeit endet mit einem globalen Massensterben, drei Viertel aller Tier- und Pflanzenarten werden ausgelöscht - Meeressaurier, Flugechsen, Ammoniten, viele Algen und Einzeller. Auch die Dinosaurier verschwinden von der Erde. Heute streiten Wissenschaftler darüber, was der Auslöser war. Ein zehn Kilometer großer Asteroid, der auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán einschlug? Oder massenhafte Vulkanausbrüche an der indischen Kontinentalplatte, die die Erdatmosphäre vergifteten? Sicher ist, dass das Klima zu dieser Zeit schnell abkühlt und die Flachmeere austrocknen. Nur anpassungsfähige Tierarten können in der neuen Umgebung überleben - die Zukunft gehört den Säugetieren.

Vor 47 Millionen Jahren bevölkern Maulwürfe, Fledermäuse, Vögel und Halbaffen auch den subtropischen Urwald Deutschlands. Das Land ist inzwischen durch die Kontinentaldrift nordwärts gerückt und liegt nun auf der Höhe des heutigen Mittelmeers. Zwischen dem späteren Frankfurt am Main und Darmstadt hat sich in einem Vulkankrater ein See angestaut, in dem organische Partikel und Algen einen sauerstofflosen Faulschlamm bilden. Was immer in diese Brühe fällt, wird für Millionen von Jahren perfekt konserviert. So kommt es, dass die Grube Messel heute zu den sensationellsten Fossilienstätten der Welt zählt. Mehrere 10.000 Pflanzen und Tiere haben Forscher aus dem Schiefergestein geklopft, darunter ein fuchsgroßes Urpferdchen mit Fötus im Leib und eine Riesenschlange, die ein Krokodil verschlugen hat. Die bedeutendsten Funde lagern im Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt. Doch nur wer sich von einem Paläontologen durch den Matsch des Geotops lotsen lässt (Gummistiefel nicht vergessen!), kann einen direkten Blick in die Urzeit werfen. Ab Anfang Mai, wenn die Grabungen in der Schiefergrube beginnen, sieht man den Wissenschaftlern dabei zu, wie sie mit fast jedem Spatenstich seltsam fremde Wesen freilegen.

Die Vulkanseen der Eifel

Eine Schatzkammer ganz anderer Art verbirgt sich 800 Meter tief unter der Erde im Kalibergwerk Merkers in Thüringen. Dort ist eine Grotte mit riesigen Salzkristallen bewachsen. Milchig glänzende Würfel, so groß wie Schuhkartons, reihen sich an meterlange Sporne und kantige Säulen. Diese Zauberwelt entsteht vor 15 Millionen Jahren, als sich die Alpen unter dem Druck der afrikanischen Platte auffalten. Die enormen Spannungen lassen weiter nördlich eine Kette von Vulkanen ausbrechen, die flüssiges Gestein an die Oberfläche treiben. Durch Risse und Spalten dringt nun Wasser in unterirdische Salzschichten. Die gelösten Natrium- und Magnesiumsalze sammeln sich in einem hallengroßen Hohlraum und erstarren dort zu dem kristallenen Naturkunstwerk.

Diesem wohl stimmungsvollsten deutschen Geotop machen allenfalls die malerischen Vulkanseen der Eifel Konkurrenz. Vor 700.000 Jahren setzt im Westen des späteren Deutschland ein heftiger Vulkanismus ein, der die Erde in den folgenden Jahrtausenden mehrmals aufreißt. Insgesamt 75 Krater, Maare genannt, werden in die Landschaft gesprengt, als glühendes Magma durch wasserhaltige Gesteinsschichten nach oben dringt. Zehn Krater füllen sich später mit Grund- und Regenwasser und werden zu tiefblauen Seen. Drei davon, die Dauner Maare, tragen heute das Prädikat "Nationaler Geotop". Sie sind eine Schöpfung der letzten Eiszeit. Mitteleuropa ist damals, vor 20.000 bis 30.000 Jahren, klimatisch deutlich ungemütlicher geworden: Im Norden reichen die Gletscher bis in die Gegend, in der einmal Hamburg liegen wird, im Süden bis zur späteren Region München. Dazwischen breitet sich eine weite Grassteppe aus, durch die Mammuts, Bisons, Wollnashörner und Wildpferde ziehen. Reiche Beute für die frühen Menschenarten, die hier jagen: der evolutionsgeschichtlich ältere Neandertaler und der jüngere Homo sapiens, der erst wenige tausend Jahre zuvor aus Afrika eingewandert ist. Heute führen reizvolle Wanderrouten durch den Vulkan-Geotop; sechs Museen und ein Heer von "Geopark-Rangern", wie sich die Touristenführer hier nennen, erklären die Geschichte der Maare.

Unter der Eifel rumort es bis heute. Dort brodelt in 50 bis 400 Kilometer Tiefe ein Magma-Reservoir, das regelmäßig schwache Erdbeben auslöst. Der Boden um den Laacher See ist bereits in einem Kilometer Tiefe 70 Grad heiß, und aus dem Wasser blubbert Kohlendioxid. Experten sind sich einig, dass die Vulkane in der Eifel wieder ausbrechen werden. "Womöglich vergehen Jahrtausende, es kann aber auch schon in ein paar Monaten so weit sein", sagt der Seismologe Klaus-Günter Hinzen von der Universität Köln. Sein Duisburger Kollege, der Geologe Ulrich Schreiber, fordert sogar, einen Notfallplan für eine Vulkaneruption durchzuspielen. Denn eines ist sicher: Die Erdgeschichte geht weiter. Heute entstehen die Geotope von morgen.

Mitarbeit: Helen Bömelburg/print

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