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Norwegen lässt 2000 Rentiere erschießen - warum das nötig ist

Die norwegische Regierung gibt eine komplette Rentierherde zum Abschuss frei. Der Grund: Sie könnten zur Gefahr für andere Wildtiere werden.

Von Laila Keuthage

Rentiere in freier Wildbahn

Rentiere in freier Wildbahn

Es sind dunkle Zeiten für die norwegische Rentierpopulation. Erst letztes Jahr starben 323 Tiere durch einen Blitzeinschlag auf einer Hochebene. Nun müssen gleich 2000 Rentiere sterben - auf Anordnung der norwegischen Regierung. Die hat jetzt eine ganze Herde zum Abschuss freigegeben.

Chronic Wasting Disease: Die BSE der Hirsche

 2016 wurde ein totes Rentier in Südwestnorwegen gefunden und aufgrund seiner schlechten körperlichen Verfassung obduziert - mit erschreckendem Ergebnis: Es hatte unter der tödlichen Auszehrkrankheit CWD gelitten. Damit wurde der erste Fall der Chronic Wasting Disease in Europa bestätigt. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die der Rinderseuche BSE ähnelt. Sie tritt jedoch eben nicht bei Rindern auf, sondern bei Hirschen, zu deren Familie auch das Rentier gehört. Bisher erkrankten ausschließlich Weißwedel- und Maultierhirsche und Wapitis in Nordamerika und Südkorea. Der Fund in Norwegen war nicht nur der erste CWD-Fall in Europa, sondern auch die erste bestätigte CWD-Erkrankung eines Rentiers. Noch ist unklar, wie der Erreger nach Norwegen gelangte. 

CWD-Ansteckung durch Speichel und Kot

Die Chronic Wasting Disease wird von einem falsch gefalteten Prion, also Eiweißmolekül, verursacht. Das fehlerhafte Prion wird vermutlich durch  oder Speichel ausgeschieden und so von Tier zu Tier übertragen. Gelangt es bis ins Gehirn der Hirsche, können sich die körpereigenen normalen Prionen in einer Art Dominoeffekt auch falsch falten, wodurch das Hirngewebe degeneriert wird. Dort sterben die Zellen nach und nach ab, das Hirn wird löchrig wie ein Schwamm. Erst nach mehreren Monaten zeigen infizierte Tiere die ersten Symptome: Sie magern ab, wirken apathisch, verlieren ihre natürliche Scheu, sind ständig durstig oder laufen zwanghaft durch die Gegend. Als die chronische Auszehrkrankheit letztes Jahr bei dem toten Rentier festgestellt wurde, befürchteten Experten, dass sich längst weitere Tiere angesteckt haben könnten. Wenig später gab es traurige Gewissheit. Zwei Elche und drei weitere Rentiere hatten sich 2016 mit CWD infiziert. 

Panik machte sich breit. Auch Nachbarland Schweden achtet seitdem akribisch auf mögliche Symptome bei Wildtieren. Wenn Elche sich auffällig verhalten, werden ihre Köpfe abgetrennt und  ins Labor geschickt. Doch bisweilen konnten keine Fälle außerhalb Norwegens bestätigt werden.

Über 2.000 Tiere müssen sterben

In den letzten Monaten wurden in Tausende weitere Tiere auf die Auszehrungskrankheit getestet - ohne Befund. Dennoch schätzen Experten das Risiko einer Weiterverbreitung der Seuche in Norwegen und auf das restliche Europa als zu hoch ein und fordern drastische Maßnahmen: Die Herde der betroffenen Rentiere in der Region Nordfjella im westlichen Norwegen soll komplett ausgerottet werden. Die etwa 2200 Rentiere, die zwischen Bergen und Oslo leben, sollen abgeschossen werden, teilte der zuständige Minister für Landwirtschaft und Ernährung mit. Nun wird die Massentötung von Gemeinden und Jägern geplant und vorbereitet.

Eine Übertragung der Chronic Wasting Disease auf den Menschen ist übrigens höchst unwahrscheinlich. Trotzdem sollten Tiere aus betroffenen Gebieten nicht geschossen und verzehrt werden.


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