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BSE - Gefahr gebannt?

Trotz sinkender Fallzahlen beim Rinderwahn halten Experten eine Entwarnung für verfrüht.

Jeden Werktagabend kommen die Kurierfahrer von den Schlachthöfen der Region. Sie bringen Batterien von Plastikdöschen, sicher verpackt in Schaumstoffpaletten. Mitarbeiter des Tierärztlichen Institutes der Uni Göttingen nehmen die eilige Fracht in Empfang und untersuchen im Labor den Inhalt jedes einzelnen Behälters: Hirn von Rindern, die an diesem Tag geschlachtet wurden. Die Analyse zeigt, ob das Gewebe BSE-Prionen, die Auslöser des Rinderwahns, enthält. Nur wenn das auszuschließen ist, darf am nächsten Tag das Fleisch auf den Markt.

Etwa 300 Proben bearbeiten die Göttinger jede Nacht - dabei sind sie nur eine von Dutzenden BSE-Test-Stellen in der Republik. Hirne von mehr als zweieinhalb Millionen Kühen, Stieren und Ochsen werden hierzulande jährlich untersucht - alle mehr als 24 Monate alten Rinder, die zu Steaks und Rouladen, Sauerbraten und Gulasch werden sollen. Bislang wurden die Labors in diesem Jahr 29-mal fündig. Seit dem Jahr 2000, als die BSE-Untersuchungspflicht eingeführt wurde, entdeckten die Fahnder 386 erkrankte Tiere.

Die Tests sind eine von mehreren Sicherungsmaßnahmen, die die Angst der Menschen hat verfliegen lassen, sich mit dem tödlichen Erreger zu infizieren. Der Rindfleischverzehr, der vor fünf Jahren dramatisch abgesackt war, nachdem die erste deutsche Kuh mit BSE entdeckt wurde, ist längst wieder auf das alte Niveau geklettert. Fast 13 Kilo pro Jahr futtert der Bundesbürger derzeit genüsslich.

In Sicherheit wähnen die Deutschen sich vor allem auch, weil die Seuche deutlich auf dem Rückmarsch ist - hierzulande sind die Fallzahlen der vergangenen Jahre nur etwa noch halb so groß wie in den Rekordjahren 2001 und 2002. So fordern Bauern und manche Politiker die Reduzierung der Schutzmaßnahmen. Sie wollen eine Lockerung des Tiermehl-Fütterungsverbotes. Und BSE-Schnelltests soll es nur noch für Tiere geben, die älter als 30 Monate sind - wie von der EU gefordert.

Selbst in England,

dem Ursprungsland des Rinderwahns, ist seit wenigen Tagen jenes Gesetz außer Kraft, das verbot, Tiere zu verwerten, die älter als 30 Monate sind. Fortan muss dieses Vieh nur noch auf den BSE-Erreger getestet und darf dann bei negativem Befund verzehrt werden. Hintergrund sind die dortigen stark gesunkenen Fallzahlen. Nachdem Großbritannien in den Neunzigern bis zu 37000 infizierte Tiere jährlich zählte, fanden Veterinäre im vergangenen Jahr nur noch einige hundert.

Auch die Zahl der Menschen, die sich mit Rinderwahn angesteckt haben, sinkt. Die Krankheit, die bei einer Infektion ausbricht, nennen Mediziner vCJK, eine Variante der Creutzfeld-Jacob-Krankheit. Sie beginnt mit Depressionen und Wahnvorstellungen. Es folgen Bewegungs- und Koordinationsstörungen und schließlich ein Verfall der Hirnfunktionen - der Patient stirbt. Bis heute sind in Großbritannien 152 Tote gezählt worden. 2000 waren es 28, im vergangenen Jahr "nur" neun.

In Deutschland ist bisher kein einziger Fall bekannt, obwohl seit zehn Jahren penibel alle Verdachtsfälle untersucht wurden. "Wir hatten einfach viel Glück", sagt Hans Kretzschmar vom Münchner Institut für Neuropathologie, der die Daten überwacht, "vielleicht lag es auch daran, dass wir nur relativ wenig englisches Fleisch eingeführt haben."

Obwohl alles auf Entspannung an der BSE-Front hindeutet, warnen viele Experten vor verfrühten Lockerungsmaßnahmen. Denn für Wissenschaftler ist noch immer vieles rätselhaft an der Seuche. So kennen sie beispielsweise keineswegs alle Übertragungswege. Wenn tatsächlich verseuchtes Futter BSE verursacht, wie können dann Kühe erkranken, die nach dem Fütterverbot von Tiermehl auf die Welt kamen? Und wie lange schon kann ein Tier die Erreger in sich tragen, bevor das Gehirn befallen wird? Sind unter diesen Umständen die Schnelltests, die erst ansprechen, wenn das Zentralnervensystem gravierend geschädigt ist, überhaupt effektiv? Oder entwischen den Kontrolleuren viele kranke Tiere? Und was hat es mit einer geheimnisvollen neuen Form von BSE auf sich, die italienische Wissenschaftler im vergangenen Jahr bei zwei Kühen entdeckten?

Vor allem haben Forscher den Verdacht, dass Menschen die Erreger Jahrzehnte im Körper tragen können und sich erst dann das Krankheitsbild zeigt. Möglicherweise könnten sie in dieser Zeit unbemerkt andere anstecken. Ähnlich wie es zwei Briten erging, die sich bei Bluttransfusionen infizierten - die Spender waren später an vCJK erkrankt. "Die Sache ist noch längst nicht ausgestanden", mahnt Stephen Dealler, Mikrobiologe und BSE-Experte aus dem englischen Burnley.

Auch sein Kollege James Ironside, der im schottischen Edinburgh die vCJK-Erkrankungen auf der Insel überwacht, warnt, es könne eine Zeitbombe ticken. Einige Wissenschaftler befürchten eine zweite Welle von Erkrankungen bei Menschen. "Wegen der langen Inkubationszeiten kann ein paar Jahre lang Ruhe herrschen, und dann kann es weitergehen", sagt der Münchner Hans Kretzschmar.

So hat das Berliner Verbraucherministerium unter Renate Künast standhaft jegliche Begehren abgewehrt, die BSE-Sicherungsmaßnahmen zu lockern. Das wollte man erst dann tun, wenn die Wissenslücken um BSE und vCJK geschlossen sind. Ob unter Horst Seehofer, dem neuen Minister, diese Bastion weiterhin stehen wird, ist fraglich - immerhin war er es, der 1995 als Gesundheitsminister die Einfuhrbestimmungen für britisches Beef gelockert hat.

Horst Güntheroth/print

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