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Fressmaschinen von der Arche Noah

Sie haben die Dinos entstehen und aussterben sehen. Zappelnde Beute ertränken sie, auch Menschen. Salzwasserkrokodile sind die größten, aggressivsten Reptilien der Erde - und geben Forschern noch immer Rätsel auf.

Von Brigitte Zander, Darwin

Das Entsetzen der Besucher ist genau terminiert: Mittags um zwölf schleppt Rueban, Tierpfleger im "Crocodylos Park" in Darwin, einen Eimer voll blutiger Fleischstücke an die Park-Lagune. Der Australier knüpft ein halbes Huhn an einen Seilzug, fährt den Köder über das schlammige Wasser und wartet. Nichts. Urplötzlich schießt ein massiger Panzerkörper in einer Fontäne aus dem Teich; ein aufgerissenes Maul schnappt den Happen und versinkt spurlos in der Tiefe. Nur leicht kräuselt sich die Oberfläche.

Erst jetzt fallen den schaudernden Zuschauern die knorrigen Stücke Treibholz auf, die bewegungslos überall im Wasser liegen. Stachelige braunschwarze Rücken, Maulspitzen, Knorpelwülste mit pflaumengroßen gelben Augen, die den Köder verfolgen. Sie gehören zu Salzwasserkrokodilen, den größten und aggressivsten Reptilien auf der Erde.

Leider seien die "Salties", wie der Tierpfleger sie liebevoll nennt, hier nicht so richtig gierig und beißfreudig, "weil wir regelmäßig Hühner, Schweine, Kängurus, Fische und Krabben ankarren". Aber schließlich schnappen sie doch instinktiv nach den baumelnden Happen. "Wenn ich in die Lagune rutsche, würden mich die Crocs gern zum Dessert verspeisen", grinst Rueban, um die ernste Warnung anzuschließen: "Leute: Vorsicht! Die Artgenossen draußen in der Wildnis haben noch mehr Hunger."

"Crocodile Hunter" mussten den "Saltie" aus dem Pool fischen

Siebzig- bis hunderttausend der sprunggewaltigen Fressmaschinen leben in den Gewässern zwischen Broome und Cairns in Nordaustralien, dem "Crocodile Country". Wobei die Bezeichnung "Salzwasserkrokodil" falsche Sicherheit weckt. Die "Salties" fühlen sich in tropischen Flüssen, Mangrovensümpfen und seerosenüberwucherten Tümpeln zuhause. Als Zwischenstation auf ihren kilometerlangen Überlandmärschen zum nächsten Gewässer machen sie notfalls auch in Swimmingpools Rast. Ein Hotelier in den Kimberleys musste seinen Pool wochenlang sperren, bis professionelle "Crocodile Hunter" den Eindringling herausgefischt hatten. Schlagzeilen machte vor Jahren der tragische Tod eines Models, das beim Baden unter einem Wasserfall von einem Krokodil gefressen wurde.

Weil geschäftstüchtige Krokojäger die Urviecher wegen ihres wertvollen weißen Bauchleders beinahe ausgerottet hätten, wurden sie 1971 weltweit unter Naturschutz gestellt. Seitdem gedeihen die Salzwasserkrokodile und die kleineren, harmloseren Frischwasserkrokodile, "Freshies" genannt, wieder prächtig.

Seine Kiefer umklammerten noch die ertrunkene Leiche

Je mehr die Zahl der Krokodile und der Touristen auf den Spuren von "Crocodile-Dundee" in Nordaustralien wächst, desto häufiger kommen sich beide ins Gehege. Am gefährlichsten: der Beginn der Regenzeit im Oktober-November. Dann sind die wechselwarmen Tiere am beweglichsten, am hungrigsten - und am aggressivsten.

Meist kommen die Schwimmer, Surfer, Bootsfahrer und spielenden Kinder mit Bisswunden und einem Schrecken davon. Nur zwei Dutzend tödliche Unfälle durch "Killer-Crocs" wurden seit 1975 aktenkundig. Ein deutsches Opfer war vor vier Jahren die Studentin Isabel von Jordan aus Tutzing. Nach einem feucht-fröhlichen Abend hüpfte die Urlaubergruppe samt Reiseleiter kurz vor Mitternacht in den nahen Billabong, in dem angeblich nur "Freshies" hausten. Von den acht "Salties" im Wasser ahnte sie nichts. "Wir planschten zehn Meter vom Ufer, als mich unter Wasser etwas stieß, Sekunden später schrie ein Mädchen und verschwand", schilderte einer der Urlauber die Katastrophe. Als Park-Ranger später den 4,61 Meter langen "Man-Eater" ein paar hundert Meter entfernt im See orteten und harpunierten, umklammerten seine Kiefer noch die ertrunkene Leiche.

"Als wäre ein Geländewagen auf dich gefallen"

"Schwimmende Menschen erscheinen einem Krokodil als ideale Beute, nämlich als strampelndes, geschwächtes Tier. Ein Wildschwein vielleicht oder ein kranker Fisch. Und ihren Lärm, besonders die niedrigen Frequenzen von platschenden Schwimmern, hören ihre empfindlichen Ohren aus weiter Entfernung", erklärt der Krokodilforscher Grahame Webb aus Darwin solche Tragödien.

Das Maul mit den Reißverschlusszähnen, die Schildkrötenpanzer wie ein Hühnerei knacken, schnappt mit tonnenschwerer Kraft zu. Bei Bisstests mit einem vier Meter langen Krokodil wurde eine Zuklappwucht von 1650 Kilo gemessen. "Das ist, als wäre ein Geländewagen auf dich gefallen", sagt Webb, Vizepräsident der international tätigen "Crocodile Specialist Group".

Drei Lider pro Auge und ein Magen in Baseballgröße

Krokodile gehören zu den ältesten noch existierenden Lebenswesen der Arche Noah: Die ersten Fossilienfunde sind 240 Millionen Jahre alt. Sie haben die Dinosaurier entstehen und wieder verschwinden sehen, sich selbst aber kaum verändert: Den stromlinienförmigen gepanzerten Körper mit dem langen zahnbewerten Maul besitzen alle 23 Krokodilarten. Das australische Salzwasserkrokodil, auch Leistenkrokodil genannt, ist das größte und schwerste unter ihnen: ein Vier-Meter-Tier wiegt durchschnittlich 240, ein Sechs-Meter-Reptil 900 bis 1100 Kilo.

Die Tiere können im Wasser wie auf dem Land leben und bis zu einer Stunde untertauchen, wobei ihr Herzschlag von 20 auf drei pro Minute sinkt und das sauerstoffreichste Blut nur in lebenswichtige Körperteile wie ins Gehirn gepumpt wird. Die Augen sehen über wie unter Wasser gleich gut; sie sind durch drei Lider geschützt, die auch Reinigungsflüssigkeit, die berühmten "Krokodilstränen", produzieren.

Der Magen erreicht bei einer Drei-Meter-Echse gerade mal Baseballgröße - da passt nicht viel hinein. Daher glaubt man, dass Krokodile den Restkadaver einer großen Beute - auch Menschenteile - für kargere Zeiten verstecken. Wissenschaftlich gesichert ist das nicht. Dafür weiß man aus dem Studium des Mageninhalts toter Tiere, dass Steine als Verdauungshilfe dienen; es wurden auch schon Schrotkugeln, Schrauben und Radioteile gefunden.

Es ist mit einem Schwanzschlag beim Opfer

Notfalls leben die Tiere genügsam: Ein Huhn pro Woche reicht. Doch wenn sie Beute sehen, hören, riechen oder durch die Sensoren am Maul spüren, wird ihr Fressinstinkt abrupt stimuliert. Ihre bevorzugte Jagdstrategie: "Sit and wait". Tiere, die zur Tränke traben, Kinder, die über die Uferböschung rutschen, Camper, die mittags ihr Geschirr im Fluss waschen, beäugt der schuppige Räuber stunden-, auch tagelang, wartet auf einen günstigen Augenblick.

Erst wenn der Erfolg sicher scheint, gleitet das Krokodil unter Wasser heran, taucht mit Nüstern und Augenhöckern geräuschlos auf. Hat es sich zum Angriff entschlossen, ist es mit einem einzigen Schwanzschlag beim Opfer, schnappt zu, sinkt still und schnell wieder unter.

Mit der berüchtigten Todesrolle zerren sie ihre Opfer in die Tiefe

Zappelnde große Mahlzeiten, die nicht gleich durch den Schlund rutschen, werden systematisch ertränkt. Um Esel oder Wasserbüffel am Ufer unter die Oberfläche zu ziehen, geht das Krokodil in die berüchtigte Todesrolle: Während seine Zahnreihen die Beute festhalten wie ein Schraubstock, dreht es sich um die Längsachse - mal ist der weiße Bauch oben, mal die Rückenhöcker. Das Opfer verliert das Gleichgewicht, stürzt, wird drehend immer tiefer ins Wasser gezerrt. Manche entkommen - aber ohne Bein oder mit gewaltigen Fleischwunden.

Die Dozentin Valerie Plumwood aus Sydney hat eine solche Attacke bei einem Kanuausflug erlebt. Sie flüchtete vor dem angreifenden Krokodil in einen Uferbaum. Mit einem Sprung packte das Vieh sie zwischen den Beinen und zog sie aus den Ästen. "Ich wurde herumgeschleudert wie eine Stoffpuppe in einer wild gewordenen Waschmaschine. Immer wieder", erzählt sie später. Dann hielt das Krokodil sie unter Wasser fest, um sie zu ertränken - aber der Fluss war an dieser Stelle relativ flach, sie konnte atmen. In Todesangst hielt sich Plumwood an einer Wurzel fest. Das Biest ließ los, "vielleicht nur, um meinen Körper beim nächsten Zuschnappen besser zu greifen", Plumwood hievte sich über die rettende Uferbank. Vermutlich war das Krokodil durch den Kampf zu ermattet, um zu folgen.

"Ein Mensch kommt schon für ein Dreimeter-Reptil als Beute in Betracht", sagt Grahame Webb. Als genügsame Allesfresser kommen Krokodile aber auch mit Kleinzeug wie Krebsen, Fischen, Schlangen und Enten gut über die Runden. Sie springen bis zur Hälfe ihrer Körperlänge aus dem Wasser, um Vögel und Fledermäuse von überhängenden Zweigen zu reißen. Mit der Größe wächst der Appetit. Ein erwachsenes Krokodil schätzt Kaninchen, Dingos, Kängurus, Rinder und Wasserbüffel.

Süß-sauer mariniert oder als Kebab in rotem Curry eingelegt

Seit dem Jagdverbot werden Krokodile in Farmen gezüchtet. Ein Zentimeter makelloser Bauchhautstreifen ist zehn US-Dollar wert. Der internationale Großhandel macht allein mit der Haut der Tiere jährlich 200 Millionen US-Dollar Umsatz. Ein zwei bis drei Jahre altes Krokodil bringt rund 600 Dollar. Denn von einem Krokodil kann man alles verkaufen: die Zähne, den gepanzerten Rücken, die Klauen, das Fleisch.

Ein Kilo Croc-Fleisch kostet in Delikatessläden 80 australische Dollar (rund 57 Euro). Wer den Fisch-Kalb-Geschmack nicht schätzt, kann die Lenden- und Schwanzstücke süß-sauer marinieren oder als Kebab in rotem Curry einlegen. Kenner wie der Zoologe Adam Britton mögen es am liebsten unverfälscht: "nur mit Salz und Pfeffer".

Kann ihr kleines Gehirn auch logisch denken?

Britton kam vor zehn Jahren nach Darwin, um die Reptilien besser zu studieren. Weil der Umgang mit den Tieren lebensgefährlich ist, blieb bisher vieles unerforscht. Die modernen Krokodilforscher wollen die Geheimnisse der Urviecher lüften: Wieweit bestimmt die Außentemperatur das Verhalten? Wie finden sie in der Trockenheit weit entfernte neue Wasserlöcher? Welche Bedeutung haben die Sensorzellen in ihrer Panzerhaut? Reagieren sie allein aus Instinkt oder kann ihr kleines Gehirn auch logisch denken? Und wie interpretieren Krokodile Geräusche? Im Museum von Darwin steht ein fünf Meter langes ausgestopftes Krokodil namens Sweetheart, das jahrelang die Fischer verschreckte, weil es das Geräusch von Außenbordern offenbar für das Grollen eines feindlichen Männchens hielt und den vermeintlichen Konkurrenten wütend attackierte, meist den Motor zerbiss und das Boot umwarf.

Die meisten Forschungsergebnisse stammen von Farmtieren. Der Crocodylos Park in Darwin ist eine von 15 Farmen im Northern Territory, in denen der bedrohte Nachwuchs behütet aufgezogen wird. Das beginnt schon bei den Eiern, die in Freiheit oft beschädigt oder vom Wasser weggespült werden. Folglich "rauben" Züchter - stangenbewaffnet - wilde Nester aus und stecken die Eier in die Zoo-Brutkästen.

"Krokodile kann man nicht zähmen"

Rund 7000 Jungtiere und erwachsene Krokodile leben im Crocodylos Park. Die größten Exemplare wurden als "Problem-Crocs" eingeliefert - aggressive Reptilien, die schon Menschen angegriffen haben. Weil man sie nicht abschießen darf, werden sie eingefangen und lebenslänglich in den Zoo gesperrt. Victor zum Beispiel. Ein übler Bursche. Fast fünf Meter lang, 450 Kilo schwer. Nachdem er den Fischern im Hafen von Darwin die Netze zerrissen, deren Fische weggeschnappt, und Boote angerempelt hatte, landete er im Käfig Nr. 19, einem hoch eingezäunten Stück Wiese mit Tümpel.

Meist liegt das Ungeheuer lammfromm in seinem Gehege, den Schwanz im Wasserloch. Sein schwarzbrauner Panzer ist demoliert von vielen Rivalenkämpfen, ein Hinterbein fehlt ganz, und an einem Vorderbein die Krallen. Durch seine zu Schlitzen geschlossenen Augen beobachtet Victor die Umgebung. Er kennt seine Futterspender wie Rueban ganz genau: "Wenn ich mit einem Hühnerbein winke und "Hi Vic, food" rufe, kommt er gekrochen." Aber ein guter Freund wie ein Hund wird Vic nie, wissen Parkbetreuer wie Rueban. "Wenn ich meinen Arm hineinhalte, wird er auch danach schnappen. Krokodile kann man nicht zähmen."

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