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Bienenschwarm im Klassenzimmer

Wissenschaftler der Universität Würzburg haben zwei Bienenstöcke verkabelt und mit kleinen High-Tech-Kameras versehen. Dadurch können künftig Schüler den 40.000 Insekten rund um die Uhr beim Arbeiten zuschauen.

Um die Honigbiene kommen Mädchen und Jungen in ihrer Schulzeit nicht herum. In den Lehrplänen stehen die Insekten auch zu recht, schließlich ist ihre Bestäubungsleistung für Pflanzen und damit für den Menschen und die Umwelt unersetzlich - ohne Bienen wenig Blumen, kaum Obst und Gemüse. Doch die wenigsten Kinder werden jemals einen Blick in einen Bienenstock erhaschen.

Wissenschaftler der Universität Würzburg möchten das ändern und haben eine computergestützte Lernplattform für Schüler entwickelt, die die fleißigen Insekten künftig vom PC aus live beobachten können. Elf Schulen, darunter eine Gesamtschule aus Hamburg, ein Gymnasium aus Hösbach bei Aschaffenburg und ein Gymnasium aus München, sind an dem Pilotprojekt namens "Hobos - HOneyBee Online Studies" beteiligt.

Zwei mit ausgeklügelter High-Tech bepackte und verkabelte Bienenstöcke stehen auf dem mit Holz vertäfelten Balkon des Bienenzentrums der Uni Würzburg. Damit Kinder jeder Altersstufe ohne Angst einen Abstecher in das Innere eines Bienenkastens wagen können, haben Bienenforscher Jürgen Tautz und sein Kollege Hartmut Vierle internetfähige Mini-Kameras installiert. Hinzu kommen etliche Sensoren und eine Waage.

Weg vom Frontalunterricht

So können die etwa 40.000 Insekten rund um die Uhr aus sicherer Entfernung vom Bildschirm aus überwacht werden. Die gesammelten Daten sollen über Jahre gespeichert werden. Die Sensoren verraten, wie warm es in dem Stock ist, die Waage, wie schwer er ist. "Weg vom Frontalunterricht mit Büchern", ist nach Vierles Worten eines der Ziele des auf Dauer angelegten Projekts.

Eine besondere Raffinesse: Jedes Insekt ist speziell nach einem noch geheimen Verfahren markiert. So können die Schüler sehen, was zum Beispiel Pollen-Sammlerinnen machen. Per Mausklick haben die Jungen und Mädchen ungeahnte Möglichkeiten, abhängig von der eigenen Kreativität und die ihres Lehrers. Klimadaten, Akustik, Schall, Vibration, Aspekte der Staatenbildung: Für den Zoologen Tautz sind die möglichen Fragestellungen der Nachwuchswissenschaftler nahezu unbegrenzt. "Was machen die Bienen, bevor ein Gewitter losgeht?" Die Antwort darauf wäre eine Neuentdeckung.

Eigene Forscherfragen entwickeln

"Die Schüler finden das absolut faszinierend. Bienen sind per se interessant", sagt der Schulleiter der Hamburger Gesamtschule Lohbrügge, Thorsten Schumacher. Im neuen Schuljahr geht es für 20 Kinder einer 7. Klasse richtig los. "Sie werden sich damit beschäftigen, welche Aufgaben die Bienen im Stock übernehmen und wie der Honig-Ertrag ist", kündigt der Biologielehrer an. Bisher seien die Möglichkeiten, an lebenden Tieren zu lernen, begrenzt. "Notfalls kriegt man mal ein Storchennest mit einer Standbild-Kamera gezeigt." Das Beobachten von Phänomenen wie dem Verhalten der Honigbiene bei Sturm und das Entwickeln eigener Forscherfragen seien ungewohnt, aber didaktisch notwendig.

Diese Form des aktiven Lernens eigne sich sehr gut, beim Schüler eine Forscherhaltung aufzubauen und Arbeitsweisen wie Beobachten zu trainieren, sagt Meike Munser-Kiefer vom Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik II der Uni Erlangen-Nürnberg. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Biene sehr viel hergibt." Biologisch angesichts von Körperbau und Fortpflanzung, sozialwissenschaftlich mit Blick auf den gesellschaftlichen Stellenwert des Imkers, wirtschaftlich, wenn man an die Honig-Produktion denkt. Die Lehrer müssten allerdings bei solchen Projekten darauf achten, dass das Erlernte auch verstanden wird. "Wenn ich verstanden habe, wie ein Bienenstaat funktioniert, kapiere ich den Ameisenstaat auch."

Nach Worten von Wissenschaftler Tautz ermöglicht das Anfang Juni gestartete Projekt das Lernen mit einer Genauigkeit und Tiefe, "wie es auch durch eine direkte Beobachtung nicht möglich wäre." Den Gymnasiasten in Hösbach sind die Insekten nicht fremd, sie haben bereits ein Schul-Bienenvolk. "30 Schüler stehen um den Stock herum, aber nur drei, vier sehen etwas", berichtet Biologielehrer Peter Wamser über das unbefriedigende Szenario. Mit "Hobos" können die Schüler nun über das Internet alle gleichzeitig verfolgen, wann die Sonne aufgeht, wann die ersten Bienen fliegen und mit wie viel Nektar im Kropf und Pollen an den Beinchen sie abends zurückkehren.

Angelika Röpcke/DPA

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