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Die Mär vom Klimakiller Kuh

Methan ist ein stark wirksames Klimagas und trägt mit zur globalen Erwärmung bei. Kühe, aus deren Därmen Methanwolken im großen Stil entweichen, werden in sensationslüsternen Pressemeldungen gerne zu Klimakillern erklärt. Ein Ablenkungsmanöver.

Von Jens Lubbadeh

Täglich entweichen aus den Hintern und Mäulern wiederkäuender Kühe Tonnen von Methan. Die Mengen sind auf den ersten Blick eindrucksvoll: Eine einzige Milchkuh produziert jeden Tag 235 Liter Methangas. Was da dem Kuhhintern entweicht, hat es in sich: Methan ist in seiner klimaschädlichen Wirkung viel stärker als Kohlendioxid. So wurde die furzende Kuh schnell zum Klimakiller gestempelt. Zu Unrecht.

Methan ist die Nummer Zwei unter den Klimagasen

Redet man über Klimawandel, gibt es einen großen Übeltäter und nach ihm lange nichts: Kohlendioxid (CO2). Das Problemgas, das bei jeglicher Verbrennung entsteht - egal ob von Kalorien oder Kohle -, verursacht den Treibhauseffekt, indem es sich in der Atmosphäre wie eine Glasglocke über die Erde legt. Die vom Planeten abgestrahlte Wärme wird von den Klimagasen in der Atmosphäre verstärkt abgefangen und wieder zurückgeworfen. Die Folge: steigende Temperaturen.

Obwohl CO2 unbestritten der Hauptgrund für den Treibhauseffekt und den damit verbundenen Klimawandel ist, gibt es noch eine Reihe anderer garstiger Gase: Die Nummer Zwei unter den Klimagasen ist Methan (CH4). Wie CO2 ist es farb- und geruchslos und entsteht bei Stoffwechselprozessen von Pflanzen und Tieren.

Genau wie Kohlendioxid ist heutzutage auch zuviel Methan in der Atmosphäre. Wissenschaftler, die anhand von Eisbohrungen die atmosphärische Zusammensetzung über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren rekonstruieren können, fanden heraus, dass sich der Methangehalt in den letzten 800.000 Jahren mehr als verdoppelt hat.

Deutsche Rinder haben nur geringen Anteil an den Gesamtemissionen

Klimaforscher stufen Methan in seiner klimaschädigenden Wirkung als 21 Mal so stark ein wie CO2. Martin Heimann vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie erklärt, warum das so ist:: "Ein einzelnes Methanmolekül kann die Wärmestrahlung der Erde viel effizienter absorbieren und wieder abgeben als ein Kohlendioxidmolekül." Weil seine Lebensdauer in der Atmosphäre jedoch kürzer ist als die des Kohlendioxids, haben Klimaforscher seine Wirksamkeit im Vergleich zum CO2 auf den Faktor 21 beziffert. "Methan reagiert in der Atmosphäre außerdem noch zu CO2 und Wasserdampf", sagt Heimann. Diese beiden Endprodukte tragen ihrerseit wieder zum Treibhauseffekt bei.

Um die verschieden starken Klimagase in ihrer Wirkung vergleichen zu können, haben sich Klimaforscher auf eine Einheit verständigt: CO2-Äquivalente. In ihrer Emissionsbilanz geben die sich dem Kyoto-Protokoll verpflichtenden Staaten eine Tonne ausgestoßenes Methan damit als 21 Tonnen CO2-Äquivalente an. Wie groß der Methan-Anteil an den weltweiten Gesamtemissionen ist, lässt sich nur schätzen - das World Resources Institute (WRI) beziffert ihn auf 14 Prozent, ein Drittel davon stammt dabei aus Viehzucht und Düngerwirtschaft.

So eindrucksvoll die absoluten Methan-Mengen klingen, die eine Kuh täglich ausstößt - im Verhältnis sind deutsche Rinder nur Statisten in der Klimabilanz der Bundesrepublik: Nach Angaben des Umweltbundesamtes trugen sie mit nur 1,82 Prozent zu den Gesamtemissionen Deutschlands im Jahr 2004 bei. Der vermeintliche Klimakiller Kuh ist somit nur ein kleiner Fisch unter den Verursachern des Treibhauseffekts. Der Mensch ist und bleibt der wahre Übeltäter.

Die Kuh ist ein Gärreaktor

Streng genommen ist die Kuh selbst nicht Täter, sondern nur Tatort: Ihr mehrteiliger Magen ist ein komplexer Gärreaktor, in dem sie zahlreiche Helferlein beschäftigt - Bakterien, die mit dem Futter aufgenommene Zellulose knacken. Als Nebenprodukt entsteht dabei Methan.

In den meisten Industrieländern ist der Methan-Ausstoß durch Landwirtschaft in den letzten Jahren sogar gesunken. Anstrengungen, Kühe durch Bakterien-Impfungen oder Spezialfutter "methanärmer" zu machen, sind eher Ablenkungsmanöver und werden von Experten der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in ihrer Machbarkeit angezweifelt. Der Grund: Heutige Milchkühe sind Hochleistungsproduzenten, jegliche Beeinflussung der komplizierten Bakterienflora im "Gärreaktor" Kuhmagen ist ein schwieriges Unterfangen.

Deutschland scheint Methan-Musterland zu sein: "Die durch Tierhaltung, Brennstoffverteilung und Deponieemissionen verursachten Methanemissionen haben einen Anteil von 5,1 Prozent an den Treibhausgas-Gesamtemissionen des Jahres 2004", sagt ein Mitarbeiter des Umweltbundesamtes. Tendenz fallend: Seit 1990 hat sich der CH4-Ausstoß der Bundesrepublik halbiert. Dennoch lag Deutschland im Jahr 2004 im europäischen Vergleich in der Methan-Spitzengruppe.

Methanausstoß geht zurück

Seit 1990 hat sich der CH4-Ausstoß der Bundesrepublik halbiert, dennoch lag Deutschland im Jahr 2004 im europäischen Vergleich noch in der Methan-Spitzengruppe. Nach Auskunft des Umweltbundesamtes ist einer der Hauptgründe für den Rückgang der Methanemissionen eine verbesserte Müllverwertung und verstärktes Recycling. (Bio-)Müll, eine starke Methanquelle, wird dadurch weniger deponiert.

Die Kühe sind nur zum Teil am Methanrückgang beteiligt, woran wieder der Mensch Schuld trägt: BSE- und andere Lebensmittelskandale haben den Deutschen die Lust auf Fleisch verdorben - zum Wohle des Klimas.

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