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Tückisches Strandgut

Wieder sind Urlauber durch Weltkriegsmunition im Meer zu Schaden gekommen. Experten warnen: Die alten Bomben rosten durch, in Zukunft könnten häufiger gefährliche Stoffe an die deutschen Küsten geschwemmt werden.

Von Axel Bojanowski

Endlich schien wieder die Sonne auf Fehmarn. Es war der 5. August, ein Sonntag, und für Karen Stehr aus Norderstedt und ihre beiden Kinder der erste Badetag ihrer Ostsee-Ferien. Doch kurz nachdem sie am Gammendorfer Strand die Handtücher ausgebreitet hatten, fand der Urlaub ein jähes Ende: Die sechsjährige Annika und ihr neunjähriger Bruder Christopher, die gerade noch fröhlich im Sand gespielt hatten, schrien plötzlich vor Schmerzen. Binnen Sekunden löste sich die Haut von den Fußsohlen der Kinder, brennende Wunden taten sich auf. Aus dem Sand stieg weißer Dampf.

Im Fehmarner Krankenhaus in Burg vermochten die Ärzte keine Diagnose zu stellen. Sie reinigten die Wunden der Kinder und gaben ihnen Schmerzmittel. Erst die Polizei fand die Lösung des Rätsels: "Am Strand wurden Spuren von Phosphor gefunden", sagt Revierleiter Folkert Loose.

Das Material, das zuweilen an die Küsten von Nord- und Ostsee getrieben wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich. Schon die Berührung des feuchten Phosphors, der auf den ersten Blick wie Bernstein aussieht, birgt Risiken. Gelangen Spuren des toxischen Stoffs von den Händen in den Mund, können Leber, Nieren und Magen geschädigt werden. Und sobald die Brocken getrocknet sind, verbindet sich der Phosphor mit Sauerstoff aus der Luft - es entsteht ein 1300 Grad heißes Feuer, das nur mit Sand zu löschen ist. Der Rauch ist hochgiftig.

Altlast aus dem Zweiten Weltkrieg

Die tückische Substanz ist eine Altlast aus dem Zweiten Weltkrieg - und es ist längst nicht die einzige. Hunderttausende Tonnen Sprengstoff und chemische Munition liegen auf dem Grund von Nord- und Ostsee. Teils sind es Bomben der Alliierten, teils deutsche Kampfstoffe, die man nach dem Krieg unter oft chaotischen Umständen dort entsorgt hat. So wurden große Mengen Munition nicht an den vorgesehenen tiefen Stellen versenkt, weil die pro Ladung entlohnten Bootsführer so schnell wie möglich die nächste Fracht aufnehmen wollten. Viele Munitionslagerplätze sind noch heute unbekannt, und das gefährliche Material kann zudem durch Strömungen weit abgetrieben werden.

Erst kürzlich entdeckte ein Fernsehteam in der Kieler Förde 70 Torpedo-Sprengköpfe und Minen. 2001 waren zwei Dutzend Wasserbomben und 3500 Granaten in der Flensburger Förde gefunden worden. In einem Fischerei-Bericht aus dem Jahre 2000 räumte die schleswig-holsteinische Landesregierung ein, dass Explosionskörper in der Ostsee "allgegenwärtig" seien.

Die Küstengewässer der Ostsee, so heißt es in einer Regierungsantwort auf eine FDP-Anfrage ein Jahr danach, seien "auch außerhalb der bekannten Versenkungsgebiete stark kampfmittelbelastet". Auf Fehmarn bestehe gewöhnlich keine Gefahr, versichert Polizeirevierleiter Loose: "Der Unfall war ein Einzelfall." Allerdings häufen sich an den Küsten die "Einzelfälle".

Professor Lucas Wessel, Chefarzt der Kinderchirurgie an der Universitätsklinik Lübeck, in der Annika und Christopher Stehr schließlich behandelt wurden, erzählt von zwei ähnlichen Strandunfällen in den vergangenen vier Jahren, mit denen allein sein Krankenhaus befasst war.

Auch im Norden von Usedom ziehen sich Strandbesucher regelmäßig Verletzungen mit Phosphorklumpen zu. In der Nähe von Kiel, Husum, Wangerooge und Tossens hätten sich ebenfalls Unfälle ereignet, berichtet der Umweltgutachter Stefan Nehring, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt. Außerdem besteht Explosionsgefahr. "Erdbebenmessgeräte registrieren regelmäßig Detonationen im Meer", sagt Marc Koch, Umweltchemiker an der Universität Lüneburg.

Bombenhülsen rosten durch

Kai Kehe vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr warnt dennoch vor Panikmache. Munitionsverletzungen seien "selten", sagte der Experte im März auf einer Tagung in Berlin. Er wies zudem auf die "besondere Gefahr" bei der Bergung von Munition hin. Für die Küsten bestehe momentan kaum eine Bedrohung, erklärte auch der finnische Forscher Tapani Stipa auf der Berliner Tagung. Das Gift verflüchtige sich meist rasch im Wasser, sodass es wirkungslos bleibe.

Dagegen warnen andere Wissenschaftler wie Nehring und Koch sowie mehrere Umweltverbände, dass das Risiko von Unfällen beständig steige. Schließlich würden die Hülsen der Bomben allmählich durchrosten, der giftige Inhalt gelange ins Meer. Was also tun? Im Norden von Usedom werden Strandbesucher auf Schildern aufgefordert, mutmaßliche Bernsteine vorsichtshalber in Metallbehälter zu packen - und nicht etwa in die Hosentasche, wo Phosphor sich beim Trocknen in die Haut einbrennen würde.

Doch Nehring hält das für halbherzig. "Auch in einer Metallbox können brennende Phosphorklumpen gefährlich werden", sagt er. "Wegen des giftigen Rauchs und weil der Behälter durchschmelzen kann." Um Touristen nicht zu vergraulen, seien die Warnhinweise zudem eher unauffällig gehalten.

Munitionsdepots bergen und sichern

Nehring fordert eine wissenschaftliche Untersuchung des Risikos, das heute von Bombenresten in Nord- und Ostsee ausgeht. Wenigstens die größten bekannten Munitionsdepots sollten "gesichert und geborgen" werden, schlägt Koch vor.

Immerhin wollen sich Politiker nun tatsächlich erstmals des Problems annehmen. Mitte Juli hat das Europäische Parlament beschlossen, das Thema Munitionsaltlasten für das "Grünbuch Meerespolitik" vorzuschlagen - ein umfangreiches Papier, das als Grundlage für länderübergreifende Verordnungen für Wirtschaft, Umweltschutz, Schiffsverkehr, Fischerei und Tourismus dient.

"Ohne Schuhe will er da nie wieder hin"

Die Familie Stehr jedenfalls wird das Thema noch lange begleiten. Möglicherweise dauert es Monate, bis Annika und Christopher wieder ohne Schmerzen gehen können. "Mein Sohn wird hysterisch, wenn ich das Wort Strand erwähne", sagt Karin Stehr. "Ohne Schuhe will er da nie wieder hin."

Zuverlässige Zahlen über die Vorfälle an und vor Deutschlands Küsten existieren nicht. Weil Munitionsunfälle den Behörden nicht gemeldet werden müssen, gibt es keine offizielle Statistik. Die Bundesländer führen lediglich sporadisch Aufzeichnungen und halten sie geheim. "Die Behörden verschließen die Augen vor der Gefahr", meint Angelika Beer, Abgeordnete der Grünen im Europaparlament.

Zumindest Dänemark veröffentlicht eine Unfallstatistik. Dort verletzen sich im Jahr etwa 20 Menschen durch Berührung mit Giften und bei Explosionen, die meisten von ihnen sind Fischer.

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