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Die lange Reise zum Ursprung

Neun Jahre soll die europäische Raumsonde Rosetta unterwegs sein, um einem winzigen Kometen die Geheimnisse des Urknalls zu entlocken. Vorausgesetzt, die Ariane-Trägerrakete spielt mit.

Neun Jahre soll die europäische Raumsonde Rosetta unterwegs sein, um einem winzigen Kometen die Geheimnisse des Urknalls zu entlocken. Vorausgesetzt, die Ariane-Trägerrakete spielt mit.

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Eigentlich sollte die Landeeinheit der Weltraumsonde Rosetta "Roland" heißen, wie der berühmte Ritter und Schutzpatron vieler deutscher Städte. Doch nach einem "aktiven Briefwechsel" - wie es Gerhard Schwehm von der Europäischen Weltraumorganisation ESA formuliert - blieb der Rosetta-Lander namenlos: Französische Forscher witterten nationale Untertöne bei diesem Namenspatron eines paneuropäischen Projekts.

Wo Rosetta hinfliegt, wirken solche Eitelkeiten läppisch. Denn ihr anonymes Tochtergefährt soll erstmals in der Menschheitsgeschichte auf einem Kometen landen und in seiner gefrorenen Ursuppe Antworten auf grundlegende Fragen der Menschheit finden: Wie entstand das Universum? Wie kam das Leben auf unseren Planeten?

Dem Start der Rosetta-Trägerrakete Ariane-5 fiebern Wissenschaftler und Industrievertreter nervös entgegen. Eine bauähnliche Variante kam vor einem knappen Monat drei Minuten nach dem Abheben vom Kurs ab und musste gesprengt werden. Die Rosetta tragende ältere Version der Rakete gilt zwar als zuverlässiger, dennoch will Hersteller Arianespace kein unnötiges Risiko eingehen: Der für den 12. Januar in Französisch-Guyana geplante Start wurde kurzfristig verschoben. Jetzt soll Rosetta frühestens Ende nächster Woche fliegen. Es wird Zeit - die für die Mission notwendige Planetenkonstellation tritt nur bis zum 31. Januar auf. Danach bleibt das Ziel - der Komet Wirtanen - für Rosetta unerreichbar. Für die Sonde müsste ein neues Ziel gesucht werden.

Kraftvoll genug, um das Raumfahrzeug in die Tiefen des Weltraums zu schießen, ist keine Rakete. Also muss Rosetta dreimal in den Schwerkraftfeldern von Mars (2005) und Erde (2005 und 2007) Schwung holen, um den Rand des Planetensystems zu erreichen - ein genau berechneter kosmischer Dreisprung. Aus 200 Kilometer Abstand soll die Sonde dabei unterwegs Fotos der Mars-Oberfläche machen und Magnetfelder messen. Im Jahr 2006 fliegt Rosetta am Asteroiden Otawara vorbei, zwei Jahre später an seinem Verwandten Siwa. Hier sollen zum ersten Mal Bilder von der Oberfläche dieser unbelebten Felsbrocken entstehen.

Zeit für Foto-Sessions ist genug. Der lange Flug zum dann 400 Millionen Kilometer von der Erde entfernten Kometen dauert neun Jahre. Energie erzeugt die 2,8 mal 2,1 mal 2 Meter große Sonde mit zwei jeweils 15 Meter langen, 68 Quadratmeter großen Solarzellenflügeln. Rund sechs Jahre lang herrscht an Bord aber tote Hose, die Computer werden in einen "Winterschlaf" versetzt. Ähnlich wie bei Bürorechnern, die in der Mittagspause auf einen Energiesparmodus schalten, reduziert Rosetta ihren Strombedarf auf nur 400 Watt, nicht mehr, als ein kleiner Kronleuchter verbraucht.

Lebenswichtig für Rechner und Messgeräte an Bord sind stabile Temperaturen. "Die Instrumente haben es am liebsten um die 20 Grad Celsius warm", sagt Rainer Best, Projektleiter des Rosetta-Herstellers Astrium. Bei Außentemperaturen, die je nach Entfernung zur Sonne zwischen minus 270 und plus 100 Grad Celsius schwanken, ist eine flexible Isolierung nötig, die sich über Jalousien steuern lässt.

Wie Magellan und Cook orientiert sich Rosetta auf der Odyssee in den Weltraum an den Gestirnen. Die Bordcomputer vergleichen Bilder eines Teleskops mit gespeicherten Sternenkarten. Daraus errechnet das Raumschiff seinen Kurs. Der Höhepunkt der Mission steht im Frühling 2012 an: Die Raumsonde trifft auf den Kometen 46 P. Der nach seinem Entdecker Wirtanen benannte Schweifstern wurde ausgewählt, weil er sich für Kometenverhältnisse einigermaßen gut anfliegen lässt. Aus einem Kilometer Höhe wird Rosetta den rund 600 Meter großen Kometenkern von einer festen Umlaufbahn aus untersuchen. Denn noch ist die Form des Himmelskörpers ebenso ein Rätsel wie seine exakten Abmessungen. Vielleicht ist der "schmutzige Schneeball" geformt wie eine graue Kartoffel, vielleicht wie ein zerfließender Camembert. Klar ist nur: Seit seiner Entstehung hat er sich nicht verändert, sondern wie in einem "kosmischen Archiv" Informationen aus der Geburtsstunde des Sonnensystems gespeichert. Forscher sind gespannt, ob sich in Wirtanens Ur-Eis schon Spuren von Aminosäuren finden, den Grundbausteinen des Lebens.

Zu einer Zitterpartie könnte das Rendezvous zwischen Lander und Kometenkern geraten. Kometen sind mit ihren weiten Schluchten, tiefen Kratern und steilen Hängen extrem unwirtliche Plätze: Aus Spalten in der Oberfläche schießen Gasfontänen. Tagsüber steigen die Temperaturen auf minus 50, nachts fallen sie auf minus 150 Grad. Weil der 100 Kilogramm schwere Lander auf Wirtanen wegen der fehlenden Anziehungskraft nur noch ein Gramm wiegt, muss sich das dreibeinige Gefährt in der gefrorenen Schneepampe festkrallen. Aus den drei flexiblen Standbeinen schrauben sich Bohrer fest. Zwei Harpunen schießen unmittelbar nach der hoffentlich sanften Landung heraus und spießen sich in den eisigen Grund. Die dazu nötige Feder wird per Funksignal von der Erde aufgezogen. Ein Bohrer soll eine Mikrokamera in das Innere des Kometen einführen und Bodenproben entnehmen, die an Bord des Landers analysiert werden. Auf Bilder einer Panoramakamera darf man sich schon jetzt freuen - ein cooles Kometenfoto als Hintergrund auf dem Bildschirm wird im Jahr 2012 auf vielen PCs zu sehen sein. Das weitere Schicksal des Landers, der nicht Roland heißen darf, ist absehbar. Während Rosetta Wirtanen umkreist und Daten in 50 Minuten zur Erde funkt, fliegt der Komet auf die Sonne zu. Je näher er unserem Zentralgestirn kommt, desto mehr wird er sich erwärmen und aus seinem tiefgekühlten Schlaf erwachen. Sein Schweif, Gas und Staub, wird anwachsen.

Ein Jahr nach Ankunft von Rosetta erreicht Wirtanen seinen sonnennächsten Punkt - und der Schatten, den der Lander dann wirft, wird ihm zum Verhängnis werden. Um ihn herum wird das Eis schmelzen, während er zunächst auf einem Hügelchen stehen bleibt. Doch werden seine Widerhaken irgendwann ihren Halt verlieren; der Lander wird ins Nirwana entschweben.

Aliens, die Rosetta vielleicht eines Tages aus dem Weltraum fischen oder nach einer Bruchlandung bergen, werden außer Elektronikmüll auch ein Zeugnis unserer Kultur finden. An der Außenhülle der Sonde klebt, unter schwarzer Thermoschutzfolie verborgen, eine 0,3 Millimeter dünne Nickelscheibe von sieben Zentimeter Durchmesser. Mit rund sechs Gramm ist sie extrem leicht und deutlich langlebiger als eine CD-Rom. Die Daten sind nicht digital eingebrannt, sondern in einer Höhe von einem halben Millimeter eingraviert und erzählen die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel in 1000 Sprachen. Auf 7000 Seiten können Außerirdische so unter einem Mikroskop den meist verbreiteten Schöpfungsmythos der Erdenbewohner studieren und nebenbei deren Reichtum an oft vom Aussterben bedrohten Sprachen. Die analoge Scheibe erinnert an den Stein von Rosetta, der Ende des 18. Jahrhunderts in der gleichnamigen ägyptischen Hafenstadt gefunden wurde und es Archäologen erstmals ermöglichte, Hieroglyphen zu lesen. Mit dem Beherrschen von Sprachen ist es noch heute manchmal nicht allzu weit her. Wenige Wochen vor dem Start standen im Preparation Building for Satellites auf dem Weltraumbahnhof in Kourou meterweise falsch beschriftete Aktenordner im Regal: "A Comet Rendezvouz Mission". Sollte auch die Software für die Bordcomputer Schreibfehler aufweisen - dann wird Rosetta samt Lander ihr Ziel vielleicht nie erreichen.

Dirk Liedtke

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