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Wo bleibt der Frühling?

Dauerregen, Kälte, sogar Schnee und nur manchmal ein Sonnenstrahl - das Wetter strapaziert in diesem Jahr die Geduld. Wann wird es endlich Frühjahr? Bekommen wir weiße Ostern? Und ist der März wirklich viel zu kalt? Die überraschenden Antworten der Meteorologen.

Von Lea Wolz und Kamila Meissner

Der kalte Winter steckt noch vielen in den Knochen. Wäre es da nicht Zeit für ein paar Grad mehr auf dem Thermometer? "Das Wetter ist nicht gerecht", sagt der Meteorologe Karsten Brandt vom Wetterdienst donnerwetter.de. "Die Vorstellung, dass auf einen kalten Winter gleichsam als Belohnung ein milder Frühling und ein heißer Sommer folgen, hält sich in der Bevölkerung, wissenschaftlich ist sie allerdings nicht begründet." Auswertungen von Wetterstationen deutschlandweit von Mitte der 80er Jahre bis heute zeigen dem Meteorologen zufolge eher das Gegenteil: "In 60 Prozent der Fälle waren nach einem kalten Winter auch Frühjahr und Sommer zu kühl."

Keine guten Aussichten also nach einem strengen Winter wie diesem, der dem Meteorologen zufolge unter anderem durch ein Nachlassen des Westwindeinflusses über Mitteleuropa zu erklären ist. "Einfluss auf die Temperatur haben unter anderem die West- und Ostwinde. Je stärker die Westwinde sind, desto milder ist der Winter", sagt Brandt.

"Wir sind verwöhnt, was die Temperaturen angeht"

In den vergangenen zehn Jahren hätten die Westwinde dieses Duell gewonnnen. "Daher sind wir auch sehr verwöhnt, was die Temperaturen angeht." Das findet auch Michael Knobelsdorf vom Deutschen Wetterdienst. "Seit zehn Jahren hatten wir keinen richtigen Winter mehr, jetzt ist es wieder einmal ein normaler", sagt er. "Der März ist ein Winter-Monat, auch wenn der kalendarische Frühling bereits begonnen hat." Von 1963 bis 1990 hat ihm zufolge der Durchschnittswert, gemessen an der Wetterstation Hamburg-Fuhlsbüttel, im März 3,7 Grad Celsius betragen, 2008 waren es fast 5 Grad. "Bis gestern gerechnet lag der Durchschnittswert in diesem März bei 5,6 Grad Celsius", sagt er. Wobei die Tendenz für den gesamten Monat noch sinken dürfte. Im März sei daher alles im normalen Bereich, findet er. "Im Vergleich zu den letzten 40 bis 50 Jahren und nicht den zehn zurückliegenden sind die Temperaturen im März normal bis ganz leicht zu kalt", sagt auch Brandt.

Durch den strengen Winter und die fehlenden Sonnentage ist die Vegetation jedoch in diesem Jahr verzögert: Die Pflanzenwelt hinke drei bis vier Wochen zurück, sagt Brandt. "Forsythien zum Beispiel haben im Durchschnitt in den vergangenen 40 Jahren um den 26. März geblüht, die letzten zehn Jahre haben sie sogar schon Mitte Februar geknospt." Ein Grund für die frühe Blüte im Februar sei der weltweite Klimawandel, der in Deutschland zu einer sehr starken Erwärmung geführt habe. "Eine Zunahme von einem Grad in den vergangenen zehn bis 20 Jahren klingt im ersten Moment nicht viel", sagt Brandt. "Doch im Grunde bedeutet das rein geographisch eine Wanderung von einigen Kilometern nach Süden. Hamburg ist in den letzten Jahren rein temperaturmäßig nach Köln gewandert, Köln nach Freiburg und Freiburg nach Südfrankreich."

Das Spannende auch für den Meteorologen: In diesem Jahr sind die Ostwinde laut Brandt wieder stärker, daher der kältere Winter und der kalte Frühling. Rückt Hamburg damit vom Klima wieder an seinen alten Platz? "Ob es ein Trendbruch ist und uns nun wieder kältere Jahre erwarten, können wir noch nicht beurteilen", sagt Brandt. Ein Zeichen dafür, dass der Klimawandel doch nicht stattfinde, sei das aber noch lange nicht.

Im März bleibt es kalt

Gemessen an den vergangenen zehn Jahren wird das Frühjahr von vielen laut Brandt aber zu Recht als zu kalt empfunden. "Die letzten fünf Tage hatten wir zum Beispiel in Köln eine Durchschnittstemperatur von vier Grad Celsius, das ist mau". Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr habe die Durchschnitttemperatur um diese Zeit in Köln bei zehn Grad gelegen. "Auch in Hamburg haben wir im März bis jetzt nur fünf Tage mit über zehn Grad gehabt, was sehr wenig ist, im Januar und Februar gab es noch gar keinen Tag über zehn Grad und die 15-Grad-Grenze haben wir zum Beispiel in Hamburg auch noch nicht geschafft." Und die Aussichten sind zumindest für diese Woche noch trübe: "Es wird schlecht bleiben, in Cuxhaven und Bremen kann es sogar schneien." Ein Wetter, das vielen auf die Laune schlägt. Durch den Lichtmangel produziert der Körper weniger vom stimmungsaufhellenden Botenstoff Serotonin, und mehr Melatonin, das müde und antriebslos macht. Sport und kurze Spaziergänge an der frischen Luft helfen da.

"Was wir im Moment an Temperaturen in der eingeflossenen Höhenkaltluft selbst haben, ist das untere Ende der Fahnenstange für diese Jahreszeit ", sagt auch der Schweizer Meteorologe Jörg Kachelmann von meteomedia. "Für den 24. März sind wir rund zehn Grad kühler als sonst, die 15-Grad-Marke erreichen wir in diesem Monat auch nicht mehr." Anfang April könnte sich das aber wieder ändern: "Dann kommen wir wieder in die Gegend des Durchschnitts." Für Berlin, Hamburg und München sind mit etwas Glück Temperaturen um die 15 Grad denkbar. Und Ostern? Seriöse Wetterprognosen mit verlässlichen Modellen sind Kachelmann zufolge nur für die kommenden 15 Tage möglich. "Eine Prognose für Ostern ist daher Unsinn, das Wetter wird ständig neu erfunden", sagt er. "Ein kalter März heißt nicht, dass es einen warmen April gibt, Wetter kennt keine ausgleichende Gerechtigkeit."

Das gilt auch für die eigentlich heiße Jahreszeit. "Wenn nicht vieles passiert, erwartet uns wahrscheinlich auch ein kälterer Sommer", sagt Brandt. Ein wenig Hoffnung hat er aber noch, wenn es Anfang April wärmer wird. "'Wie es im April und Maien war, so wird das Wetter im ganzen Jahr', lautet eine Bauernregel", sagt er. In zwei von drei Fällen habe das in den vergangenen Jahren zumindest für die Monate Juni und Juli gestimmt.

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