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Nachruf auf einen modernen Rebellen

Er hätte es besser wissen müssen, als nach Deutschland zu kommen. Seinen Wagemut bezahlte er mit seinem Leben. Bär Bruno ist ein tragischer Held - und wer sein Nachfolger wird, noch völlig offen.

Von Angelika Unger

Sechs Wochen lang hat er Deutschland in Atem gehalten, am frühen Montagmorgen endete sein kurzer Ruhm jäh und blutig: Der Bär Bruno, auch bekannt unter dem Namen JJ1, ist tot - erschossen von Jägern im bayerischen Landkreis Miesbach.

Mit offenen Armen hatten sie ihn zunächst empfangen, die Offiziellen. "Der Bär ist in Bayern willkommen", sagte der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf am 18. Mai. Doch rasch musste Bruno feststellen, wie leicht es ist, die Gastfreundschaft der Deutschen zu verspielen: Ein paar Schafe gerissen, Bienenstöcke ausgeräumt, Hühnerställe verwüstet - und schwupps landete er auf der Abschussliste. Der erste Bär seit 170 Jahren, der eine Tatze auf deutschen Boden setzte, war von der Sensation zum "Problembären" geworden - und das binnen vier Tagen.

Was folgte, war an Dramatik kaum zu überbieten. Bruno, von Hunden gehetzt! Bruno, von einem Auto angefahren! Bruno, seinen Jägern ein ums andere Mal entwischt! Ein gefundenes Fressen für die Medien auf der Suche nach Themen jenseits des grünen WM-Rasens.

Bruno hätte gewarnt sein müssen - die Deutschen sind nicht bekannt dafür, Sommerloch-Tiere besonders gut zu behandeln. Auf den Kaiman Sammy schossen sie 1994 mit großkalibrigen Büchsen, die Kängurudame Skippy überfuhren sie mit einem Zug und auch Killerwels Kuno endete mit dem Bauch nach oben in seinem Weiher bei Mönchengladbach.

Er war furchtlos, schlau, ein Rebell

Doch Bruno war das Schicksal seiner Vorgänger keine Lehre. Bruno war furchtlos - und diese Furchtlosigkeit ließ ihn als Bedrohung erscheinen. Weil er keine Scheu vor Menschen zeigte, seine Nahrung auch bei menschlichen Siedlungen suchte, deklarierte man ihn als Sicherheitsrisiko: "Es ist möglich, dass dieser Bär irgendwann mit einem Menschen zusammentrifft und es nicht glimpflich ausgehen wird", hieß es aus dem bayerischen Umweltministerium.

Bruno war schlau - und diese Schlauheit wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Weder den viel gerühmten finnischen Bärenjägern mit ihren speziell ausgebildeten Hunden noch den wohlmeinenden Tierschützern mit ihren Röhrenfallen gelang es, ihn lebend zu fangen. Nach wochenlangen ergebnislosen Fangversuchen sahen die Behörden keinen anderen Ausweg, als Bruno zum Abschuss freizugeben.

Bruno war ein Rebell - und das machte ihn beim Volk beliebt. In einer Umfrage sprachen sich 69 Prozent der Deutschen dagegen aus, ihn abzuschießen. Der Sprecher des Bundesamtes für Naturschutz hingegen hatte für den Eigensinn des Raubtiers wenig Verständnis: "Es wäre besser gewesen, der Bär hätte sich vernünftig verhalten und eingegliedert", sagte er.

Bruno: von den Massen geliebt, von den Herrschenden gefürchtet. Ein tragischer, moderner Held. Insofern ist nur konsequent, dass die Naturschutzjugend Traueranzeigen in Zeitungen schalten möchte.

Was wird aus dem Todesschützen?

Was bleibt von Bruno? Wird man ihn ausstopfen, wie Kuno, den Killerwels, der in der Kuriositätenkammer eines Mönchengladbacher Museums verstaubt? Und was wird aus dem Todesschützen, der diesem jungen Leben ein Ende setzte? Bisher hüllt er sich in Schweigen - eine kluge Entscheidung: Beim bayerischen Jägerverband sind bereits Morddrohungen gegen ihn eingegangen.

Wer Brunos Nachfolger wird, ist übrigens noch völlig offen - dabei steht uns das eigentliche Sommerloch noch bevor. Wenn es nach Hubert Weinzierl geht, dem Präsidenten des Deutschen Naturschutzrings, wird es zumindest kein Bär. Den wanderfreudigen Artgenossen des toten Bruno ruft er zu: "Bären der Welt, meidet Bayern."

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