Gefesselt im Eselstall

11. November 2009, 20:11 Uhr

Sexuelle Übergriffe und ein Viehtreibertest mit Stromschocks - das sind die Vorwürfe, denen sich zwei Hilfstierpfleger aus Wuppertal ausgesetzt sehen. Vor dem Amtsgericht müssen sie sich jetzt verantworten. Von Uta Eisenhardt

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Manche der Opfer hatten aus Angst jahrelang geschwiegen, jetzt landete der Fall dennoch bei der Justiz©

Tierpfleger, die in der Kulisse des Afrika-Reviers sexistische Übergriffe an Praktiantinnen begehen, das ist der Stoff für den Skandal, der den Wuppertaler Zoo vor einem Jahr in die Schlagzeilen brachte. Jahrelang sollen zwei Hilfstierpfleger systematisch junge Praktikantinnen und Auszubildende sexuell genötigt haben, bis die beiden im August 2008 an eine 17-Jährige gerieten.

Diese Praktikantin sollen die Männer im Rahmen einer Wette zunächst an den Händen gefesselt und dann in den Esel-Stall getragen haben, wo ihr auch die Füße gefesselt worden seien. Der heute 37-jährige Markus F. habe versucht, der jungen Frau einen Knutschfleck zu verpassen. Die Bewegungsunfähige wehrte sich mit Spucken. Dann sollen die Männer den Stall verlassen haben, bis der 29-jährige Stefan S. nach einer knappen halben Stunde das Opfer befreite.

Nach diesem Vorfall brach die Minderjährige ihr langersehntes Praktikum ab, mit dem sie sich eigentlich für eine Ausbildung zur Tierpflegerin qualifizieren wollte. Ihr Vater wandte sich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde an den Zoo. Er beschrieb, was seiner Tochter widerfahren war, bat jedoch darum, nicht die Polizei zu informieren. Daraufhin beauftragte die Stadt Wuppertal, die den Zoo betreibt, interne Ermittler vom "Antikorruptionssystem", den Verdacht zu prüfen. Als diese auf weitere Fälle stießen, übergab man die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft.

"In die Anklage sind nur die eindeutigen Fälle gekommen."

Von morgen an müssen sich die beiden Tierpfleger vor dem Amtsgericht Wuppertal wegen Freiheitsberaubung, Nötigung, Körperverletzung und versuchten sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen verantworten. Einige der Vorwürfe, die bis Ende der 90er Jahre zurück reichen sollen, waren bereits verjährt, sagt der Sprecher der Wuppertaler Staatsanwaltschaft Wolf-Tilman Baumert: "In die Anklage sind nur die eindeutigen Fälle gekommen." Insgesamt umfasst die Anklage sieben Taten. Fünf davon sollen beide gemeinsam, zwei der ältere Tierpfleger allein begangen haben.

Staatsanwältin Blum-Heinrich wird den beiden Männern diverse Fälle vorhalten, in denen junge Frauen im Alter von 17 bis 22 Jahren gefesselt wurden. Hinzu kommt der so genannte "Viehtreibertest", der sich laut Anklage folgendermaßen abgespielt haben soll: Im Frühjahr 2008 musste ein Auszubildender nach Aufforderung der beiden Beschuldigten seine Hose herunter ziehen und sich mit nacktem Unterkörper über den Herd legen. Dann hielt Stefan S. den 22-Jährigen am Pullover fest und drückte den Viehtreiber so fest auf dessen Hintern, dass ein Stromstoß ausgelöst wurde. Markus F. filmte die Szene, in der das Opfer vor Schmerzen schrie.

"Schweinerei an Kindern"

Ebenfalls angeklagt ist die Begebenheit mit einer damals 25-Jährigen. Diese befand sich vor vier Jahren mit Markus F. in der Teeküche, als jener die Tür von innen verriegelte. Er habe das Intimpiercing der jungen Frau fotografieren wollen. Die Auszubildende habe sich zunächst geweigert, dann aber ihre Hose unter Androhung von Zwang herunter gelassen. Bei einer Hausdurchsuchung soll das Foto sicher gestellt worden sein. Claudia F. will an dem Prozess gegen ihren früheren Ausbilder als Nebenklägerin teilnehmen. Sie ist eine von insgesamt sieben Betroffenen, die gegen die beiden Männer aussagen wollen. Insgesamt 36 Zeugen will das Schöffengericht hören. Am 18. Dezember soll der Prozess voraussichtlich enden.

Staatsanwaltschaft-Sprecher Baumert spricht von einer "Schweinerei an Kindern" und von einem "Vertrauensbruch gegenüber jungen Mädchen, die mit einer Begeisterung für Tiere in den Zoo gekommen sind, der eigentlich Geborgenheit bieten soll." Stadtsprecherin Martina Eckermann erklärt, wie abhängig die jungen Frauen von den beiden Männern waren: "Tiere pflegen ist etwas anderes als Tiere streicheln. Deshalb müssen die jungen Leute, bevor sie einen Ausbildungsplatz erhalten, in einem zweiwöchigen Praktikum diese körperlich harte Arbeit kennen lernen."

Angst, Scham und Unwissenheit über die Rechte

Nicht alle Tiere sind harmlos genug, um Praktikanten die Arbeit des Tierpflegers zu zeigen. Nur in etwa fünf, sechs Revieren werden jährlich bis zu 80 Praktikanten eingesetzt, sagt Zoo-Direktor Ulrich Schürer. Eines davon ist das so genannte Afrika-Revier, in dem Zebras, Antilopen, Dromedare und Watussi-Rinder gehalten werden.

Für die vier bis sechs Ausbildungsplätze melden sich dann jährlich 400 bis 500 Bewerber beim Wuppertaler Zoo. "Und wenn in der Praktikumsbeurteilung nur steht: ‚Sie war da', dann können sie das in die Tonne hauen", so Stadtsprecherin Eckermann. Roswitha Bocklage, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wuppertal ergänzt: "Die jungen Frauen haben gehofft, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Darum haben sie den Mund gehalten und sich gedacht: 'Die Zeit überstehe ich'." Eine Mischung aus Angst, Scham und Unwissenheit über ihre Rechte habe die Taten ermöglicht.

Ungern hört Stadtsprecherin Eckermann das Wort "Zoo-Skandal". Sie glaubt an eine "spezielle Dynamik zwischen diesen beiden Burschen. Das gibt es überall, wo zwei Menschen aufeinander treffen, die sich gegenseitig in sehr unguter Weise hoch schaukeln. Jeder Einzelne für sich soll ja ganz okay gewesen sein, sagten die Praktikantinnen." Doch warum erfuhr jahrelang kein Vorgesetzter davon? Beachtete die Leitung des vom "stern" im Frühjahr 2008 als drittbester deutscher Großzoo ausgezeichneten Unternehmens weniger das Wohl der Menschen als das der Tiere? Eine Antwort soll der Blick auf die Chronik des Skandals und dessen Folgen geben.

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