Zuerst waren es mindestens 3000 Tote, dann 10.000, mittlerweile sind es wohl rund 20.000. Zwar schottet die Militär-Junta Myanmar ab, die Zahl der Opfer der Wirbelsturmkatastrophe muss sie dennoch ständig nach oben korrigieren. Hilfsorganisationen berichten von verheerenden Zuständen. Von Michael Lenz, Bangkok

Eines der wenigen aktuellen Fotos aus Myanmar. Im Vergleich zu der Katastrophe, die sich dort ereignet hat, mutet das Foto harmlos an. Aber selbst zur Beseitigung der Baumschäden scheint es der Junta an Werkzeugen - wie Kettensägen - zu fehlen© AP
Lance Woodruff macht sich große Sorgen um seine Familie. "Mein Haus in Rangun ist völlig zerstört und das der Familie meiner Frau ist schwer beschädigt. Wir haben alles verloren", sagt der derzeit in Bangkok lebende Amerikaner. Über das Schicksal seiner Familie und seiner Verwandten hat Woodruff keine Informationen. Die Telefonleitungen in Myanmar sind fast vollständig zusammengebrochen. Der mit einer Myanmarerin verheiratete Woodruff hofft inständig, dass seine Frau und seine sechsjährige Tochter wohlauf sind. "Die beiden waren auf dem Land nördlich von Rangun. Da war der Wirbelsturm schon schwächer."
Vor vier Tagen fegte Zyklon "Nargis", der tropische Wirbelsturm, mit der mörderischen Geschwindigkeit von bis zu 190 Kilometern in der Stunde vom Golf von Bengalen aus über das Delta des Flusses Irrawaddy und Myanmars Hauptstadt Rangun hinweg. Seither werden die Nachrichten aus den Katastrophengebieten immer bedrückender. "Alleine in Laputto im Irrawaddydelta sind mehr als 10.000 Menschen ums Leben gekommen", sagt in Bangkok James East, Sprecher der internationalen Hilfsorganisation "World Vision" und fügt unter Berufung auf Mitarbeiter vor Ort hinzu: "Von Hubschraubern aus sind Berge von Leichen zu sehen. Das ist die schlimmste Katastrophe in Asien seit dem Tsunami." Die Zahl der Toten ist nach offiziellen Angaben auf über 22.400 gestiegen. Das staatliche Fernsehen meldete weiter, 41.000 Menschen würden vermisst.
"Nargis" hat Häuser, Schulen, Krankenhäuser zerstört. Hunderttausende Menschen sind obdachlos geworden. Alleine in der Region Laputto hätten 78.000 Menschen Haus und Hof verloren, schätzt "World Vision". In Rangun, einer Stadt mit mehr als fünf Millionen Einwohnern, ist die Versorgung mit Wasser und Elektrizität weitgehend zusammengebrochen. Die Hilfsorganisation befürchtet den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen. "Das größte Problem im Augenblick sind die zerstörte sanitäre Infrastruktur und das Fehlen von sauberem Wasser", warnt East. Unicef befürchtet, dass vor allem Frauen und Kinder Opfer von "Nargis" geworden sind. "Frauen und Kinder machen 60 Prozent der Bevölkerung Myanmars aus", sagt eine Unicef-Sprecherin in Bangkok.
Die Hilfe für die Betroffenen läuft nur sehr schleppend an. Myanmarer klagen gegenüber den Exilorganisationen und Exilmedien in Thailand über Untätigkeit der Behörden und der Armee in Myanmar. Augenzeugen in Rangun sagten, ohne ihre Namen zu nennen, dem im thailändischen Chiang Mai erscheinenden Exilmagazin "Irrawaddy", die 400.000 Mann starke Armee unternehme bisher kaum was, um den Opfern des Wirbelsturms zu helfen. Einer fragte sarkastisch: "Wo sind all diese Uniformierten, die immer bereit sind, Zivilisten zu verprügeln? Sie sollten herkommen, bei den Aufräumungsarbeiten helfen und die Stromversorgung wieder herstellen."
Zu einem Massenmord ist es nach Angaben der gewöhnlich gut informierten "Assistance Association for Political Prisoners in Burma" (AAPPB) im berüchtigten Gefängnis Insein in Rangun gekommen. Die Gefängniswärter hätten in den frühen Morgenstunden des 3. Mai wahllos auf 1500 Häftlinge geschossen, die panisch aus Angst vor dem Wirbelsturm gefordert hätten, in Sicherheit gebracht zu werden, berichtet AAPPB-Sprecher Ko Kyi, selbst ein ehemaliger politischer Häftling in Insein. "36 Häftlinge starben auf der Stelle und mindestens 78 sind verletzt worden", sagt Bo Kyi von seinem Exil in Maesot an der thailändisch-myanmarischen Grenze zu stern.de. In den Tagen danach seien die Häftlinge für ihren "Aufstand" schwer bestraft worden. "Vier wurden zu Tode gefoltert und 98 Gefangene, darunter vier Mitglieder der Oppositionspartei Nationale Liga für Demokratie, sind in Einzelhaft gesperrt worden."
Im Insein-Gefängnis sind auch viele der Anführer des Massenaufstands vom September vergangenen Jahres gegen das verhasste Militärregime inhaftiert. Bo Kyi schätzt, dass die Zahl der politischen Gefangenen in Myanmar sich seit der blutigen Niederschlagung der Revolution auf 2000 verdoppelt hat. Nach dem Ende der von buddhistischen Mönchen angeführten "Saffranrevolution", so benannt nach der Farbe der Mönchsroben, verschwand Myanmar aus den Schlagzeilen.
Spendenkonten Zahlreiche Hilfsorganisationen haben zu Spenden für das vom Zyklon "Nargis" verwüstete südostasiatische Land Birma aufgerufen. Hier einige Spendenkonten: Welthungerhilfe: Stichwort "Nothilfe Myanmar/Birma" Konto 1115, Sparkasse KölnBonn BLZ: 370 501 98 Deutsches Rotes Kreuz: Stichwort "Zyklon" Konto 41 41 41, Bank für Sozialwirtschaft BLZ 370 205.00 Misereor: Stichwort "Zyklon Myanmar" Konto 10 10 10 Paxbank BLZ 370 601 93 Aktion Deutschland Hilft: Stichwort "Zyklon Birma/Myanmar" Konto 10 20 30, Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 370 205.00 Bündnis Entwicklung hilft: Stichwort "Zyklon Birma" Konto 51 51, Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 370 205.00 Diakonie Katastrophenhilfe: Stichwort "Zyklon Birma" Konto 502 707, Postbank Stuttgart BLZ 600 100 70 Caritas International. Stichwort "Zyklon Birma" Konto 202, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe BLZ 660 205.00 humedica: Stichwort "Nothilfe Myanmar" Konto 47 47, Sparkasse Kaufbeuren BLZ: 734 500.00, Christoffel-Blindenmission (CBM): Stichwort "Birma" Konto 2020, Bank für Sozialwirtschaft BLZ 370 205.00 Kindernothilfe: Stichwort "Zyklon Birma" Konto 45 45 40, KD-Bank Duisburg BLZ: 350 601 90