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Wut. Ohnmacht. Routine. Und etwas, das wir nie vergessen sollten

Nach dem brutalen Terror weiß man erst einmal nicht, wohin mit seiner Wut. Doch schon bald setzt wieder der Alltag ein. Das ist auch ein Schutzreflex. Aber es gibt etwas, an das wir immer denken sollten.

Die Freiheit ist teurer geworden - wie wir mit den Anschlägen in Brüssel umgehen.

Die Freiheit ist teurer geworden. Wie wir mit den Anschlägen in Brüssel umgehen.

Das ist also unser neues Leben. Nicht erst seit gestern, als mindestens 34 Menschen in Brüssel wahllos von Terroristen ermordet wurden. Nach Madrid, London, Paris, Istanbul ist es zum Alltagsrisiko der freien europäischen Gesellschaften geworden, morgens aufzustehen und abends nicht mehr nach Hause zu kommen, weil jemand Bomben zündet oder um sich schießt. Das Vertrauen, unbeschwert und unbeschadet am öffentlichen Leben teilzunehmen, ist längst dahin. Es ist so, als hätte jemand ein neues Preisschild auf unsere Demokratien geklebt: Die Freiheit ist sehr viel teurer geworden. Sie kann dich das Leben kosten.

Das Schlimme ist: Du weißt nicht, wohin mit deiner Wut. Innerlich sinnst du auf Rache in der Sekunde, in der die schrecklichen Bilder von Toten und Verletzten auf dem Handy auftauchen:  Schickt noch mehr Kampfflugzeuge, ringt die Dschihadisten in diesem sogenannten Islamischen Staat endlich nieder, diese entmenschlichten Wesen, die anderen die Welt zur Hölle machen.

Nach Brüssel bleibt die Ohnmacht - schon wieder

Aber das ist ein sinnloser Reflex. Nüchtern betrachtet bleibt nur die schiere Ohnmacht, weil es kein Mittel gibt gegen Verblendete, für die der Märtyrertod ein höheres Gut ist als das Leben. Sie entziehen sich unserer weltlichen Logik, in dem sie sich ins Paradies bomben. Das Leben ist für sie nur der Spielchip, den sie einsetzen müssen, um "da oben" anzukommen. Und dafür, dass sie nicht mehr am Leben sind, werden sie von den übrigen Glaubenskrieger auch noch verehrt.

Nirgendwo finden sich dort Anflüge von Trauer um ein verlorenes Leben oder irgendeine eine Art Leidensdruck – nichts, das dem nach Gerechtigkeit dürstenden Europäer ein wenig Genugtuung verschaffen könnte. Und was nützen Raketen gegen Milizen mit IS-Flagge, wenn die Terroristen mitten in Europa aufwachsen? Du kannst einfach nur trauern und weiter leben. Und darauf setzen, dass du Bürger eines funktionierenden Staates bist, der dich ein bisschen beschützt. Der so viel Verfolgungsdruck wie möglich aufbaut, damit die Herrschaft des Rechts die Herrschaft des Terrors wenigstens eindämmen kann.

Selbst wenn es gelingen würde, die Zone der islamistischen Pest im Norden des Iraks und Syrien zu beseitigen, hätte der Westen keine Ruhe. Die Dschihadisten können warten, Geduld ist eine ihrer unberechenbarsten Waffen. Sie ziehen sich in ihre Netzwerke zurück, die in unserer digitalen Welt gar keinen eigenen Staat brauchen, um diesen wahnsinnigen Feldzug gegen alles Ungläubige auf der Welt fortzusetzen. Sie kommen wieder! Machen wir uns keine Illusionen - diese Auseinandersetzung wird weitergehen, vielleicht noch über Jahrzehnte.

Ja, hin und wieder töten Drohnen eines ihrer Oberhäupter. Doch die Ideologie des Terrors spuckt immer neue Anführer aus, die sich niemals weltlichen Gesetzen unterwerfen. Abu Bakr al-Baghdadi, dieser Kalif des islamischen Staats, der sich nach sunnitischem Glauben selbst ernennen durfte, reproduziert im 21. Jahrhundert ungerührt die blutrünstigen Glaubenskämpfe seiner Vorfahren.

Erst ein mulmiges Gefühl, dann Routine - aus Selbstschutz

Mit jedem Terroranschlag in Europa erhöht sich unser Lebensrisiko. Es zwingt uns aber auch dazu, mit der Gefahr routinierter umzugehen. Ein Selbstmordattentäter kann auf jedem europäischen Flughafen mit einer Bombe im Gepäck in die Abflughalle marschieren. Das verursacht Angst. Die Ratio, dass die Terroristen gewonnen hätten, wenn wir Furcht zeigen, hilft in den Stunden nach einer blutigen Attacke wenig. Natürlich steigst du in den kommenden Tagen mit einem mulmigen Gefühl, mit kaschierter Angst in ein Flugzeug, aus einer S-Bahn, in einen ICE, aus einer U-Bahn. Aber in ein paar Wochen werden die schrecklichen Geschehnisse dieser Woche verdrängt sein, schon aus purem Selbstschutz. Die Erinnerung verblasst in den kleinteiligen Herausforderungen des Alltags, auch, um dem Diktat der Angst zu entkommen. Nur die Opfer, die den Preis für unsere Freiheit bezahlt haben – die dürfen wir nicht vergessen. Nie!

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