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Die AfD und die Furcht vor dem eigenen Niedergang

Seit Monaten stürzt die AfD in Umfragen immer weiter ab. Stand jetzt ist das Überschreiten der Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl unsicher. Das hat Gründe. Über eine Partei, die sich selbst zerlegt.

Die AfD hat Momentan Probleme mit ihren Provokationen eine breite Öffentlichkeit zu erreichen

Die AfD hat Momentan Probleme mit ihren Provokationen eine breite Öffentlichkeit zu erreichen

Der politische Alltag der ist Kampf! Wobei man die Gegner der Partei in Lieblingsfeinde und Angstfeinde zu unterteilen hat: Lieblingsfeinde sind Angela Merkel, Brüssel, die "Alt-Parteien", die "Pinocchio-Presse" (Petry) und überhaupt alle, die das Bekenntnis "Deutschland den Deutschen" nicht so toll finden. Nun zu den Angstfeinden: Da ist erstens eine nur schwer zu packende asymetrische Opposition, nämlich die Partei selbst. Die dauernde Beschäftigung mit internen Querelen, diese permanente Selbstzerfleischung dieser so genannten "Alternative für Deutschland" legt nach und nach offen, was die Partei eigentlich im Kern zu bieten hat: unfähiges Personal, rassistische Querulanten, untaugliche politische Konzepte und Parteimitglieder, die quasi durch Handauflegen zum "Politiker" werden. Wobei hier des öfteren der dringende Wunsch eine Rolle spielt, die eigene finanzielle Zukunft mittels eines Abgeordnetenmandats ins Trockene zu bringen. Sitzt man dann erstmal in einem Länderparlament, schreibt man die kleinen und großen Anfragen von den bösen "Alt-Parteien" ab oder lässt sich die Vorlage von einer anderen AfD-Fraktion liefern. Hauptsache, die Diäten fließen.

Wer eine ordentlich radikal-nationalistische Gesinnung vorweisen kann, hat in vielen Landesverbänden gute Chancen, in der Hierarchie aufsteigen. Wenn es aber an der richtigen Einstellung mangelt, kann es unangenehm werden. Zum Beispiel in Niedersachsen. Parteimitglied Tanja Bojani, 41, wurde in Osnabrück satzungsgemäß als Bundestagskandidatin bestimmt. Allerdings kam sie damit wohl einem Gefolgsmann des stramm rechten AfD-Landeschefs Armin-Paul Hampel in die Quere, was zur Folge hatte, dass ihr Foto von der Partei-Website verschwand und Bojanis Listenplatz kassiert wurde. "Bin ich zu bunt für die AfD," fragte sie sich daraufhin. So gibt es in fast allen Landes- und Kreisverbänden immer wieder Zoff, weil Macht-Intrigen die Parteiarbeit überstrahlen. Der Imageschaden drückt die Umfragewerte. Noch vor einem halben Jahr standen die blauen Balken bei 13, manchmal bei 14 Prozent. Seitdem büßt die Partei kontinuierlich Stimmen ein. Derzeit liegt sie nur noch bei sieben Prozent, die Fünf-Prozent-Hürde wird plötzlich zur Existenzfrage.


AfD fürchtet sich vor dem Niedergang

Der AfD-Angstfeind Nummer eins ist aktuell die Furcht vor dem Niedergang der Partei. Das belegt auch ein kürzlich veröffentlichtes Video der Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland, in dem beide vor "dumpfen Parolen" warnen, womit Gauland freilich auch vor sich selbst gewarnt hat. Nun rächt sich auch, dass die AfD als Ein-Thema-Partei wahrgenommen wird. Weil die Parteispitze bei jeder Gelegenheit gegen den Islam und Migranten stänkert, ist das Publikum ermüdet, es fehlt der Resonanzboden, das Problem zieht nicht mehr. Als Zyniker könnte man formulieren: Der AfD gehen die Flüchtlinge aus. Die Themen-Karawane ist längst weiter gezogen .#Merkelmussweg, der Lieblings-Hashtag der Partei, kann längst weg, Merkel hat in der Kanzlerpräferenz zugelegt und steht in dieser Disziplin nun 19 Punkte vor Martin Schulz. Da wirken die wütenden Anwürfe der AfD wie Ameisen-Attacken auf einen Stahlträger, irgendwas zwischen rührend und lächerlich. Auch die wachsende Abneigung der Deutschen gegenüber dem chauvinistischen US-Präsidenten piesackt die "Alternative", die sich Trump regelrecht an den Hals geworfen hatte.

Deshalb müht sich nun die AfD verzweifelt, auf anderen Politikfeldern Gehör zu finden - meistens, in dem sie via sozialen Netzwerken so ziemlich alles skandalös findet, was im Regierungsbetrieb oder im Wahlkampf aufkommt. Die Entscheidung pro Ehe für Alle will sie vors Verfassungsgericht bringen. findet, dass Elektro-Autos gar nicht umweltfreundlich sind und fordert "Schluss mit der Gängelei!" Und nach Taubers einfältigem Minijob-Tweet ernannte die AfD den CDU-Generalsekretär in einer Facebook-Botschaft zum "Generalprofiteur einer abgehobenen Elite", bebilderte den Post mit einer Katze plus Taube und setzte zu einer kreativen Höchstleistung an: "Lieber den Spatz in der Hand als den abgehobenen Tauber auf dem Dach!" Nun ja, wen das überzeugt ...

Als in der Nacht zum Donnerstag auf dem Hof eines Hamburger Autohauses acht Porsche ausbrannten, vermutlich das Werk von G20-Gegnern, alarmierte die schleswig-holsteinische AfD-Landtagsabgeordnete Doris v. Sayn-Wittgenstein ihre Facebook-Gemeinde mit dieser Feststellung: "Terrorismus: Deutschland hat aus seiner RAF-Historie nichts gelernt!" Was man daraus gelernt haben müsste, um das Abfackeln von ein paar Sportwagen zu verhindern, erschließt sich zwar nicht, klingt aber schön dramatisch.

Die AfD und die fehlende Öffentlichkeit

Die AfD springt jedenfalls über jedes Stöckchen, doch all das digitale Geschrei findet kaum Widerhall. Im vergangenen Jahr hat die AfD die öffentliche Wahrnehmungsschwelle mit einem lockeren Flip Flop genommen, jetzt kommt sie kaum noch drüber. Nicht nur, weil sich die Methode der ständige Skandalisierung jedes Themas abnutzt. Die Talkshows haben sich in die Sommerpause verabschiedet. Da bleiben nur noch Provokationen auf Facebook, doch damit sendet die AfD an der Masse der Wähler vorbei.

Einen besonders krassen Themenwechsel hat Sachsen-Anhalts AfD-Chef André Poggenburg, verlässlich rechtsradikal und Freund von Björn Höcke, inszeniert: Er empfängt die Facebook Nutzer neuerdings mit dem Foto eines riesigen Heuballens vor blauem Himmel: "Wer real Grün will muss Blau wählen!" Da ist man schon kurz davor, Mitleid zu haben...

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