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Donald Trump: Der Präsidenten-Darsteller mit einem Streichholz in der Hand

Seit 265 Tagen residiert Donald Trump nun bereits im Oval Office. Das Resultat: das pure Chaos. Keinen einzigen politischen Deal kann er für sich verbuchen. Und je weniger Trump gelingt, desto gefährlicher wird er.

Donald Trump vernichtet mit Vorliebe Verträge und Gesetze seines Vorgängers Barack Obama

Donald Trump vernichtet mit Vorliebe Verträge und Gesetze seines Vorgängers Barack Obama. Eigene Erfolge hat er bislang nicht zu verzeichnen.

"Make America great again!" Es gibt wohl kaum einen Slogan, aus dem die Luft schneller entwichen ist als aus Donald J. Trumps politischem Schlachtruf. Die Ironie ist: Mit jedem Tag, an dem er im Weißen Haus das Regieren übt, wird es dringender, dass Amerika wieder "great" wird. Denn der Immobilien-Dealer hat nach 265 Tagen im Oval Office noch keinen einzigen politischen Deal hinbekommen – geschweige denn, abstimmungsreife Gesetzesvorlagen im Kongress zu organisieren.

Stattdessen zündet er jede Lunte an, über die er stolpert. Mit erratischen Tweets, Wutausbrüchen, Instinktlosigkeiten und persönlichen Angriffen richtet Trump in- und außerhalb der teils irreparable Schäden an. Seit Amtsübernahme haben die Faktenchecker der Washington Post 1318 falsche oder irreführende Behauptungen des Immobilien-Milliardärs gezählt, das sind im Durchschnitt fünf pro Tag. Zuletzt scheiterte seine Sprecherin Sarah Huckabee Sanders daran die Lüge ihres Chefs zu untermauern, die USA seien "die am höchsten besteuerte Nation der Welt".

Etwas hat Donald Trump aber doch erreicht

Er vertieft die Spaltung des Landes, twittert unverhohlen kriegerische Drohungen Richtung , düpiert seinen Außenminister und den Justizminister, bringt die Senatoren seiner Partei, die Republikaner, gegen sich auf, obwohl er sie so dringend zum Regieren braucht, beschimpft die Presse und wütet gegen jeden, der ihm in Quere kommt. Zwei Dinge hat er bis dato vollbracht hat: Die Würde des Amtes des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika nachhaltig zu ruinieren. 

Und zweitens erschöpft sich sein politisches Handeln, falls dieser Terminus überhaupt angebracht ist, in gnadenloser Destruktivität. Weil ihm nichts von dem gelingt, was er im Wahlkampf versprochen hat, vernichtet Trump mit Vorliebe Verordnungen, Verträge und Gesetze seines Vorgängers . Mit unüberlegten Ärmelzügen wischt er vom Tisch, was nach langen, zähen Verhandlungen einst vom Kongress beschlossen worden war. Den Atom-Deal mit Iran stellt er in Frage, aus dem Pariser Klima-Abkommen hat sich Washington zurückgezogen. Einen fertig vorliegenden Freihandels-Vertrag für den pazifischen Raum schob er als erste Amtshandlung in den Shredder.

Gerade erst stornierte die Trump Administration Obamas "Clean Power Plan". Durch Emissions-Vorgaben sollten vor allem US-Kohlekraftwerke zum Erreichen von Klimaschutzzielen beitragen. Aber jetzt: "Der Krieg gegen die Kohle ist vorbei" tönte vorgestern Scott Pruit, Chef der Umweltbehörde EPA, die nun eigentlich in Umweltverschmutzungsbehörde umbenannt werden müsste. Pruitt war in seiner Zeit als Generalstaatsanwalt von Oklahoma erbitterter Feind von Obamas grünen Plänen.

Eine glatte Erpressung 

Sein wichtigster Wahlkampfschlager, für der Trump von vermögenden Sponsoren im besonders großzügig bedacht wurde, ist gefloppt: „Repeal and replace Obamacare!“ Doch weder das Abschaffen noch das Ersetzen von Obamas Gesundheitsreform hat geklappt. Nicht alle republikanischen Senatoren folgten der Trump-Vorgabe, ein unsoziales, vor allem ein nicht durchgerechnetes Paket zu verabschieden. Trumps Steuerreform kommt ebenfalls nicht über Ankündigungen hinaus.

Abgeschafft hat er Obamas Unterstützungs-Programm für die sogenannten "Dreamer", die Kinder illegaler Immigranten. In weniger als sechs Monaten muss nun ein Ersatz her. Der Präsidenten-Darsteller verknüpft dies aber mit der Forderung an die Demokraten im Kongress, die Mittel für die Mauer zu Mexiko freizugegeben, geschätzte 20 Milliarden Dollar fürs Erste. Eine glatte Erpressung auf dem Rücken der betroffenen Jugendlichen und Kinder. Natürlich wiesen die Demokraten dieses brutale Junktim empört zurück. Wie das endet, kann niemand prophezeien.

Ein Knochen oder ein alter Schuh helfen schon 

So wurschtelt sich Trump durch die Tage, während seine Mitarbeiter mit allerlei Tricks daran arbeiten, den Commander in Chief in der Spur zu halten. Sein erster Stabschef Reince Priebus, inzwischen gefeuert und durch General John Kelly abgelöst, versuchte es mit der Methode "Abkühlen lassen und Ablenken", wie US-Medien berichten. Wenn sich Trump mal wieder über etwas aufregte, ging es erst einmal um Zeitgewinn, weil er das Thema manchmal ein paar Tage später vergaß oder doch nicht mehr so wichtig fand. Man muss sich das wohl vorstellen wie bei einem jungen Hund, den man davon abhalten will, ein Loch in dem Nagelscheren-gepflegten englischen Rasen zu graben, in dem man ihn mit etwas anderem beschäftigt. Ein Knochen oder ein alter Schuh, das hilft schon. 

Bei Trump klappte es meist, wen man ihn dazu brachte, sich mit einem vermeintlich noch wichtigeren Thema oder mit einem besseren Vorschlag zu befassen. Ein Mitarbeiter formuliert es so: "Er ist ein pfeiffender Teekessel. Wenn er keinen Druck ablassen kann, verwandelt er sich in Dampfkochtopf, der irgendwann explodiert!" Eine andere Methode, die hilft, um Trump von irrlichternden spontanen Anweisungen abzubringen ist der Einsatz externer Spezialisten und Vertrauter. Wenn es ganz dicke kam, alarmierte Priebus Trumps Freunde Stephen Schwarzman, Chef der Beteiligungsgesellschaft Blackstone oder Richard LeFrak, milliardenschwerer Immobilien-Investor. Sie sollten ihrem Buddy im Oval Office dann die Welt erklären und größeres Unheil abwenden. 

Mit einem Streichholz über einen benzingetränkten Teppich

Und dann sind da noch Stabschef John Kelly, Verteidigungsminister James Mattis und Außenminister Rex Tillerson. Auf ihnen ruhen die Hoffnungen der Republikaner. Sie mühen sich täglich, damit ihr Chef im Weißen Haus, der "Tagespflegestätte für Erwachsene", wie der einflussreiche republikanische Senator Robert Corker spottete, die Welt nicht in Flammen setzt.  

Jedoch – wer Trump nicht ergeben zu Füßen liegt, auf dem trampelt der Präsident ungeniert herum, und zwar mit Vorliebe öffentlich. Während Tillerson in Peking Gesprächskanäle nach Nordkorea sondierte, twitterte Trump, er solle seine Zeit nicht damit verschwenden. Im Übrigen sei ihm Tillerson manchmal nicht durchsetzungsstark genug. Die "New York Times" kam dann mit einer Story heraus, in der das knirschende Verhältnis zwischen Außenminister und Präsident beleuchtet wurde. Tillerson habe Trump einen "Moron", einen Trottel, genannt, war dort zu lesen. Tillerson ließ dementieren, aber der Moron war in der Welt. Darauf angesprochen meinte Trump in einem "Forbes"-Interview, falls das stimme sollte, wäre er für einen vergleichenden Intelligenz-Test mit Tillerson. Und es sei ja wohl klar, wer dabei besser aussehen würde.

Auf diesem Niveau bewegt sich also die politische Debatte in Zentrum der globalen Weltmacht USA. Das Problem: Je weniger Trump gelingt, desto gefährlicher scheint er sich zu gebärden. Es ist, als würde er mit einem brennenden Streichholz über einen benzingetränkten Teppich schlafwandeln. Jeden Tag.

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