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Olaf Scholz wird für G20 einen politischen Preis zahlen müssen

Brennende Autos, zerschmissene Scheiben, Verletzte: Die Folgen des G20-Gipfels in Hamburg - so viel ist jetzt schon klar - stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zum politischen Ertrag. Das wird auch Bürgermeister Olaf Scholz zu spüren bekommen.

Ein ausgebranntes Auto vor dem Altonaer Rathaus

Ein ausgebranntes Auto vor dem Altonaer Rathaus. Der Schwarze Block hat es geschafft, die Aufmerksamkeit von den friedlichen Demos und der großen Politik abzuziehen.

Wenn man Hamburgs Bürgermeister am Ende seiner politischen Karriere einmal fragen wird, was er am meisten bereut, wird es vermutlich dieses Zitat sein: "Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus. Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist." Das hatte er geantwortet, als es um das Gewaltrisiko während des G20-Gipfels ging. Kritik von der Opposition an diesen Sätzen hatte es schon weit vor diesem Wochenende gegeben. Doch im Lichte dessen, was sich seit Donnerstagabend in der Hansestadt abspielt, zeugt die lässige Einschätzung des SPD-Politikers nur noch von naivem Zweckoptimismus.

Entsetzte Anwohner verfolgen puren Vandalismus

Brennende Barrikaden und Prügeleien mit der Polizei gehören in Hamburg ja noch zur üblichen Demo-Folklore des sogenannten Schwarzen Blocks, der sich auch am Donnerstagabend unter die 12.000 Protestler des "Welcome to Hell"-Aufzugs gemischt hatte. Was sich aber am Freitagmorgen in einigen Stadtteilen abspielte, ist bislang beispiellos in der Hansestadt. Schwarzer Rauch stand über dem Szenestadtteil Ottensen und Abschnitten der noblen Elbchaussee.

Horden von schwarz Vermummten waren unbehelligt von der Polizei durch die Straßen gerannt und hatten eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Die Scheiben zahlloser Autos wurden eingeschlagen, darunter viele Kleinwagen, dann flogen Bengalos in den Innenraum und die Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Mülltonnen brannten, Benzin wurde auf den Fahrbahnen entzündet, Steine flogen auf Privathäuser, Fensterscheiben gingen reihenweise zu Bruch. Entsetzte Anwohner verfolgten aus ihren Fenstern puren, ungezügelten Vandalismus.


Damit hat es der Schwarze Block geschafft, die Aufmerksamkeit von den legitimen Forderungen der überwiegend friedlichen Demonstranten abzuziehen. Selbst die große Politik geriet zur Nebensache, weil sich die Augen der Welt auf die wüsten Krawalle richteten. Und es ist erst Gipfel-Halbzeit! Angeblich kursiert unter den Gewaltbereiten der Plan, die besseren Wohnviertel "abzuarbeiten". Was damit gemeint ist, konnte man am Morgen beobachten.

Letzter G20-Gipfel in deutscher Großstadt

Der Preis, den die Hamburger für diesen Gipfel zahlen müssen, ist jedenfalls ziemlich hoch. Unangemessen hoch. Selbst wenn die Staats- und Regierungschefs in den Hamburger Messehallen am Samstagabend ein vermutlich windelweiches gemeinsames Kommuniqué hinterlassen werden, ist es fraglich, ob die -Runde in der aktuellen Zusammensetzung zur Lösung der weltweiten Probleme wirklich beitragen kann. Zumal diese Vereinbarungen völkerrechtlich nicht bindend sind. Bewegung bringen ohnehin meist nur die Vier-Augen-Gespräche am Rande der großen Runde. Und solche Treffen lassen sich effizienter und übersichtlicher organisieren, anstatt in Kauf zu nehmen, dass ganze Straßenzüge verwüstet werden. 

Nach den Erfahrungen, die Hamburg aktuell hinnehmen muss, dürfte feststehen, dass dies der letzte Gipfel in einer deutschen Großstadt war – ob im G7- oder G20-Format. Damit hätten die Gewalttäter zwar ihr Ziel erreicht. Andererseits steht der politische Ertrag dieser Großveranstaltung in keinem vernünftigen Verhältnis zum gigantischen Aufwand, zur Zahl der Verletzten, der Sachbeschädigungen, zu den Zumutungen für die Bürger der Stadt und den hässlichen Bilder, die das politische Geschehen in den Hintergrund rücken. 

Und auch Olaf Scholz wird dafür einen politischen Preis zahlen müssen. Die Diskussion darüber beginnt spätestens am Montag. Wenn die 6500 Offiziellen abgereist sind und die Stadt mit Aufräumen beschäftigt sein wird.


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