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Merkel meets Trump oder: Physikerin trifft Schaumschläger

Am Dienstag prallen im Weißen Haus zwei politische Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Angela Merkel trifft Donald Trump. Ein Horror für die Fakten-verliebte Kanzlerin.

Könnten unterschiedlicher nicht sein: Angela Merkel (l.) und Donald Trump

Könnten unterschiedlicher nicht sein: Angela Merkel und Donald Trump

Sie werde "das Land ruinieren", er prophezeite "Aufstände in Deutschland" und nannte Merkels Flüchtlingspolitik "irrsinnig". Was der Bundeskanzlerin in den vergangenen zwölf Monaten so alles an den Kopf geworfen hat, war eine Herausforderung für Merkels oft gepriesenen Langmut. Bei ihrem Besuch am kommenden Dienstag im Washington wird sie über die Entgleisungen des Schaum-schlagenden Präsidenten geflissentlich hinwegsehen, vergessen hat sie die Anwürfe nicht.

Trump seinerseits wird sich daran erinnern, dass die Kanzlerin ihm am Wahltag erst einmal eine Belehrung verpasst hatte: Sie bot ihm "enge Zusammenarbeit" an auf der Basis gemeinsamer Werte – ", Freiheit, dem Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung." Dass dieser Hinweis dringend geboten war, hat der US-Präsident in den ersten Wochen seiner Amtszeit ausreichend unter Beweis gestellt. Rechtsstaatlichkeit betrachtete er eher als hinderlich und seinen Palmen-gesäumten Golfplatz in Mar-a-Lago liebt er mehr als die Wahrheit.


Da prallen also am Dienstag im Weißen Haus zwei politische Welten aufeinander. Die abgeklärte, mit bald zwölf Jahren Erfahrung als Regierungschefin gerüstete und Donald Trump, der Präsidenten-Darsteller, der sein Ego besser managt als seine Regierung. Bislang haben die beiden telefoniert, aber sich noch nicht in die Augen gesehen. Deshalb wird das Treffen im politischen Umfeld tief gehängt und als "Kennenlernen" verkauft. Ob daraus irgendwann mal eine "enge Zusammenarbeit" wird, ist vollkommen offen. Denn die politische Agenda der Trump-Administration klingt mit Blick auf die EU und Deutschland eher feindselig. Sie verfolgt langfristig zwei Ziele:

Trump, die EU und die seltene kleine Schnecke

Erstens: Die europäische Gemeinschaft zu schwächen, am liebsten zu zerstören. Trump folgt dabei der nationalistischen Ideologie seines Chef-Strategen Stephen Bannon, der das wirtschaftliche Heil ausschließlich in bilateralen Abmachungen sieht. So ließe sich die ökonomische Dominanz der USA leichter ausspielen. Sämtliche supranationalen Bünde wie die EU oder beispielsweise das geplatzte asiatisch-pazifische Handelsabkommen TPP sind in Bannons Augen Teufelszeug, weshalb sein Präsident den Brexit feiert wie eine überfällige Revolution. Doch an der EU wird Trump nicht vorbeikommen. Was Handelsthemen angeht, haben die Mitgliedstaaten ihre Rechte und Kompetenzen an Brüssel übertragen.

Trumps Erkenntnisse über Europa speisen sich hauptsächlich aus Gesprächen und wenigen persönlichen Erlebnissen. Dazu gehört auch eine für ihn unangenehme Erfahrung mit einschlägigen EU-Vorschriften: Um seinen luxuriösen Golfclub mit dazugehörigem Hotel im irischen Doonberg vor den Atlantikwellen zu schützen, wollte er einen langen Schutzwall aufschütten lassen. Doch dort lebt eine seltene kleine Schnecke, und die ist ebenso wie die Küstendünen nach europäischen Umweltschutzrichtlinien unantastbar.

Das hat Donald Trumps Bild von Europa nachhaltig geprägt, wie man hört. Er war dermaßen sauer, dass er die Geschichte sogar der britischen Premierministerin Theresa May bei ihrem ersten Besuch in Washington aufgetischt hat. Auch seine Gespräche und Abendessen mit EU-Gegner, Brexit-Treiber und Ukip-Politiker Nigel Farage dürften ihn in seiner Sicht bestärkt haben, dass die EU ein Auslaufmodell sei und Deutschland die Staatengemeinschaft wirtschaftlich aussaugen würde. Diese Haltung zeugt nicht gerade von Sachkenntnis, aber darauf nimmt der amerikanische Präsident auch bei anderen Themen keine Rücksicht.

Trump riskiert einen globalen Handelskrieg


Das zweite Thema, um das es bei Merkels Besuch gehen dürfte: Das Weiße Haus will das gigantische US-Handelsdefizit (734 Milliarden Dollar) reduzieren, das auch im Verhältnis zu Deutschland besteht (ca. 75 Milliarden Dollar). Das bedeutet, dass die Bundesrepublik wesentlich mehr Waren und Dienstleistungen in die Vereinigten Staaten exportiert, als von dort importiert. Geradezu obsessiv droht Trumps Wirtschaftsberater Peter Navarro ausländischen Handelspartnern wie China und Deutschland seit Wochen mit Gegenmaßnahmen. Die Republikaner im Kongress basteln derzeit an einer Wareneinfuhrsteuer ("Border Adjustment Tax", BAT), die grob gesagt amerikanische Exporte attraktiver und Importe unattraktiver machen würde. Es ist bislang unklar, ob dieses Lieblingsinstrument der Trump-Entourage einzelne oder alle Länder treffen würde. Jedenfalls könnte die BAT den befürchteten Handelskrieg auslösen.

Was Peter Navarro mit Blick auf Deutschland nicht akzeptieren will: Der niedrige Euro-Kurs, der auch deutsche Exporte befeuert, ist keine Erfindung der Berliner Regierung sondern Ergebnis der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Der in Amerika mehr als umstrittene Ökonom ist der Meinung, dass Deutschland im Alleingang in der Lage sei, die Ungleichgewichte zu beseitigen. Da kann man ihm nur weiter schöne Träume wünschen.

Angela Merkel wird sich jedenfalls darauf einstellen müssen, dass bei den Gesprächen in Washington Wunsch und Wirklichkeit hart aufeinanderprallen werden, wie sie es nur selten in politischen Auseinandersetzungen erlebt haben dürfte. Ein Horror für die Fakten-verliebte Physikerin! Es wird für die Kanzlerin schwer werden sich damit abzufinden, dass Fakten kaum noch dabei helfen, Meinungsverschiedenheiten zu überbrücken.

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