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Pegida röchelt noch

Pegida macht sich mit schwachsinnigen Forderungen weiterhin lächerlich - und schrumpft zu einem kleinen Häuflein Islamphobiker zusammen. Doch der braune Sumpf ist noch lange nicht trockengelegt.

Ein Mensch in Regenjacke läuft mit einer Flagge mit Pegida-Print über Kopfsteinpflaster.

Ein einsamer Pegida-Anhänger

"Pegida darf nicht sterben" ist auf dem Plakat zu lesen, das aus der überschaubaren Menschenansammlung in der Dresdner Innenstadt ragt. Zu spät. Pegida ist klinisch tot.

Bei den sogenannten Spaziergängen dieser natonalistischen "Bewegung" marschieren regelmäßig nur noch ein paar hundert Unverdrossene mit, die Resterampe dessen, was vor einem Dreiviertel Jahr vorübergehend die Weltöffentlichkeit beschäftigt hatte. Glatzen in Dreiviertelhosen, ein paar versprengte Rentner, vorneweg die rechtsradikale Oberlehrerin Tatjana Festerling und der ewig gestrige Lutz Bachmann. Immerhin stand sein Name neulich mal wieder in der Zeitung, weil er einen Farbbeutel abbekommen hatte. Man ist ja für alles dankbar. Die Dresdner Polizei hat das Zählen der Demo-Teilnehmer inzwischen eingestellt, sie will sich nicht mehr an den "wöchentlichen Zahlenspielereien" beteiligen, allenfalls noch um "verkehrsleitende Maßnahmen" kümmern.

Schreckliche Nachrichten für die Islamophoben

Dass es Pegida noch nicht mal mehr ins Sommerloch schafft, sind schreckliche Nachrichten für die Islamophoben. Getrieben von Existenznöten erfinden die Organisatoren immer absurdere

 Forderungen, um die öffentliche Erregungskurve ansteigen zu lassen. Geboten wird ein Kessel Buntes, dessen unfreiwillige Komik eine ganze Heute Show füllen könnte. Die neueste Bombe: Sachsen soll aus dem Rundfunkstaatsvertrag aussteigen. Frau Festerling fordert ernsthaft einen Volksentscheid "gegen die GEZ". Diese Gebühr gibt es zwar seit zweieinhalb Jahren nicht mehr - sie wurde durch die Haushaltsabgabe ersetzt. Macht aber nichts, bei Pegida setzt man ja ganz auf Tradition.

Weil das die Massen nicht so richtig in Wallung bringt, forderte die fulminant gescheiterte Dresdner Ex-Oberbürgermeister-Kandidatin am vergangenen Wochenende zum "zivilen Ungehorsam" auf. Sie hatte einen raffinierten Dreierschlag ersonnen, bei dem allerdings nicht ganz klar ist, gegen wen oder was sich die Maßnahmen richten. "Konten auflösen, das Geld von der Bank holen", außerdem empfahl sie "kollektives Kranksein" und, ganz wichtig: "Kauft nichts am Mittwoch!" Nun muss sich der Einzelhandel aber nicht wirklich Sorgen machen, denn die Kaufkraft der versprengten Pegida-Anhänger dürfte die sächsische Mikroökonomie kaum ins Wanken bringen.

Sofortige "Massenabschiebung von Flüchtlingen"

Bis hierhin wäre das eigentlich alles noch recht amüsant, aber Pegida wäre nicht Pegida,  wenn sie nicht auch ganz tief im trüben Wasser schöpfen würde. Erwartungsgemäß forderte Tatjana Festerling auch eine sofortige "Massenabschiebung von Flüchtlingen" und Lutz Bachmann rief ins Mikrofon, man solle doch bitte vor den Häusern und Büros von Lokalpolitikern und Landräte demonstrieren, in erster Linie gegen die Flüchtlingspolitik. 

Das alles klingt nach Verzweiflung, ein hoffentlich letztes rhetorisches Aufbäumen einer Gruppierung mit neonazistischen Anwandlungen, die jetzt im braunen Sumpf untergeht. Um das zu verhindern, reihen sich Bachmann und Festerling in die Front derjenigen ein, die in Sachsen Stimmung gegen Asylbewerber machen. Da kam eine Schlägerei zwischen syrischen und afghanischen Flüchtlingen am Wochenende in einem Dresdner Zeltlager gerade recht. Pegida-Anhänger ließen sich von einem albanischen Lagerbewohner ein Handy-Video zeigen, auf dem stühlewerfende und stöckeschwingende Männer zu sehen sind. Für ein Paar Turnschuhe ließ sich der Albaner das Video abschwatzen, so berichtet die Sächsische Zeitung. Lutz Bachmann veröffentlichte das Filmchen anschließend auf der Pegida-Facebookseite mit der passenden Propaganda-Lyrik: "Breaking News aus dem Camp. Das sind also die traumatisiert Ärzte und Ingenieure, die sorgsam und dankbar mit Steuergeldern finanzierten Hilfsgütern umgehen."

Pegida widerspricht sich selbst

Dieser schmierige Populismus widerspricht zwar dem ersten Punkt im Pegida-Positionspapier ("PEGIDA ist FÜR die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten. Das ist Menschenpflicht!"). Aber mit diesem großen Worten sollte den Hetz-Demos ohnehin lediglich ein zivilisatorischer Anstrich verpasst werden.

Es half nichts, der Fanclub von Bachmann & Co schrumpft seitdem kontinuierlich. Dazu beigetragen hat auch die Berichterstattung der "Lügenpresse", die immer wieder die irrlichternden Eskapaden der Pegida-Führung veröffentlichte. Das hat dann doch nicht jedem Dresdner Demonstranten gefallen, der anfangs noch an die Verfolgung  ernsthafter Ziele geglaubt haben mag.

Also, alles prima jetzt? Nein, natürlich nicht. Wahr ist leider auch: Die dumpfe Wut auf Flüchtlinge wächst, nicht nur in Sachsen. Der braune Sumpf ist noch lange nicht trockengelegt.

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