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18. März 2004, 13:46 Uhr

Afrikas Hoffnung

Demokratie, Freiheit, Menschenrechte - Südafrika könnte zum Modell für den Kontinent werden. Doch statt der alten Rassentrennung herrscht neue Klassentrennung. Die Armut ist längst nicht überwunden.

Die schwarze Upper-Class feiert Hochzeit, wie sie es aus US-Fernsehserien kennt: im Nobelhotel mit Brautjungfern, gekleidet in einheitliches Weiß© Per-Anders Pettersson

Als Dan Ndzabela seine Würde zurückbekommen sollte, war er schon 81. Ein schwarzer Mercedes stoppte vor seinem rosafarbenen Häuschen im Township Guguletu Nummer 114 und chauffierte ihn hinaus aus der Welt der Schwarzen, 20 Kilometer weit, bis ins Zentrum von Kapstadt. Der Fahrer eskortierte ihn zu einem mit Leder bezogenen Lehnstuhl, der vor einem zweistöckigen, blütenweißen Haus stand. Der Alte hatte kaum Platz genommen, als Nelson Mandela im platinfarbenen Mercedes 500 vorfuhr. Der Held des südafrikanischen Befreiungskampfes umarmte ihn, überreichte ihm einen übergroßen Schlüssel für sein neues Heim und sagte: "Von hier sollen Sie niemals wieder vertrieben werden."

Das Datum für den feierlichen Akt war mit Bedacht gewählt. Der 11. Februar war der Jahrestag eines Fanals, jenes Morgens 1966, an dem die weißen Herren Südafrikas am District 6 Schilder aufstellen ließen, "Zur ausschließlichen Nutzung von weißen Menschen", sie besiegelten die Vertreibung der Bewohner aus dem Multikulti-Viertel in bester Citylage und beendeten gewaltsam das friedliche Zusammenleben von Juden, Muslimen und Schwarzen.

Am 11. Februar jährte sich aber auch die Freilassung Mandelas zum 14. Mal. Und rechtzeitig vor den dritten demokratischen Wahlen in Südafrika Mitte April sollte die Rückkehr der ersten ehemaligen Bewohner des District 6 als der endgültige Durchbruch zum neuen Zeitalter gefeiert werden.

"Ich habe nie gedacht, dass wir zurückkommen würden"

Dan Nzdabela, so stand es auf Plakaten, war einer der "Pioniere zur Entpolarisierung Kapstadts". Die Tür zu seinem neuen Haus war mit einer roten Schleife geschmückt. Dahinter hing ein großes Porträt des künftigen Bewohners mit einem Zitat von ihm: Aber erst wenn ich den Schlüssel in Händen halte, glaube ich, dass es wahr ist, dass wir die Schlacht gewonnen haben."

Zehn Jahre nach Ende der Apartheid trauen viele Südafrikaner dem Frieden noch nicht. Statt Bürgerkrieg herrscht politische Stabilität, statt Wirtschaftskrise gibt's Wachstum, statt Chaos kehrte der Tourismus ein, statt Unterdrückung Rechtsstaatlichkeit. Nach 300 Jahren Kolonialherrschaft und fast einem halben Jahrhundert Rassenunterdrückung eine zehnjährige Erfolgsstory - getrübt allerdings von dem Umstand, dass die 22 Millionen Armen im Land heute ärmer sind als unter der weißen Herrschaft und die Arbeitslosigkeit auf 42 Prozent anstieg. Auf Dauer könnte das die junge Demokratie gefährden. "Wenn nicht mehr für diese Menschen getan wird", sagt selbst Moeletsi Mbeki, der 58-jährige Bruder des Präsidenten, "führt der Weg in die Katastrophe. Die Armen haben bis heute am meisten am Vermächtnis der Apartheid zu leiden."

Am Tag der "Rückkehr der Älteren" sollte diese Erblast endgültig von Dan Ndzabela genommen werden. Er war 37 und arbeitete als Reifenflicker in einer Autowerkstatt, als er aus Kapstadt vertrieben wurde, einer von insgesamt 60 000. "Als ich eines Tages heimkam, lag der Räumungsbefehl da", sagt der Alte. Von da an war er nur noch zum Arbeiten im Stadtgebiet geduldet, bis zum Einbruch der Dunkelheit. Mit seiner Frau Maria und seinen drei Töchtern zog er von seinem Ziegelhaus in die ihm zugewiesene Wellblechhütte des Townships. Im Sommer verwandelte die Sonne die Hütte in einen Glutofen, im Winter wars erbärmlich kalt. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser. "Aber am schlimmsten war, dass ich nicht mehr zur Kirche gehen konnte."

Man wollte jede Erinnerung tilgen

Im District 6 rückten die Bulldozer an. Die Straßenschilder landeten zum Großteil mit dem Bauschutt im Meer. Man wollte jede Erinnerung tilgen, sogar den Namen des Viertels, das nun "Sonnenblume" hieß. Es blieb Brachland. Das neue Heim von Dan Ndzabela wirkte am Tag seiner symbolischen Rückkehr genauso verloren wie sein künftiger Bewohner. Der Putz an der Hofseite fehlte, der Balkon an der Front ebenso. Ein Vorhang versperrte den Blick ins Innere des Gebäudes. Erst tags zuvor hatten Handwerker das Dach gedeckt, das Treppengeländer geschweißt, Kabel verlegt. Politiker hielten Sonntagsreden. Ndzabela lächelte. Dann wurde er in dem schwarzen Mercedes ins Township zurückexpediert. Guguletu heißt Hoffnung. Die braucht der alte Mann.

Seine alte und künftige Heimat liegt inmitten der am zweitschnellsten wachsenden Stadt Südafrikas. Die Grundstückspreise in Kapstadt haben sich seit der Wende mitunter vervierfacht. Das größte Immobilienbüro hat in den vergangenen sechs Jahren von sieben auf 70 Makler aufgestockt. Längst gibt es Agenten, die ihren Kunden in deutscher, italienischer und französischer Sprache dabei helfen, sich am Kap der Guten Hoffnung den Traum vom schönen Leben zu erfüllen. Sonne, Golf und guter Wein machen den Lifestyle aus. Dazu kommt, dass ein Dienstmädchen für einen Tag Arbeit gerade mal so viel bekommt wie in Deutschland die kroatische Putzfrau pro Stunde. Seit den Anschlägen aufs World Trade Center kommen Neusiedler sogar aus Amerika. Sie halten die Kap-Provinz für das neue Kalifornien. Und wähnen sich sicherer als in der Heimat, auch wenn ihr Weg vom Flughafen von Tausenden von Bretterbuden gesäumt ist, in denen Aids und Tuberkulose zu Hause sind und Banden, die die City mit Drogen und Kriminalität jeglicher Art versorgen.

Luxuriöse Apartmenthäuser säumen die Uferstraßen in Sea Point, Bantry Bay oder Clifton, auch das Monaco Afrikas genannt. Kräftige schwarze Hände tragen monströse Felswände an der Steilküste ab, um immer weitere Prunkbauten hochzuziehen.

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