Vier Jahre nach den Anschlägen vom 11. September musste die Stadt New York die Notrufe und Einsatzbefehle vom Tag des Infernos auf richterliche Anordnung herausgegeben. Über Leben oder Tod entschied oft der Zufall. Von Peter Meroth

Angriff auf Amerika: Ein zweites Flugzeug nähert sich am 11. September 2001 gegen 9 Uhr (Ortszeit) dem Südturm des World Trade Centers in New York. Kurz zuvor war die erste Boeing in den Nordturm gerast© Seth Mcallister/AFP/DPA
Auf gerichtliche Anordnung musste die Stadt New York die Notrufe und Einsatzbefehle vom 11. September 2001 veröffentlichen. Familienangehörige von Feuerwehrleuten, die bei dem Einsatz ums Leben kamen, hatten die Freigabe zusammen mit der "New York Times" Mitte August dieses Jahres erstritten. Zu den Dokumenten, die das Chaos des Einsatzes in neuer Schärfe bloßstellen, gehören auch Berichte von Rettern, die in den Wochen nach 9/11 von einer Untersuchungskommission interviewt wurden. Zusätzliche Mitschnitte des Funkverkehrs liefern einen Soundtrack des Grauens.
Die Dokumentation umfasst 23 CDs, die zum Stückpreis von 23 Dollar an akkreditierte Journalisten abgegeben wurden, das Gesamtpaket für 529 Dollar. Eine CD allein enthält laut "New York Times" eine Datenmenge von 12.000 DIN-A-4-Seiten - andere US-Medien sprechen von insgesamt 12.000 Seiten.
Erstmals wurden auch die Berichte von rund 200 Sanitätern und Notärzten publik gemacht. Wie viele Feuerwehrleute beklagen auch sie, dass es vor Ort kaum möglich war, Einsatzleiter zu finden oder klare Anweisungen zu erhalten. Der Funkverkehr brach ständig zusammen. Meist waren die Helfer auf sich allein gestellt.
Nicht einmal die Toten unter den Rettern wurden richtig gezählt. 341 Feuerwehrleute und zwei Sanitäter der Feuerwehr starben laut offizieller Statistik. Tatsächlich aber kamen sechs weitere Sanitäter ums Leben, Angestellte privater Hilfsdienste. "Wir haben immer nur von unseren Verlusten gesprochen", räumt Feuerwehrkommandeur Goldfarb ein, "aber auch die anderen sechs starben beim gemeinsamen Einsatz."
Ein medizinisches Notfallteam leistete einem Feuerwehrmann erste Hilfe, der von einem aus dem World Trade Center herabfallenden Körper getroffen worden war. Der Mann hatte furchtbare Verletzungen und zeigte kein Lebenszeichen mehr, doch die Sanitäter setzten ihre Wiederbelebungsversuche fort - aus Rücksicht auf die schockierten Firefighter, die in der Nähe waren. Feuerwehrleute beschreiben, wie sie unter der Last der Ausrüstung und der Schutzkleidung ächzten, die fast hundert Pfund wogen, und wie sie es dennoch schafften, durch die Treppenhäuser 20, 30 Stockwerke hinaufzusteigen. Viele ihrer Kameraden liefen in den Tod.
Auszüge aus dem Bericht von Vize-Kommandeur Joseph Callan zeigen, dass es möglich gewesen wäre, die Retter rechtzeitig aus den einstürzenden Hochhäusern zurückzuziehen, wenn die Funkgeräte funktioniert hätten.
Callan: "Ich erkundete die Umgebung des Nordturms. Ungefähr acht der oberen Stockwerke waren in Brand. Als ich um das Gebäude herumging, sah ich, wie das zweite Flugzeug in den Südturm raste. Sofort richtete ich in der Lobby des Nordturms meinen Kommandostand ein. Eine Einheit nach der anderen traf ein, und wir begannen, Feuerwehrleute nach oben zu schicken. Ich instruierte sie, dass sie gar nicht erst versuchen sollten, das Feuer zu löschen, sondern die oberen Stockwerke evakuieren.

Im Angesicht des Todes: Die oberen Teile der Wolkenkratzer gingen nach den Explosionen in Flammen auf - für die eingeschlossenen Menschen kam jede Hilfe zu spät© Abrams/AFP/DPA
Etwa 40 Minuten, nachdem ich den Kommandoposten errichtet hatte, entschied ich, dass das Gebäude nicht mehr sicher genug sei. In der Lobby fielen große Stücke der Deckenverkleidung herunter, außen begannen die sieben Meter hohen Scheiben der Glasfassade zu brechen. Offenbar gab das Gebäude nach. Per Funk gab ich Befehl an alle Feuerwehreinheiten, den Nordturm zu verlassen. Etwa zehn Minuten danach stürzte der Südturm ein.
In der Lobby des Nordturms riefen wir alle zusammen, die greifbar waren, und Kommandant Pfeifer gab den Befehl 'Mayday für alle', raus aus dem Turm. Wir suchten dann nach einem Fluchtweg aus dem Haus. Die Sicht war Null. Etwa zehn von uns stiegen über die Rolltreppe von der Lobby ins Zwischengeschoss, von da über einen Laufsteg zum Anbau und von da auf die Straße."
Frage: "Sie sagten, der Funkverkehr war eingeschränkt?"
Callan: "Die Verständigung über die Walkie Talkies funktionierte kaum. Ich glaube, das liegt an der Gebäudekonstruktion. Das Problem mit den Funkgeräten haben wir generell in solchen Häusern. Oft schon mussten wir uns mit Alternativen behelfen, meist haben die Gebäude interne Kommunikationssysteme. Aber bei diesem speziellen Einsatz war das sofort außer Betrieb. Wir hatten kaum Kontakt zu den Einheiten in den oberen Stockwerken, für mich war das ein Riesenproblem."
Hilferufe aus der Hölle Auf der Website der "New York Times" kann man die 9/11-Notrufe im Original hören.