
Mao Tse Tung auf Werksbesuch© Picture-Alliance
Die Chinesen bekommen Mao kaum zu Gesicht. Fast immer fährt er im eigenen Sonderzug. Doch je mehr er sich abschottet, desto ekstatischer reagieren die Massen, wenn sie ihren Führer doch einmal leibhaftig erblicken. So berichtet ein Leibwächter von Maos Versuch, in einem Restaurant zu Mittag zu essen. Schon Stunden zuvor ist der Laden abgeriegelt. Als ihn aber eine Nachbarin am Fenster entdeckt, beginnt sie vor Verzückung so laut zu schreien, dass die gesamte Straße zusammenläuft. Erst sechs Stunden später gelingt es dem lokalen Polizeikommandanten, Mao aus dem Restaurant zu schleusen.
Skeptischer gegenüber den Kommunisten zeigen sich die Intellektuellen des Landes. Sie gelten im roten China nun als Klassenfeinde, die Erziehungskurse durchlaufen müssen und aufs Land verschickt werden. Viele Schriftsteller oder Lehrer tun sich schwer, Konfuzius auf dem Altar der roten Ideologie zu opfern. Da entschließt sich die KP-Spitze im Februar 1956, die widerspenstigen Denker quasi per Umarmung auf ihre Seite zu ziehen.
"Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Denkschulen in Wettstreit treten", fordert Mao in einer Rede und lanciert damit die sogenannte Hundert-Blumen-Kampagne: Die Menschen sollen öffentlich Kritik äußern, um so das System zu verbessern. Nach anfänglicher Vorsicht werden die Behörden geradezu überrannt. Auf Wandzeitungen beklagen Chinesen das Machtmonopol der Kommunisten als "Wurzel allen Übels", vergleichen die kommunistische Verfassung gar mit "Toilettenpapier".
Noch heute sind die Hintergründe des allseitigen Tauwetters - sogar geschlitzte Röcke sind wieder auf den Straßen zu sehen - nicht ganz geklärt. Wollte Mao tatsächlich auf Kritik reagieren? Oder war es nur eine Falle, um die Intelligenz aus der Reserve zu locken, wie seine Biografen Jung Chang und Jon Halliday behaupten?
Ob aus Entsetzen über die Klage-Lawine oder aus Kalkül - die "Hundert Blumen" verdorren ebenso rasch, wie sie aufgeblüht sind. Bis zum Jahresende werden mehr als 300.000 Intellektuelle verbannt oder in Arbeitslager geschickt, darunter auch Tausende, die sich gar nicht zu Wort gemeldet hatten.
Mao sieht in der Intelligenz eher den Feind als den Verbündeten. Auch die alten Bücher, vor denen er sich in späteren Jahren gern zeigt, dienen - dreist zusammengestohlen - nur als Dekoration. Macht ist die entscheidende Kategorie seines Denkens. Das gilt auch für sein Verständnis von internationaler Politik, sogar gegenüber der Sowjetunion.
Zwar hatten die Genossen in Moskau das chinesische Abenteuer in den 20er und 30er Jahren nahezu komplett finanziert, zwar haben sie noch Anfang der 50er Jahre nicht nur mit Krediten, sondern auch mit Experten für Atomwaffen ausgeholfen, doch nach dem Tod Stalins 1953 sieht Mao in der Sowjetunion immer mehr den Konkurrenten, wenn nicht den Feind. Und so ist denn auch seine Reise durch die Provinz zu Beginn des Jahres 1958, das Ausrufen des "Großen Sprungs nach vorn" im Mai, sind die absurd hohen Wachstumsziele bei Stahl und Getreide (das Mehrfache der Weltproduktion) nicht nur der Versuch, den Westen zu überholen, sondern auch die Vorherrschaft innerhalb des kommunistischen Blocks zu erringen.
Doch schon das Projekt, Stahl im Hinterhof zu verhütten, scheitert kläglich. Das aus den Minihochöfen gewonnene Metall ist zu nichts zu gebrauchen. Als die Aktion nach einem Jahr abgebrochen wird, ist die Landschaft übersät mit rostenden Eisenblöcken und Skeletten von Häusern, deren Holzwände in den Öfen verfeuert wurden. Auch die anderen Massenprojekte, die Flussregulierungen mit Spitzhacke und Spaten, die Arbeiten an gigantischen Kanälen, der Kampf gegen die Spatzen - die Vögel sollen durch Krach daran gehindert werden, sich niederzulassen, und schließlich an Erschöpfung sterben -, bringen das Land nicht voran. Schlimmer noch: Sie entziehen der Landwirtschaft die so nötige Arbeitskraft.
Dann folgt auch noch eine Dürre. Anstatt zu steigen, brechen die Erträge dramatisch ein. Die Menschen beginnen zu hungern, dann zu verhungern. 1960 gibt es in den Städten nur noch 1,5 Kilo Fleisch für jeden - pro Jahr. Um zu überleben, verkaufen Männer ihre Frauen, andere versuchen mit Baumrinde, Aprikosenkernen oder Algen die Mägen zu füllen, wieder andere scheuen in ihrer Verzweifelung selbst vor Menschenfleisch nicht zurück. Eine nach Maos Tod entstandene Studie verzeichnet für einen Bezirk in der Provinz Anhui 1960 allein im Frühjahr 63 Fälle von Kannibalismus, darunter ein Ehepaar, das seinen achtjährigen Sohn erwürgt und aufisst.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2009